Milliarden für Infrastruktur nötig
Gerade drei Prozent hat die Halbinsel Krim zum Bruttoinlandsprodukt der Ukraine beigetragen, dafür aber monatlich umgerechnet Dutzende Millionen Euro an Subventionen erhalten. Dennoch: Die Aussicht auf wirtschaftlich bessere Zeiten war auch ein Grund, warum viele beim Referendum für eine Eingliederung in Russland gestimmt haben. Für Moskau könnte die „Operation Krim“ aber dauerhaft teuer werden.
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Die Zahlen variieren je nach Quellen stark, mindestens 70 Prozent des Budgets der Halbinsel wurden vom Rest der Ukraine beigesteuert. Auch bei Strom und Wasser ist die Krim alles andere als autark. 85 bis 90 Prozent ihres Wassers und rund 80 Prozent ihres Stromes kommen vom ukrainischen Festland, ebenso 65 Prozent des Erdgases.
Landwirtschaft und Tourismus als Einnahmequellen
Selbst wenn Russland im Zuge der Eingliederung diese Lieferungen übernehmen wird, fehlt es vorher an Infrastruktur dafür. Kein Wunder also, dass die prorussischen Behörden vorzusorgen versuchen: Der angelegte Wasservorrat dürfte allerdings nur für einen Monat reichen, mit Diesel betriebene Generatoren sollen gegen Stromausfälle helfen.
Wirtschaftlich hat die Krim nur zwei größere Einnahmequellen: In der Landwirtschaft ist man auf das Wasser vom Festland angewiesen. Und das meiste Geld brachte bisher der Tourismus. Seit Sowjetzeiten zogen Badeorte wie Jalta im Sommer zahlreiche Urlauber an. In diesem Jahr dürften die meisten Touristen jedoch fernbleiben, weil ihnen die Krim zu „gefährlich“ ist. Doch es ist mehr als ein einmaliger Effekt zu befürchten: Ein Großteil der Urlauber kam aus der Ukraine, und diese dürften wohl in Zukunft nicht mehr dorthin reisen.

Corbis/Richard Cummins
Die Touristensaison fällt heuer ins Wasser
Milliardenzusagen aus Moskau
Schon vor dem Referendum hatte Moskau der Krim umfangreiche Finanzhilfen in Aussicht gestellt. Für Infrastrukturmaßnahmen sollen 40 Milliarden Rubel (790 Mio. Euro)) fließen, sagte der Vizevorsitzende des Industrieausschusses im Parlament in Moskau, Pawel Dorochin, laut der Nachrichtenagentur Interfax. Krim-Regierungschef Sergej Axjonow wiederum nannte am Montag die Summe von 15 Milliarden Rubel (295 Mio. Euro), die der Krim als „finanzielle Unterstützung“ zugesagt worden sei.
Experten zufolge wird man mit diesen Summen kaum auskommen - und das weiß auch die Krim-Regierung. Neben der Soforthilfe sind rund vier Milliarden Euro zu investieren, wird geschätzt. Helena Yakovlev Golani von der Universität Toronto beziffert die nötige Hilfe gar mit mehr als sieben Milliarden Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre.
Unklare Eingliederungskosten
Alleine die geplante Brücke von der russischen Schwarzmeer-Küste zur Krim über die Meerenge von Kertsch - eine erste direkte Verbindung mit Russland - wird Schätzungen zufolge eine Milliarde Euro kosten. Dazu kommen die Kosten für die weitreichenden Umstellungen bei der Eingliederung in Russland: die Einführung des Rubels, der Druck neuer Pässe, die Angleichung der Verwaltungssysteme und so weiter. Wie viel Geld das verschlingen wird, dazu gibt es nicht einmal Schätzungen.
Hoffnung auf Wirtschaftsboom
Durchwegs optimistisch sieht die Lage der kremlfreundliche Fernsehsender Russia Today. Auch hier sieht man einige Herausforderungen, träumt aber bereits von einer Freihandelszone. Die Krim könne demnach das Wirtschaftswunder von Singapur wiederholen. Verwiesen wird dabei vor allem auf bisher ungenutzte Öl- und Gasreserven im Schwarzen Meer. Auch viele der rund zwei Millionen Einwohner der Krim glauben, dass das Leben als Teil Russlands einfacher wird: Von billigerem Benzin und billigeren Dienstleistungen ist die Rede.
Zudem hofft man auf mehr Geld: Moskau versprach Pensionen und Beamtengehälter wie auf russischem Niveau - etwa das Doppelte der ukrainischen Zahlungen, die zuletzt wegen des drohenden Staatsbankrotts nicht mehr vollständig flossen. Das Pro-Kopf-Einkommen auf der Krim liegt Analysten zufolge aktuell bei 10.800 Rubel (rund 200 Euro) - in Russland bei 37.000 Rubel. Dabei geht es um 600.000 Pensionisten und 200.000 Staatsbedienstete.
Russische Wirtschaft schwächelt
Ob sich diese Wünsche erfüllen, bleibt ungewiss. Denn so erfolgreich Präsident Wladimir Putin die Krim-Schachzüge auf der politischen und strategischen Seite verbuchen kann, wirtschaftlich ist es ein riskantes Manöver, das die ohnehin angeschlagene russische Wirtschaft schwer belasten könnte.
Schon jetzt muss die Regierung diese Probleme zugeben: „Die wirtschaftliche Situation zeigt Anzeichen einer Krise“, sagte Vizewirtschaftsminister Sergej Beljakow am Montag. Damit räumte die Regierung erstmals ein, dass die Volkswirtschaft in der Ukraine-Krise möglicherweise doch anfällig für Sanktionen sein könnte. Fachleute gehen davon aus, dass Russland im Zuge der politischen Spannungen in eine Rezession abgleiten dürfte.
Die Sanktionen könnten die russische Wirtschaft schwer treffen, schreibt der russische Ökonom Sergej Gurijew auf der Website Project Syndicate. Zudem habe Putin gezeigt, dass er unberechenbar sei - und damit wiederum potenzielle Investoren abgeschreckt.
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