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Nie ein Blatt vor dem Mund

Kaum ein anderer Intendant hat die europäische Bühnenwelt in den letzten Jahrzehnten derart geprägt wie Gerard Mortier. Am Sonntag teilte das belgische Kulturministerium mit, dass Mortier am Freitag 70-jährig verstorben sei. Er litt an einer schweren Krebserkrankung.

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Zuletzt hatte der Belgier im Jahr 2010 die Leitung des Teatro Real, der Madrider Oper, übernommen. Als Intendant der Salzburger Festspiele war Mortier von 1991 bis 2001 tätig. Er galt als Erneuerer der Festspiele. Mortier „entstaubte“ den Spielplan, unter seiner Leitung hatten ganze 25 Opern des 20. Jahrhunderts in der Festspielstadt Premiere. Außerdem verpflichtete Mortier namhafte Regisseure wie den US-Amerikaner Peter Sellars.

„Erneuerer“ der Festspiel

Es kamen neue Spielstätten für die Festspiele dazu, auch das Theater- und Konzertprogramm erfuhren unter seiner Intendanz eine Aufwertung. Immer zu verbalen Bissigkeiten bereit, legte sich das „Enfant terrible“ der europäischen Kulturszene mit der Salzburger Kulturprominenz ebenso an wie mit der österreichischen Politik. Seine Inszenierungen sorgten in regelmäßigen Abständen auch immer wieder für Aufregung - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Mortier, der 1943 in Gent geboren wurde und einer Bäckersfamilie entstammte, schlug seinen beruflichen Weg nicht ganz direkt ein. Er studierte erst Jus, promovierte 1967, ein Jahr später begann er seine Laufbahn im Kulturbereich als Assistent beim Flandern-Festival. Mortier lud damals auch zum ersten Mal die Wiener Philharmoniker nach Flandern ein. Von 1973 bis 1977 war er stellvertretender Operndirektor der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main, wo er eng mit Christoph von Dohnanyi zusammenarbeitete.

Brüssel, Salzburg, Paris, Madrid

Vor seiner Berufung nach Salzburg leitete er ab 1981 zehn Jahre lang das Brüsseler Opernhaus Theatre Royal de la Monnaie. Nach dem Engagement in Österreich folgten dann von 2002 bis 2004 die Leitung der Ruhrtriennale in Deutschland, danach die der Pariser Opern Bastille und Garnier.

Ein Angebot, die New York City Opera - geschäftlich wie künstlerisch - zu führen, lehnte Mortier nach langer Vorbereitung ab. Das Opernhaus hatte, bedingt durch die Finanzkrise ab 2007, praktisch kein Geld für Inszenierungen, wie Mortier sie sich vorgestellt hätte. Angeblich stießen auch seine Spielpläne auf Widerstand.

Abgesetzt und wieder engagiert

An seiner letzten Wirkungsstätte, dem Teatro Real, endete das Engagement im Vorjahr nicht friktionsfrei: Mortier bestand darauf, bei der Auswahl seines Nachfolgers im Amt des künstlerischen Direktors mitzureden. Die Verantwortlichen setzten den Belgier jedoch ab, obwohl dessen Vertrag noch lief. Letztlich arrangierte man sich jedoch, und Mortier diente dem Haus unter dem neuen Chef Joan Matabosch forthin als Berater, auch wenn er da aufgrund seines Krebsleidens bereits sichtlich abgemagert war.

Aus finanziellen Gründen musste auch das Teatro Real Abstriche machen - und doch gelang es Mortier, ein einstmals verschlafenes Haus mit spannenden Produktionen wie der Philip-Glass-Uraufführung „The perfect American“, der Michael-Haneke-Regie „Cosi fan tutte“ oder mit der Opernversion der schwulen Liebesgeschichte „Brokeback Mountain“ in die vordere Reihe der europäischen Opernhäuser zu hieven.

Große Anteilnahme

Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler zeigte sich tief betroffen über das Ableben Mortiers: „Gerard Mortier war eine der raren Intendantenpersönlichkeiten, die unbeirrbar - auch durch schwere Krankheit nicht - für die Kunst und deren gesellschaftliche Bedeutung kämpften. Sein Tod ist ein schrecklicher Verlust.“

Kultur- bzw. Kanzleramtsminister Josef Ostermayer (SPÖ) würdigte Mortier in einer Reaktion auf die Todesnachricht als „einen der bedeutendsten Opernintendanten Europas“. Mortier habe „mit den 25 Opern des 20. Jahrhunderts, die er in Salzburg aufgeführt hat, maßgeblich zur Verjüngung der Festspiele beigetragen und zeitgenössische Impulse gesetzt“, so Ostermayer in einer Aussendung.

„Entsetzlicher Verlust“

Markus Hinterhäuser, designierter Intendant der Salzburger Festspiele, bezeichnete den Tod von Mortier als „entsetzlichen Verlust“, mit dem man zwar gerechnet habe, nachdem die schwere Erkrankung vor Monaten publik geworden sei, trotzdem sei er „schockiert“. Er bezeichnete seinen Vorgänger als jemanden, „der kämpfen konnte und sich eingesetzt hat für Dinge, von denen er überzeugt war“.

„Mortier hatte für viele, auch für mich, eine Vorbildfunktion“, sagte Hinterhäuser gegenüber der APA. „Ich habe zehn Jahre sehr eng mit ihm zusammengearbeitet bei den Salzburger Festspielen und viel von ihm gelernt.“ Er habe Gerard Mortier dafür „bewundert, wie er die Salzburger Festspiele nicht nur gemacht, sondern gestaltet hat“.

„Ermöglicher und Erneuerer“

Der Regisseur Luc Bondy bezeichnete Mortier als „großen Innovator“. Er sei „sehr wichtig für die Oper“ gewesen „und hat viel bewegt“. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) würdigte Mortier in einer Aussendung als „Intendant von Weltformat“ sowie „Ermöglicher und Erneuerer, der viele Jahre das Geschehen auf den internationalen Opernbühnen maßgeblich gestaltet hat“.

Auch Mortiers letzte Wirkungsstätte, das Madrider Teatro Real, nahm die Nachricht vom Tod des Regisseurs mit Trauer und Bestürzung auf. Sein Verscheiden sei ein großer Verlust für das Theater, an dem er seit Jänner 2010 herausragende Arbeit als Berater und künstlerischer Direktor geleistet habe, hieß es in einer Stellungnahme.

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