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„Wirklich etwas Besonderes“

Der Tiroler Autor Bernhard Aichner ist drauf und dran, mit seinem neuen Buch „Totenfrau“ die internationale Krimiszene zu erobern. Im Interview mit ORF.at spricht er über sein Buch und über seine Hoffnungen für die Zukunft. Aber Vorsicht: In der ersten Hälfte des Gesprächs wird viel über den Inhalt verraten.

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ORF.at: Der Stoff ist sehr explizit - es geht um Menschen, die als Sexsklaven in einem Keller eingesperrt werden. War das Buch auch eine Art und Weise von Ihnen, mit verstörenden Medienmeldungen wie jenen über die Fritzl-Familie und Natascha Kampusch umzugehen?

Bernhard Aichner: Das hat mich sicher unbewusst beeinflusst. Ich bin ein Beobachter und intensiver Medienkonsument. Ich muss immer wissen, was passiert. Das speichert sich dann irgendwo ab - genauso wie Bilder aus dem Alltag. An der Kellergeschichte hat mich interessiert, zu zeigen, dass so dramatische Dinge in einer heilen Welt passieren können. Der Gedanke, dass im Nachbarhaus so etwas passieren kann, ist für mich gleichzeitig schockierend und als Autor inspirierend.

ORF.at: Im Buch halten Sie sich zu dieser Frage bedeckt. Haben Sie selbst eine Theorie, wieso derartige Fälle in Österreich so lange unentdeckt bleiben können?

Aichner: Es betrifft ja nicht nur Österreich, wie man nach Bekanntwerden diverser Fälle in anderen Ländern in letzter Zeit weiß. Es gibt überall viele unentdeckte Verbrechen, die lauern. Es gibt sie. Meine Geschichte hätte überall spielen können. Wobei es natürlich extrem ist, dass in Österreich gleich zwei solche Fälle aufgetreten sind. International verbindet man das mit Österreich.

Ich möchte mich jedenfalls mit Themen auseinandersetzen, die mich packen und schockieren, denn dann können sie auch den Leser packen. Ich will nicht zu viel schockieren, meine Bücher sollen trotzdem noch unterhalten. Das ist die Kunst - diese Gratwanderung. Zu viel ist auch nicht gut. Man muss die Mitte finden zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

ORF.at: Als Leser entwickelt man Sympathie für die Figur Brünhilde Blum. Die haben ihren Tod ja alle verdient, denkt man sich. Wie würden Sie selbst Brünhildes Treiben moralisch bewerten?

Aichner: Ich habe das Buch ja geschrieben. Und ich möchte, dass die Heldin meines Buchs mir sympathisch ist. Ich will diese Frau mögen - so sehr, dass ich mit der zwei Wochen auf Urlaub fahren könnte. Ich wollte, dass sie mit dem durchkommt, was sie macht, obwohl sie mordet. Obwohl sie die Rache übt, bleibt sie eine positive Figur. Sie hat Kinder, sie ist eine liebevolle Mama. Die Liebesgeschichte ist als Basis wichtig - als Basis für das Leid, das sie erfährt. Es geht mir viel um Emotion. Ich will den Leser packen, mit Liebe, Hass, Leid und Schmerz.

ORF.at: Aber finden Sie das Prinzip „Auge um Auge“ in Ordnung? Sind Sie ein Befürworter der Todesstrafe?

Aichner: Ich bin gegen die staatliche Todesstrafe. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass sich in einer bestimmten Lebenssituation der Schalter umlegt, dass ich bereit bin, Dinge zu tun, von denen ich jetzt ganz weit entfernt bin. In der Literatur und im Film hat mich das Rachemotiv schon immer fasziniert - und nicht nur mich. Die Leute mögen das, vor allem, wenn es um Gerechtigkeit geht - wo jemand, der Böses getan hat, die Strafe dann auch verdient, wo der Rächer oder die Rächerin unter dem Radar des Gesetztes zuschlagen darf.

Ich möchte mich selbst da nicht ausnehmen. Wenn meiner Frau oder meinem Kind etwas passiert, könnte ich nicht für mich garantieren. Bei Morden passiert vieles aus dem Effekt heraus. Ich bin mir sicher, dass gar nicht so wenige Menschen zu Selbstjustiz fähig wären - wenn es eine direkte emotionale Betroffenheit gibt. Für die Todesstrafe bin ich dennoch nicht.

ORF.at: Die Kapitel in Ihrem Buch sind kurz. Die Sätze sind kurz, Sie sparen mit Details. Puzzleteil wird an Puzzleteil gefügt, bis ein ganzes Bild entsteht. Ich stelle mir vor, Sie haben mit einem großen Plakat gearbeitet, auf dem Sie einen Plan für den Plot gemacht und den dann Teil für Teil umgesetzt haben. War das so?

Aichner: Ein bisschen ist es in diese Richtung gegangen. Ich habe vor dem Schreiben wochenlang am großen Plan gearbeitet, Stück für Stück, aber noch nicht ganz konkret. Es musste Spielraum fürs Schreiben bleiben. Und was das Reduzieren betrifft - das ist meine Leidenschaft. Es ist die Sprache, die ich mir erschrieben habe. Das gefällt mir. Blum, meine Heldin, wird von mir nicht im Detail beschrieben, so wie alle Menschen. Sie haben kein Aussehen. Ich schreibe über Blum nur: „Sie ist schön.“ Jeder kann sie sich selber vorstellen.

Oft beschreiben bei mir nur ein, zwei, drei, vier Sätze etwas. Mein Stil hat sich in diese Richtung entwickelt. Wenn ich es durchlese, bin ich zufrieden mit dem Reduzierten. Das ist mein Ton, mein Sound. Es macht mir Spaß. Wie der Aichner-Ton in fünf Jahren klingt, weiß ich nicht. Aber es ist schön, zu hören, wenn andere das als eigenständigen Tonfall erkennen.

ORF.at: Was mich gewundert hat beim Lesen: Blum hat keinerlei Fehlschläge, was ihr Weiterhanteln von Täter zu Täter betrifft. Einmal reicht ihr sogar eine Speisekarte, um gleich den nächsten Volltreffer zu landen. Wollten Sie die Handlung durch Irrwege und Fehlschläge nicht unnötig in die Länge ziehen?

Aichner: Ich glaube an das Schicksal. Meine Lebensthemen sind das Schicksal und der Zufall. Ich nehme mir die Freiheit, als Autor den lieben Gott zu spielen. Es darf diese Zufälle geben. Oder es ist Schicksal. Ich spiele Schicksal für Blum. Natürlich kann man das hinterfragen oder sagen, dass solche Zufälle blöd sind. Aber sie sind eben theoretisch immer möglich. Alles hätte anders sein können. So etwas sind bei mir spontane Entscheidungen.

Vielleicht wollte ich es ihr nicht zu schwermachen. Und auch das echte Leben ist oft so. Man reitet von einem Ding zum nächsten. Wenn man nach links gegangen wäre, wäre alles anders gekommen. Blum ging aber nach rechts. Im Nachhinein gesehen hätte ich sie als Autor noch um ein Eckerl gehen lassen sollen, sie noch einen Umweg machen lassen sollen. Das ist Geschmackssache. Es ginge natürlich auch komplizierter. Aber so wie es ist, hat es sich für mich gut angefühlt. So etwas ist bei mir Gefühlssache.

ORF.at: Sie wurden bisher bei Haymon veröffentlicht. Wann kam der Moment, an dem Sie sich dachten: Da muss mehr drin sein?

Aichner: Der Wunsch war immer, vom Schreiben Leben zu können. Vor eineinhalb Jahren fasste ich den Plan, mir einen großen deutschen Publikumsverlag zu suchen. Man bekommt als Autor rund zehn Prozent vom Nettoladenpreis. Das sind 1,70 Euro pro Buch im Hardcover, 70 Cent im Taschenbuch. Muss man viel verkaufen, braucht eine große Vertriebsmacht. Dazu braucht es einen Verlag, der anders aufgestellt ist als Haymon. Aber die Sympathie für diesen verdienten Verlag ist nach wie vor da.

2016 wird wieder ein Buch von mir bei Haymon erscheinen rund um meinen Tiroler Kommissar. Der Tiroler bleibt in Tirol. In Deutschland jedenfalls habe ich mich bei drei Literaturagenturen beworben. Zwei davon wollten das Manuskript haben. Geworden ist es die Agentur Copywright. Von sieben Verlagen, bei denen wir es versucht haben, wollten fünf das Manuskript haben. Für mich war alles ab diesem Punkt nur Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten. Von Piper über Rowohlt bis Klett-Cotta. Traumverlage waren dabei. Ab dem Moment ist es abgegangen wie eine Lawine.

Entschieden haben wir uns für btb. Die Verlegerin wollte es noch mehr als andere machen - finanziell und vom Herzen her. Random House, zu dem btb gehört, hat das Buch intern so platziert: Das kann was, das wird was, dafür setzten wir uns voll ein. Sie haben Lizenzen verkauft in alle Welt. Sehr verrückt, was da passiert, ich glaube es selbst noch nicht ganz.

ORF.at: Erzählen Sie von dem Moment, an dem Sie erfahren haben, dass große internationale Verlage ihr Buch verlegen werden.

Aichner: Angefangen hat es mit Italien. Die kauften das ein und bezahlten gleich Vorschüsse. Als Tiroler hat mir das besonders gefallen. Italien ist ja ein Nachbarland. Die Freude war riesig. Dann folgte kurz darauf Holland. Dann kam die Frankfurter Buchmesse, bei der ein Land nach dem anderen dazukam. Wir sind aus dem Feiern überhaupt nicht mehr rausgekommen - bis heute. Das ist alles viel mehr, als man sich erhoffen kann.

Jeder will einen Bestseller schreiben. Jeder will Spitzenpositionen haben. Alles ist super, super, super. Und spannend. In den diversen Ländern erscheint das Buch im Frühjahr 2015. Das wird noch einmal spannend. Da werde ich viel international spazieren fahren. Morgen habe ich eine Präsentation in Berlin. Jetzt geht es los, das ist aufregend. Großartig auch, dass das Buch bei den Buchhändlern ist, von denen ich viele positive Rückmeldungen bekommen habe. Es gibt schon viele Vorbestellungen. Das ist selbst für den Verlag etwas Besonderes - das haben sie nicht ständig.

ORF.at: Sie haben keine Angst, dass der große Erfolg doch noch ausbleiben könnte?

Aichner: Jetzt nicht mehr, dafür garantieren schon alleine die Lizenzverkäufe ins Ausland. Alles schaut gut aus. Ich denke, jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Die Buchhändler habe ich schon auf meiner Seite, das ist das Wichtigste. Und die Vorverkaufszahlen stimmen einfach. Das ist wirklich etwas Besonders für mich. Ich komme aus einem kleinen Tiroler Dorf. Schon mit 15, 16 wollte ich Schriftsteller werden. Jetzt sitze ich in Berlin und warte auf meine Präsentation. Das ist ein großer Traum, der hier in Erfüllung geht.

ORF.at: Wie kommt man dorthin? Kann man das Schreiben lernen? Haben Sie da Seminare besucht?

Aichner: Ich unterrichte selbst hin und wieder. Aber, um ehrlich zu sein, frage ich mich oft: Kann das funktionieren? Ich stelle mir das schwer vor. Ich selbst habe meinem Gefühl gehorcht. Ich muss schreiben, damit ich glücklich bin. Wer erfolgreich sein will, muss schreiben wollen. Ich glaube, dass es eine Leidenschaft sein muss, ein Grundbedürfnis. Sonst funktioniert das nicht. Das Mühsame des Schreibens - man darf es nicht als Mühe sehen, man muss üben, üben, üben. Mit 16 habe ich wirklich üble Texte verfasst. Aber es hat mich glücklich gemacht. Und es ist mit den Jahren besser geworden. Neben der Liebe ist das Schreiben das Beste.

ORF.at: Lesen Sie selbst gerne Krimis? Welche Autoren?

Aichner: Ja, ich lese durchaus gerne Krimis. International etwa die französische Autorin Fred Vargas, in Österreich Thomas Raab. Es gibt viele gute Krimischriftsteller. Aber wenn man kleine Kinder hat, kommt man leider nicht mehr viel zum Lesen.

Das Interview führte Simon Hadler, ORF.at

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