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Experten rücken Relationen gleich

Österreich hat unter den Ländern der Währungsunion den höchsten Anstieg der Arbeitskosten verzeichnet. Wie das EU-Statistikamt Eurostat am Donnerstag mitteilte, stiegen die Arbeitskosten pro Stunde in Österreich zwischen 2008 und 2013 um 18,9 Prozent - dahinter folgen die Slowakei (17,0 Prozent) und Finnland (15,9 Prozent).

Arbeitskosten setzen sich zusammen aus Löhnen und Gehältern sowie Lohnnebenkosten wie etwa den Sozialbeiträgen der Arbeitgeber. In der gesamten Euro-Zone stiegen diese Kosten um 10,4 Prozent. Rückgänge gab es in Griechenland (minus 18,6 Prozent) und Portugal (minus 5,1 Prozent). 2013 lagen die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde in der EU im Durchschnitt bei 23,7 Euro und im Euro-Raum bei 28,4 Euro. In Österreich lagen sie unterdessen bei 31,4 Euro.

IV sieht „Gift für den Standort“

Am höchsten sind die Arbeitskosten in der Industrie, gefolgt vom Dienstleistungssektor und vom Baugewerbe. Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayr, beklagte, dass es heimischen Unternehmen wegen der hierzulande von hohem Niveau aus am stärksten gestiegenen Arbeitskosten schwergemacht werde, zusätzliche Jobs zu schaffen. Den Anstieg der Arbeitskosten um rund ein Fünftel binnen fünf Jahren bezeichnete er in einer Aussendung als „Gift für den Standort“.

Auch Produktivität gestiegen

Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS) äußerte gegenüber ORF.at leichte Skepsis hinsichtlich der Eurostat-Erhebung - vor allem der markant höhere Anstieg im Vergleich zu Deutschland sei auf den ersten Blick verwunderlich, so Hofer. Unbedingt in das Verhältnis mit den gestiegenen Arbeitskosten sei die Produktivität zu setzen, die im Falle der Industrie bzw. bei größeren Firmen fast im Gleichschritt gestiegen sei.

Für den Arbeitsmarkt bringen gestiegene Arbeitskosten auch negative Effekte mit sich. Zwar würden etwa in der Industrie aktiv Beschäftigte von höheren Löhnen profitieren, so Hofer. Für Arbeitssuchende ergeben sich dadurch jedoch Schwierigkeiten, denn ist das Lohnniveau höher, ist es schwieriger, eine Stelle zu finden. Auch vonseiten der Arbeiterkammer (AK) ist man regelmäßig bemüht, die Verhältnisse gleichzurücken: Die Eurostat-Zahlen müssten in Relation zur Produktivität gesetzt werden, die hierzulande deutlich über dem Durchschnitt liege, wird regelmäßig betont.

Lohnnebenkosten fressen Hälfte der Gehälter auf

Auch die Lohnnebenkosten weist Eurostat für Österreich mit 26,7 Prozent vergleichsweise hoch aus: Deren Anteil an den gesamten Arbeitskosten betrug in der EU durchschnittlich 23,7 Prozent und im Euro-Raum 25,9 Prozent. Das Spitzenranking wirkt sich negativ auf die Arbeitnehmer aus, denn mittlerweile werden dadurch bereits die Hälfte von normalen Durchschnittseinkommen verschlungen. Schon bei Brutto-Monatseinkommen von 3.000 Euro bleibt dem Mitarbeiter netto weniger als die Hälfte der Lohnkosten.

Der falsche Eindruck entsteht, weil die Lohnnebenkosten der Arbeitgeber auf dem Gehaltszettel nicht aufscheinen und in der öffentlichen Diskussion in der Regel unter den Tisch fallen. Gerade diese versteckten Nebenkosten sind aber bei Einkommen bis 5.000 Euro mit rund 30 Prozent des Bruttolohns besonders hoch. Danach sinken die Zusatzkosten der Arbeitgeber prozentuell: Bei 36.000 Euro Monatsgehalt (500.000 Jahresgage) - ab diesem Betrag soll künftig eine zusätzliche Besteuerung greifen - liegen sie „nur“ noch bei zwölf Prozent.

Sozialversicherungsabgaben gedeckelt

Zweiter Effekt, der die Belastung von hohen Einkommen dämpft, ist die Deckelung der Sozialversicherungsabgaben. Bis 4.530 Euro monatlich (63.420 Euro im Jahr) kostet die Sozialversicherung knapp 18 Prozent des Bruttoeinkommens, danach steigt sie aber nicht mehr. Bei einem Jahreseinkommen von 500.000 Euro macht der Sozialversicherungsabzug (konstant 11.370 Euro pro Jahr) daher nur mehr 2,2 Prozent aus.

Die Reallöhne stagnieren praktisch, warnte das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) am Freitag. Denn sobald es eine Lohnerhöhung gab, wurde sie von Inflation und steigenden Steuern schnell wieder aufgefressen, betonen die Experten. In Kaufkraft gemessen bleibt dann für viele nicht mehr als vorher - oder sogar weniger. Den Hauptgrund sieht das WIFO eindeutig bei den hohen Steuern - mehr dazu in oe1.ORF.at

Am Donnerstag beschloss der Nationalrat eine kleine Lohnnebenkostensenkung. Die Senkung erfolgt in zwei Schritten. Ab Mitte des Jahres ist eine Reduktion des Unfallversicherungsbeitrags um 0,1 auf 1,3 Prozent vorgesehen. Anfang 2015 folgt eine analoge Senkung des Arbeitgeberbeitrags zum Insolvenz-Entgelt-Fonds von 0,55 auf 0,45 Prozent.

Opposition wettert gegen „Kosmetik“

Kritik an dieser Maßnahme kam von der Opposition. NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker kritisierte das geringe Ausmaß. Bei Lohnnebenkosten „von über 30 Prozent“ könne man sich mit 0,1 Prozent „schleichen“. Das seien 30 Euro pro Mitarbeiter im Jahr. „Nur Kosmetik“ im Gesamtpaket erkannte die geschäftsführende Klubobfrau des Teams Stronach (TS), Waltraud Dietrich. Für sie wären entschiedenere Maßnahmen nötig, um die Wirtschaft wieder zum Florieren zu bringen.

Die ÖVP sieht in der Senkung der Lohnnebenkosten einen indirekten Beschäftigungsanreiz. Die Wirtschaftskammer erkennt einen „ersten wichtigen Impuls“, wie Präsident Christoph Leitl meinte. Dadurch würden „Anreize für mehr Beschäftigung geschaffen werden und die Konkurrenzfähigkeit der Betriebe gestärkt“, so Leitl.

„Einen wichtigen Schritt“ nennt IV-Generalsekretär Neumayr den Beschluss - „es müssten aber weitere folgen“. Als Alarmsignal müsse die steigende Arbeitslosigkeit verstanden werden, bei der es gelte, rasch gegenzusteuern. Derzeit erodiere die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs, wie auch die aktuellen Eurostat-Zahlen zeigten.

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