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Die Wurzeln unter dem Permafrost

Es gibt Bücher, zu denen müsste man einen imaginären Atlas zeichnen, einen, der mit Straßen und Bahnlinien Gegenwart und Vergangenheit zusammenspannt, Orte und Erinnerungen. Der in Kiew geborenen und nun in Berlin lebenden Autorin Katja Petrowskaja ist mit ihrem preisgekrönten Debüt „Vielleicht Esther“ so ein imaginärer Atlas gelungen, dessen Karten sich in der Spurensuche zu den Wurzeln ihrer Familie zusammensetzen.

Ihre Wege führen von Berlin ins Herzen Kiews, sie zweigen ab nach Polen und Österreich und zu vielen tragischen Ereignissen der Geschichte. Und sie verweisen auf die Gegenwart, in der gerade manche Politiker meinen, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder einem Land ließe sich binnen einer Woche mit schnellen Grenzziehungen erzwingen.

„Den Internationalisten standen alle Türen offen“

Früher war man Teil „friedlich gesinnter Sowjetvölker“, so fasst die Autorin die Ausgangslage für das Selbstverständnis ihres Lebensumfeldes zusammen. „In der Sowjetunion durfte es keine Minderheiten mehr geben“, liest man in ihrem Roman: „Den Internationalisten standen alle Türen offen, eine große Familie und eine große Sprache.“ Petrowskaja sieht sich als Angehörige „der letzten sowjetischen Generation“, einer Generation, in der, so fasste es die „Zeit“ in ein prägnantes Bild, „ein Kulturbürgertum im Permafrost der Ostblockstaaten überwinterte“.

Katja Petrowskaja

APA/Gert Eggenberger

Katja Petrowskaja - eine der vielgefeierten Autorinnen auf der Leipziger Buchmesse 2014

Die Mutter Historikerin, der Vater Literaturwissenschaftler - beide Eltern lernten, nicht zu tief in der Identität herumzubohren, zumindest öffentlich nicht. Man gibt sich ja internationalistisch gesinnt. Heimlich aber liest der Vater Bücher, die er nicht auf Russisch beziehen kann, etwa die „Dubliners“ von James Joyce, auf Polnisch.

„Russisch war das stolze Erbe aller“

„Wir waren eine sowjetische Familie“, rekapituliert sie in ihrem Buch, „russisch, nicht religiös, das Russische war das stolze Erbe aller, die wussten, was Verzweiflung ist, angesichts des Schicksals der eigenen Heimat.“

Die Tochter, sie studiert noch im System der UdSSR, lernt im estnischen Tartu Ende der 80er Jahre die Ideologieferne und Semiotik eines Juri Lotmann kennen - doch zu Mitte des Studiums fällt der Eiserne Vorhang, und Welten fangen sich zu bewegen an. Katja Petrowskaja fragt dann doch nach zu ihrer Herkunft, - und sie tut dies in einer neuen Sprache, auf Deutsch. Während sich ihr Bruder Ende zwanzig dem orthodoxen Judentum zuwendet und Hebräisch lernt, beginnt sie Mitte ihrer 20er Jahre mit Deutsch: „Gemeinsam schufen wir, mein Bruder und ich, durch die Sprachen ein Gleichgewicht zu unserer Herkunft.“

Als die Sterns zu Petrowskijs wurden

Mehrfach, und nicht zuletzt über Sprache, wurden die Wurzeln der Familie und ihre vielfältigen Stimmen ausgelöscht und unsichtbar gemacht: Es gibt die Sprache „der Besatzungsmacht“, die Sprache der Mehrheit nach 1945, die keine Minderheit mehr zulassen wollte. Es gibt neben der Sprache die Namen, die die Spur der Geschichte verwischten.

Petrowskajas Großvater ließ den Familiennamen Stern durch Petrowskij ersetzen. „Als Semjon während der Revolution in den Untergrund gegangen war, hatte er den Decknamen Semjon Petrowskij angenommen, und als die Bolschewiki an die Macht kamen, kehrte er nicht zu seinem alten Namen Schimon Stern zurück. (...) Semjon durchlief eine revolutionäre Taufe. (...) Hier ist kein Jude noch ein Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib, denn ihr seid allzumal Menschen und Proletarier.“

Kleine Fundstücke, große Geschichten

In der neu angenommenen Sprache Deutsch verbeißt sich die Autorin regelrecht in ihrer Spurensuche. Kleine Fundstücke lösen große Geschichten aus. Und je mehr Namen und Hausnummern, desto mehr Geschichten gibt es. Petrowskaja will diese Geschichte gar nicht ordnen. Sie will auch keine Literatur schreiben, wie sie scheinbar paradox festhält.

Dabei ist Literatur oder diese freie Romanform, mit der sich die Geschichten an ihr Autoren-Ich (und eben nicht an eine beliebige Erzählfigur) hängt, das einzige Mittel, um Zugänge zur Geschichte der Familie zu erschließen. Schicksale kreuzen sich in den Landschaften, den Städten, Straßen und Hausfluren, die Petrowskaja aufsucht: „Der üppige Traum von einer großen Familie an einem langen Tisch verfolgte mich mit der Beständigkeit eines Rituals.“

Opfer ohne Namen

Durch berührende Zufälle erschließen sich in ihrem Buch auf der einen Seite Zusammenhänge, werden Dinge sicht- und auch benennbar. Auf der anderen Seite verschwimmt das Bild der eigenen Familie in einer Geschichte der namenlosen Opfer.

Die Erkundung der Schlucht von Babi Jar bei Kiew, in der die SS unter Mithilfe der Wehrmacht binnen zweier Tage im September 1941 über 33.000 ukrainische Juden erschießen ließ und wo man bis Kriegsende bis zu 200.000 Menschen ermordete, ist Herzstück von Petrowskajas Erkundung. Verwandte wurde hingerichtet, darunter auch die Urgroßmutter, deren Namen, „vielleicht Esther“, nicht mal die Eltern zu bennenen wissen. Man umgeht dieses Ereignis im Familiennarrativ: „Sie sagten, Anna liegt in Babij Jar, als ob durch dieses Liegen die Seelen von Anna und meinen Eltern ihre Ruhe finden könnten und auch die Frage nach den Urhebern aufgehoben wäre.“ Babi Jar, das war auch in der Sowjetunion ein nicht benanntes Verbrechen, für das man nicht einmal ein Mahnmal errichten wollte.

Massaker von Babi Jar

AP

Bis zu 200.000 Menschen wurden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew zwischen 1941 und 1945 ermordet

Exemplarische Geschichten

Vieles bleibt unbenennbar in diesem Geflecht an Stimmen und Geschichte. In „Vielleicht Esther“ steht der Einbruch von Weltgeschichte über ganz zufällig Fundstücke in diesem mühsam herbeigeschafften und herbeibeschworenen Familienstammbaum. Da ist etwa das Attentat von Großonkel Judas Stern auf den deutschen Botschaftsrat Fritz von Twardowksi am 5. März 1932 in Moskau. Ohne den Namen Stern hätte sich kaum der Hebel gefunden, um auch auf diese Geschichte zu kommen.

„Vielleicht Esther“ ist, wie es die Autorin selbst in ihrem ersten Kapitel nennt, „eine exemplarische Geschichte“, eine, die zeigt, dass man nie der Mensch aus einem einzigen Kulturumfeld sein kann. Und es ist eines der aufregendsten Roman-Debüts der letzten Jahre, eines, das sich messen kann an Werken wie jenen Hertha Müllers oder auch dem großer Modernisten. Nichts ist chronologisch erzählt - und doch ist dieses Werk, das so unverkrampft die Wurzeln des modernen Schreibens berührt, fesselnd. „Vielleicht Esther“ ist ein Geschichtswerk. Oder genauer: ein Geschichten- und Fragementwerk zur Geschichte.

„Ich wuchs nicht in menschenfresserischen, sondern in vegetarischen Zeiten auf, (...) wir schrieben alle Verluste dem längst vergangenen Krieg zu, jenem Krieg ohne Artikel und Beiwort, wir sagten einfach Krieg, im Russischen gibt es sowieso keinen Artikel.“ Mit solchen Sätzen hat sich Petrowskaja fast logisch für den Bachmann-Preis empfohlen. Und beinahe logisch war es, dass sie mit Fragmenten beim Bachmann-Preis 2013 auftrat. Schon damals überzeugte ihr Text alle Beteiligten. Weil er assoziativ ist, zugleich aber eindringliche Bild- und Assoziationswelten erschließt, sich beinahe nahtlos anfügen ließ an das Geschichtswerk hinter dem Schreiben einer Ingeborg Bachmann.

„Getrieben von einer unerfüllten Liebe“

„Ich begehrte Deutsch so sehr, weil ich damit nicht verschmelzen konnte, getrieben von einer unerfüllten Liebe, die weder Gegenstand noch Geschlecht kannte, keinen Adressaten, denn da waren nur Klänge, die man nicht einzufangen vermochte, wild waren sie und unerreichbar“, begründet sie in ihrem Buch indirekt die Wirkkraft ihrer Sätze.

Hier überblenden sich in einer Person Sprachmuster verschiedener Kulturen, Denkbilder und Semantiken, die zu einer neuen, universell eindringlichen Sprache verschmelzen: „Ich dachte auf Russisch, suchte meine jüdischen Verwandten und schrieb auf Deutsch. Ich hatte das Glück, mit der Kluft der Sprachen, im Tausch, in der Verwechslung von Rollen und Blickwinkeln zu bewegen. Wer hat wen erobert, wer gehört zu den Meinen, wer zu den anderen, welches Ufer ist meins?“

Buchhinweis

Buchcover

Suhrkamp

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther. Suhrkamp, 285 Seiten, 20,60 Euro.

Sprachen, die es nicht mehr gibt

Mit dieser Grundhaltung hat die Autorin ein Sensorium für das Verschüttete, gerade auch in der Sprache. Als sie die Holocaust-Überlebende Mira Kimmelmann trifft, ist sie sprachlos: „Es verschlug mir den Atem. Sie sprach nicht nur besser Hochdeutsch als ich, es war das Vorkriegsdeutsch, langsam und gepflegt, mit der Verzögerung alter Schauspieler, es war, als hörte man das Knarren eines alten Grammophons oder das Knistern von Zelluloid.“

Vor 20 Jahren, der Zeit also, als Petrowskaja im Deutschen heimisch wurde, konnte man dieses Deutsch in ihrer einstigen Heimat noch öfter hören, die nun Ukraine und nicht mehr Ukrainische SSR hieß. In Czernowitz etwa telefonierten zwei ältere Damen täglich miteinander. Sie hießen Lydia Harnik und Rosa Zuckermann, wie die Sterns in Petrowskajas Roman, jüdischer Herkunft.

Die Sprache, die sie anzog und die sie liebten, war die einer fernen, untergegangenen Zeit. Und es war zugleich die Sprache der Täter, die einen Großteil der Familien dieser beiden Frauen ausgelöscht hatten. Beide, Harnik und Zuckermann, träumten von einem Europa, das seine vielen Stimmen sorgsam bewahrte, anstatt immer eine Sprache an die Stelle einer anderen zu setzen.

Gerald Heidegger, ORF.at

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