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Keine Umwege auf dem Weg zum Ziel

Es ist ein spannender, einzigartiger Moment in einer Künstlerbiografie, den Bernhard Aichner da gerade durchlebt. Bisher hat er seine wohlwollend aufgenommenen Krimis mit Lokalkolorit im sehr feinen, aber eben auch sehr kleinen Tiroler Haymon-Verlag veröffentlicht. Nun deutet alles darauf hin, dass sein nächstes Buch „Totenfrau“ international zum Kassenschlager wird.

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Diese Woche kennen ihn eher eingeweihte Krimifans, Hörspielliebhaber und Theaterfreunde in Österreich. Nächste Woche dürfte das im deutschen Sprachraum schon ganz anders ausschauen, wenn das Buch beim Thriller-Riesenverlag btb auf Deutsch erscheint. Kommendes Jahr folgt der internationale Markt.

Spätestens dann dürfte Aichner schon ganz Profi sein und abgebrühte Interviews geben. Jetzt hört man dem sympathischen, 1972 geborenen Innsbrucker seine Aufregung und seinen Enthusiasmus noch an. Im Gespräch mit ORF.at wiederholt er gleich dreimal, wie er die neue Aufregung rund um seine Person findet: „Super, super, super.“ Er sei in einem kleinen Tiroler Dorf aufgewachsen. Schon als 15-Jähriger habe er Schriftsteller werden wollen. Und nun werde sein großer Traum wahr: der Durchbruch. Endlich davon leben können.

Bernhard Aichner

Hubert Berger

Bernhard Aichner macht sich auf den Weg zum großen Durchbruch

Das Interesse der „Traumverlage“

Aber was macht Aichner so sicher? Weil diesmal alles ganz anders gelaufen ist als sonst - nicht nur als bei ihm sonst, sondern als überhaupt sonst. Normalerweise spielt sich das so ab: Ein Autor, der noch keinen großen Namen hat, schreibt ein Buch, schickt es an zwanzig Verlage. Die meisten melden sich gar nicht. Ein paar sagen ab. Und mit viel Glück meldet ein Verlag vages Interesse an - will aber alles umgeschrieben haben.

Nicht so in diesem Fall. Aichner hat sich mit einem Manuskript an drei namhafte deutsche Literaturagenturen gewandt. Zwei davon wollten das Buch pushen. Aichner entschied sich für Copywrite. Gemeinsam beschloss man, welche Verlage kontaktiert werden sollen. Aichners Agent Georg Simader erzählt im Gespräch mit ORF.at, dass schließlich acht Verlagshäuser kontaktiert wurden. Sechs wollten das Buch, darunter drei, vier der größten angesehenen Publikumsverlage - „meine Traumverlage“, wie Aichner sagt.

Schlag auf Schlag

Den Zuschlag bekam btb. Mit der Vermarktung von Thrillern im großen Stil haben sie die meiste Erfahrung - und auch hervorragende internationale Kontakte, sagt Simader. Dann sei etwas äußerst Ungewöhnliches passiert. Noch niemals sei ihm in seiner Agentur so etwas untergekommen. Normalerweise erscheint ein Buch im eigenen Sprachraum. Reüssiert es dort, wird an eine Übersetzung in andere Sprachen gedacht.

Diesmal jedoch schätzte der Verlag das Potenzial des Buchs so groß ein, dass er gleich Angebote verschickte. Die erste Zusage kam aus Italien. Aichner hätte nie damit gerechnet, zumindest so rasch nicht. Er freute sich ungemein - schließlich ist Italien das Nachbarland seiner Tiroler Heimat. Bereits kurz darauf folgte Holland. Dann fand - alles im Zeitraum weniger Wochen - die Frankfurter Buchmesse statt.

Party ohne Ende

Und von da an, erzählt Aichner, sei er aus dem Feiern gar nicht mehr herausgekommen. Die Buchmesse ist ja nicht nur für Publikum geöffnet, sondern hinter den Kulissen vor allem ein Jahrmarkt für Lizenzen. Deutsche Verlage kaufen Lizenzen internationaler Bücher ein. Internationale Verlage kaufen, seltener, aber es wird mehr in letzter Zeit, deutsche Titel ein.

Eine Zusage nach der anderen trudelte ein. Um gleich den spektakulärsten Coup zu nennen: In den USA verlegt Scribner (bei Simon & Schuster) das Buch. Aichner ist dort in guter Gesellschaft, etwa mit Stephen King. Die „Totenfrau“ ist auch nach England (Weidenfeld & Nicolson/Orion Publishing Group), Australien, Neuseeland, Norwegen und Polen verkauft worden. Und dabei dürfte es nicht bleiben.

Bernhard Aichner

Aichner wurde 1972 geboren; Studium der Germanistik; Ausbildung als Fotograf; diverse Theaterstücke und Hörspiele; Veröffentlichungen zunächst im Skarabaeus Verlag; danach drei Max-Broll-Krimis im Haymon Verlag; diverse Auszeichnungen und Stipendien, darunter 2008 das Österreichische Staatsstipendium für Literatur.

„Könnte Skandinavien-Hype ablösen“

Der deutsche „Buchreport“ nannte Aichners „Totenfrau“ den „großen Renner“ des Linzenzfeilschens in Frankfurt. Auch hier heißt es: Für einen deutschen Titel sei das mehr als außergewöhnlich. Zitiert wird Gesche Wendebourg, die beim btb-Mutterhaus Random House für „Foreign Rights“ zuständig ist, mit folgenden Worten: „Die Begeisterung für Bernhard Aichner ist sowohl in den USA als auch in England enorm; mehrere Lektoren und die Übersetzerin sprechen schon davon, dass sein Buch den Skandinavien-Hype ablösen wird.“

So wie es aussieht, wollen die Verlage das Buch nicht nur verlegen, sondern auch massiv als einen ihrer Spitzentitel bewerben. Eigentlich muss man kaum noch erwähnen, dass die Filmrechte bereits verkauft sind. Aber wie kommt so ein Hype zustande? Literaturagent Simader sagt: Erstens liege das an der Qualität des Buchs. Dann habe er Aichner die Türen zum Verlag geöffnet. Und btb habe seine hervorragenden internationalen Kontakte über Random House genutzt.

Ein Innsbrucker Racheengel

Worum es in dem Buch überhaupt geht, ist rasch erzählt: Brünhilde Blum, die nur Blum genannt werden will, hat von ihren Eltern ein Innsbrucker Bestattungsunternehmen geerbt. Verheiratet ist sie mit dem Polizisten Mark, und der stirbt, als er auf dem Motorrad von einem Auto abgeschossen wird. Auf seinem Handy findet Blum Tonaufnahmen der Befragung einer gewissen Dunja, die Unglaubliches erzählt.

Sie und zwei andere seien jahrelang in einem Keller festgehalten und von mehreren Männern missbraucht worden. Außer Mark schenkte ihr niemand Glauben. Blum will das Werk ihres über alles geliebten Mannes fortführen, die Wahrheit ans Licht bringen, Dunja helfen und Mark rächen. Zimperlich geht sie dabei nicht vor. Nur so viel: Es wird Blut fließen. Viel Blut. Und selbstverständlich wird Dunja von der Jägerin zur Gejagten. Trauen kann sie niemandem mehr.

Knapp, packend, ohne jeden Umweg

Der Stil des Buchs ist bemerkenswert. Die Sätze sind kurz. Manchmal findet sich zwischen zwei Punkten auch nur ein einzelnes Wort. Die Kapitel sind ebenfalls kurz, Aichner galoppiert durch die Handlung und hält sich nicht lange mit Details auf. Als Leser wird man unweigerlich gepackt und kann sich dem Sog nicht entziehen. An der einen oder anderen Stelle hätte man sich ein paar Umwege mehr vorstellen können, Blums Durchmarsch zum Ziel verläuft, von den letzten 50 Seiten abgesehen, mitunter allzu gerade.

Aichner sagt, die Kürze habe er sich in jahrelanger Arbeit als eigenen Stil antrainiert, sie sei sein Markenzeichen. Und dass Blum (zunächst) kaum etwas in den Weg gelegt wird, das sei für ihn eine Gefühlsentscheidung gewesen. Blum mag eine Gewaltverbrecherin sein. Aber er als Autor mag sie. Er will, dass sie mit ihren Methoden durchkommt. Und als Autor könne er schließlich Gott spielen oder Schicksal, und ihr ein wenig helfen.

Buchcover Bernhard Aichner: Totenfrau

btb

Bernhard Aichner: Totenfrau. Btb, 444 Seiten, 20,60 Euro.

„Sympathy for the Devil“

Genau das, meint Aichners Agent Simader, mache für ihn die Qualität des Buches aus. Er nennt es, nach einem Rolling-Stones-Song: „Sympathy for the Devil“. So große Sympathie für jemanden, der eigentlich so böse sei, das schaffe sonst nur Patricia Highsmith; dass man als Leser mitgeht mit Figuren, die man eigentlich nicht mögen dürfte. Da habe er, sagt Simader, „mit den Fingern geschnalzt“ und gemeint, das sei etwas Neues. Das kriege sonst keiner so hin.

Und was, wenn das Buch nun doch ein Ladenhüter wird, trotz des Hypes im Vorfeld? Aichner glaubt nicht daran, er ist mittlerweile felsenfest von seinem Erfolg überzeugt. Es gebe bereits viele Vorbestellungen. Die Buchhändler seien begeistert - was für den Verkauf entscheidend sei. Und dann die internationalen Lizenzen.

Literaturpatriotismus

Geht alles so auf, wie Aichner, Simader und btb es erwarten, wäre das auch für Österreich eine Sensation. Es wurden zwar einige Krimis übersetzt, aber bisher hat es keiner in die Liga von Henning Mankell oder Patricia Cornwell geschafft. Gelangt Aichner dorthin, könnte das tatsächlich das internationale Interesse an Thrillern aus Österreich wecken. Krimiautoren gibt es genug. Man darf also Aichner literaturpatriotisch die Daumen halten, als wäre er ein Skifahrer bei Olympia.

Simon Hadler, ORF.at

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