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Musikalische Sonnentage in den Alpen

Es gibt unterschiedliche Fraktionen unter heimischen Musikern. Manche halten das Auseinanderdividieren von „österreichischer“ und „internationaler“ Musik für heimattümelnden PR-Schwachsinn. Andere rücken den Zusammenhang des Entstehens in den Vordergrund - schließlich geht es um die Förderung gemeinsamer Strukturen und um Außenwirkung.

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„A poa Beweismittel zerstörn warad gscheit“ in der „Hittn“ vor „seim Haus“, singt Der Nino aus Wien in seinem neuen Doppelalbum, das im Mai erscheinen wird. Eigentlich sind es zwei Alben: „Träume“ und „Bäume“. Den Nino kann man sich als Reporter vorstellen, der aus einer Erfahrungswelt berichtet, die sonst selten reflektiert wird. Einer Welt von jungen Menschen, die den „Sterz von der Urli“ essen, gerne in Beisln tschicken, dann und wann fünf Bier trinken und sich manchmal gegenseitig nicht aushalten, „die Susi, die Daisy, die Klara, der Martin, der Klaus“.

Nino aus Wien

Radio FM4/Christian Stipkovits

Der Nino aus Wien, in einem Moment der Innerlichkeit

„Die Klara is abposcht mit mein Hawara.“ Ein guter Reporter berichtet von den kleinen Dramen des Alltags und verleiht ihnen Bedeutung, sie verweisen dann auf die großen „Fürchterlichkeiten, die Stimmen der Macht“. Musikalisch schließt der Nino mit „Bäume“ und „Träume“ an den frühen Austropop an, womit nicht dessen in den späten 80ern in Studios zu Tode genudelter Billig-Synthie-Abklatsch gemeint ist. Herrlich absurd, lustig, nachdenklich sind beide. „Bis 2020 bleib ich grantig“, singt der Nino. Es gilt bis dahin noch genügend Beweismittel zu zerstören in der Hittn vor dem Hause Österreich.

Blick auf ein Alpen-Land

Der Nino räumt aus seiner Hütte abgeschlagenes 70er-Jahre-Geschirr aus. Er lebte noch nicht, als es gekauft wurde, im Gegensatz zu den Mitgliedern der Band Kreisky, die mit einer schönen Reminiszenz für 70er- und 80er-Jahre-Kinder einen kleinen Coup gelandet haben: Im Video zu ihrer neuen Single „Pipelines“ reitet Sänger Franz Adrian Wenzl (in seiner Zweitidentität ist er der Queen-Performer „Austrofred“) auf Fuchur, dem Originalhundedrachen aus „Die unendliche Geschichte“. Ganz Kreisky-untypisch hätte der Song das Zeug zum „Sommerhit“.

Die Band Kreisky

FM4 Radio

Kreisky bei ihrem FM4-Gig: auf Augenhöhe mit dem Publikum

Auch die anderen Lieder auf dem Album „Blick auf die Alpen“ sind weniger sperrig als bisher, insgesamt sind sie zugänglicher, mit Texten, die aber noch immer genauso viel Poesie in sich tragen: „Der Mensch gehört in die Wohnung, auf eine Sofagarnitur. Der Mensch gehört nicht in die Wildnis. Das ist wider die Natur.“ Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ resümierte: „Musik von heute für Menschen mit starken Nerven.“ Das einflussreiche Musikmagazin „Spex“ schrieb: „(...) und doch erreichen sie mit dem neuen Album die Klarheit und Weitsicht eines Sonnentags in den Alpen.“

Frohlocken in der Badewanne

So viel Aufregung wird dann auch in Österreich wieder wahrgenommen, etwa im „Falter“ (der allerdings auch sonst über heimische Acts schreibt), der die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert: „‚Österreicher machen bessere Popmusik als Deutsche‘, lautete die gewagte These, die Gruppen Bilderbuch, Kreisky und Ja, Panik wurden an erster Stelle als Belege dafür genannt.“ Bei Bilderbuch bezieht sich die Aufregung vor allem auf „Maschin“ und das dazugehörige Video vom letzten Herbst, das auf YouTube für Hunderttausende Zugriffe sorgte. Bilderbuch werden im Mai den FM4 Amadeus Award verliehen bekommen.

Ja, Panik hatten heuer den Reigen an gefeierten Albumveröffentlichungen mit „Libertatia“ eröffnet. Sie schafften es damit zum zweiten Mal als Aufmacher auf die Titelseite des „Spex“. In Partylaune kommt man - ebenfalls ungewöhnlich - mit dem Titelsong „Libertatia“ und dem feinen Video dazu. Die Burschen frohlocken in der Badewanne: „Wo wir sind, ist immer Libertatia, worldwide befreit von jeder nation.“ Und zum Abschied, zwischen Berlin und Burgenland, heißt es: „tschüss und baba.“

Traumverlorene Präzision

Ebenfalls zwei sehenswerte Videos gibt es zu Garishs Album „Trumpf“. In „Ganz Paris“ läuft ein Hund durch die Stadt, was dem Text eine ganz andere Bedeutung gibt, in „Auf den Dächern“ heißt es zu eindringlichen Bildern: „Einen Vollidioten heißt man dich. Und auf den Dächern sagt man sich, wer Bogart falsch zitiert, hat das verdient.“ Man kann sich verlieren in diesen Texten: „So allein wollen wir auch nicht sein.“ Wenn es so etwas wie traumverlorene Präzision gibt, dann sind Garish Experten dafür mit ihren akkordeonlastigen akustischen Songs.

„Trumpf“ ist (noch) ernster als seine Vorgängeralben und definitiv dunkler als die anderen Veröffentlichungen des Jahres, mit Textzeilen wie „Hier komm ich nicht mehr raus“, „mein letztes Abendrot“ und „Einer wie ich erstickt an jedem Laut“. Und apropos Austropop. Die schönste Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist immer noch Garishs Interpretation von Falcos „Junge Römer“: „Gimme more, gimme more, gimme more“ - ja bitte.

Die Band Garish

ORF.at/Simon Hadler

Garish bei einem Showcase-Festival im dänischen Aarhus

„Was geht zur Zeit in Österreich?“

Viele Fäden laufen zusammen, wenn man den Wikipedia-Eintrag über ORF.at-Infodesigner Thomas Hangweyrer liest. Als Filmer drehte er Musikvideos unter anderem für Ja, Panik, Garish, und Clara Luzia. Mit seiner eigenen Band The Boys You Know sorgt er seit 2012 für Gesprächsstoff. Die Songs des 2013er-Albums „Waste Your Time“ liefen regelmäßig auf FM4, bei den regelmäßigen Konzerten herrscht beste Stimmung.

Anders als die zuvor genannten singen The Boys You Know auf Englisch. Mit Spannung wird das neue Album „Purple Lips“ erwartet. Einen Vorgeschmack liefert das sehenswerte Video zum Song „The Cult“. Auf dem Musikportal „Joinmusic“ wurde der Sound von The Boys You Know so beschrieben: „Smashing Pixies In Chains Eat Foo Weezers Screaming Soundgarden Jam Hole“. Das hat Bassistin Sophie Schmidauer so gut gefallen, dass sie sich den Spruch auf den rechten Oberschenkel tätowieren ließ. Das „Kurier“-Zitat wäre kürzer und somit weniger schmerzhaft gewesen: „Best Rock-Band around.“

Und auf dem deutschen „Der Kultur Blog“ wird wieder auf das Umfeld verwiesen: „Was geht zur Zeit in Österreich? All diese neuen guten Bands. The Boys You Know verbinden Weezer und Nada Surf und klingen so cool. Und endlich mal durchgängig durchgespielte E-Gitarren mit einem Gefühl für Melodie.“

Die Band "The Boys You Know"

Dominique Hammer

The Boys You Know: Vorne Thomas Hangweyrer und Sophie Schmidauer

Es bleibt „kein Platz für Zweifel“

Wie es der Zufall will - und das ist nicht repräsentativ für die österreichische Musikszene (siehe Luise Pop, Gustav, Clara Luzia und viele andere), waren in den letzten Monaten die Musikerinnen vor allem unter den Newcomern zu finden. Für einen Amadeus Award nominiert war etwa Yasmo/Miss Lead, die mit Spoken-Word-Poesie und Rap im Vorjahr von sich reden machte („Kein Platz für Zweifel“).

Ebenfalls im Vorjahr veröffentlichte das bayrisch-österreichische Duo Fijuka sein Debütalbum voll von jazzigem Pop in zeitgemäßem Antlitz und schaffte es damit zum FM4-Soundpark-Act des Monats Dezember. Tanzbar geht es weiter mit dem Debüt des Elektronikduos HVOb (Her Voice Over Boys) von Anna Müller und Paul Wallner. Ätherische Klänge, druckvoll arrangiert, dazu die Nonchalance von Müllers Gesang - all das ergibt eine eingängige, aber niemals gefällige Mischung, die im Gedächtnis bleibt. Hätte man einen Sonnenuntergang, ein Cabrio, ein Kopftuch und einen langen, geraden Highway, die Musik von HVOb würde gut in die Szenerie passen.

Ein Gradmesser für die Qualität des heimischen Songwriting ist jedes Jahr das aufregende, stets überfüllte Blue Bird Festival der Vienna Songwriting Association im Wiener Porgy und Bess - weil sich die Liedermacherinnen hier in handverlesenem internationalen Kontext präsentieren. Vieles bleibt hängen, besonders fiel im vergangenen Jahr Anna Kohlweis alias Squalloscope auf. Ihre eindringlichen Songs überzeugen auch auf ihren Alben, zuletzt auf einer EP im Dezember.

Die Leichen zum Tanzen bringen

Einen Österreicher-Schwerpunkt hatte zuletzt auch das Eurosonic Festival im niederländischen Groningen. Praktisch niedergemäht mit ihrer unbändigen Energie hat Katie Trenk von den Sex Jams das Publikum bei dem Showcase-Festival. Die Band erklärt auch gleich selbst im FM4-Blog, was so ein Festival ist:

„Soll heißen: Junge und nicht mehr ganz so junge, aber allesamt vom Erfolg bislang verschont gebliebenen Artists dürfen dort für lau dem übrig gebliebenen Rest der Musikindustrie ein Fest der Superlative bieten. Die Hoffnung aller Beteiligten: die Leiche zum Tanzen bringen wie in ‚Weekend at Bernie’s‘. Aber Voodoo hin oder her. Der Zirkus funktioniert schließlich nicht ohne Clowns und Löwen. Und wenn jemand 2013 geübt hat, wie das mit dem ,Roar‘ funktioniert, dann sind wir das. Echt jetzt.“ Dem kann man nicht einmal widersprechen. Hohes Lob gab es vergangenes Jahr für die Sex Jams etwa vom britischen „Guardian“.

Sex Jams

Siluh/Johannes Staudenbauer

Sex Jams mit Frontfrau Katie Trenk

Aus der härteren Abteilung

Und auch in der härteren Abteilung können heimische Bands international punkten. Valina aus Linz gelten nach wie vor als Geheimtipp, sie touren aber seit jeher in quasi exotischen Gefilden wie Russland und Türkei, zuletzt auch verstärkt in Lateinamerika. Ihr neues Album wurde auch wieder von Superstar Steve Albini produziert.

Ein neues Album haben auch BulBul vorgelegt: Der Titel „Hirn fein hacken“ gibt programmatisch die Stoßrichtung vor. Und gespannt wartet man auf „Holography“, das neue Album von Mile Me Deaf rund um den Szenetausendsassa Werner Möstl, der auch bei den Sex Jams werkt. Es erscheint am 2. Mai.

Sehenswertes sichtbar machen

Darüber, ob ein Fokus auf die Musik eines einzelnen Landes sinnvoll ist oder nicht, lässt sich zwar streiten. Unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass es als Act aus einem kleinen Land nicht gerade einfach ist, auf dem Markt der internationalen Aufmerksamkeit zu reüssieren - und das hat noch lange nichts mit der Qualität der Musik zu tun.

Insofern, könnte man argumentieren, hat ein nationaler Fokus dann doch wieder Sinn, im Rahmen von Festivals oder der Berichterstattung von Massenmedien, auch wenn man streiflichtartig die diskursive Fallhöhe eines analytischen „Spex“-Zehnseiters niemals erreichen wird. Damit Sehenswertes nicht unsichtbar bleibt außerhalb der Szene.

Simon Hadler, ORF.at

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