Kulturminister sagt Ensemble Treffen zu
Im Gegensatz zum Burgtheater-Ensemble hat Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) trotz eines offensichtlichen Millionenschuldenbergs weiter Vertrauen in Burg-Chef Matthias Hartmann und den Leiter der Bundestheater Holding, Georg Springer. Die Oppositionsparteien fordern unterdessen den Rücktritt des Burg-Chefs.
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Er sehe derzeit keinen Grund für einen Vertrauensentzug, so Ostermayer am Samstag im Ö1-Mittagsjournal. „Ich halte es für wichtig und notwendig, dass die Probleme aus der Vergangenheit gemeinsam aufgearbeitet werden“, so Ostermayer. Er sei „selbstverständlich gerne“ bereit, sich mit dem Ensemble zu treffen. Die Burgtheater-Künstler hatten sich nach dem offenen Brief ein Gespräch mit dem Minister erwartet. „Der Minister sollte das Ensemble zu einer Unterredung einladen“, so Burgschauspieler Peter Matic gegenüber Ö1. Dann müsse man sehen was dabei herauskommt.
„Noch nie eine so extreme Situation erlebt“
Zudem plädierte Matic für eine gemeinsame Diskussion zwischen der Direktion des Burgtheaters, der Bundestheater Holding und den Schauspielern. „Ich glaube, es hat wenig Sinn, wenn Einzelaktionen geschehen. Jetzt ist die Direktion am Zug, uns zu erklären, wie die finanzielle Situation zustande gekommen ist.“ Die Stimmung im Ensemble ist offenbar denkbar schlecht. „Ich habe noch nie eine so extreme Situation erlebt, dass wirklich Angst herrscht,“ so Matic - mehr dazu in oe1.orf.at.
„Köpferollen“ auf Führungsebene
Die FPÖ verlangte am Samstag von Ostermayer „ein Köpferollen“ unter den Verantwortlichen des Finanzdesasters, die Grünen verglichen Hartmanns Reaktion nach der Misstrauensbekundung des Ensembles mit der eines Feudalherren, das Team Stronach (TS) forderte keine „Rücksicht auf Einzelpersonen“. „Was muss eigentlich alles passieren, bis die Geschäftsführung eines Bundesbetriebs den Hut nimmt?“, so Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl am Samstag. Das Haus sei weder wirtschaftlich noch sparsam geführt worden, und drei von vier Ensemblemitgliedern haben Hartmann das Vertrauen entzogen.
Auch die FPÖ kann Ostermayers Strategie, in der Causa Burgtheater kühlen Kopf bewahren zu wollen, nichts abgewinnen. „Bei einer Bilanz, die offenbar ein Minus von 8,3 Millionen Euro für die Zeit 2012/13 beträgt, muss es für die Verantwortlichen ein Köpferollen geben“, so FPÖ-Kultursprecher Walter Rosenkranz. „Angesichts des aktuellen Hypo-Desasters muss auch bei dieser renommierten Kulturinstitution ohne übertriebene Rücksichtnahme auf Einzelpersonen im Sinne der Steuerzahler ehebaldigst gehandelt werden“, so TS-Kultursprecher Marcus Franz. Die NEOS-Kultursprecherin Beate Meinl-Reisinger sieht sich in ihrer Forderung nach einer sofortigen parlamentarischen Aufarbeitung der Burgtheater-Causa bestätigt. Darüber, dass es sich im „Fall Stantejsky“ und beim nun bekanntgewordenen Defizit des Burgtheaters nicht nur um die Fehler einer Einzelperson handle, ist sich Meinl-Reisinger sicher.
Ensemble beschloss Misstrauensvotum
Die Ensembleversammlung des Burgtheaters hatte am Freitag ein Misstrauensvotum gegen Hartmann und Springer beschlossen. Man könne der bisherigen Darstellung - die entlassene Vizedirektorin und Ex-Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, sei alleine für die finanzielle Misere verantwortlich - keinen Glauben schenken, hieß es.
„Wir, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Burgtheaters, sehen uns nach Bekanntwerden des finanziellen desaströsen Zustandes unseres Betriebes und mit der Frage nach den Verantwortlichen dafür in der alleinigen Schuldzuweisung an die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin nicht in der Lage, dieser Darstellung Glauben zu schenken“, heißt es laut einer Aussendung des Ensembles in einem Brief an den Kulturminister.
„Unwürdige und unproduktive Angstpolitik“
Das Schreiben wurde demnach in einer Ensembleversammlung mit 83 zu 31 Stimmen bei zwei Enthaltungen angenommen. Das Ensemble forderte die Geschäftsführer auf, „ihre Verantwortung im Sinne der Rechtsvorschrift des Bundestheaterorganisationsgesetzes zu übernehmen“.
„Anstatt die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass finanzielle Misswirtschaft von allen Verantwortlichen stattgefunden hat, wird stattdessen uns MitarbeiterInnen des technischen und künstlerischen Personals seit Amtsantritt von Matthias Hartmann die jederzeitige Kündigung als Sparmaßnahmenrute ins Fenster gestellt, was einer unwürdigen und unproduktiven Angstpolitik entspricht“, zitierte die „Presse“ (Onlineausgabe) aus dem Schreiben.
Hartmann spricht von Kommunikationsfehlern
„Die Tatsache, dass ich vielen Ensemblemitgliedern des Burgtheaters nicht in ausreichender Form meine unausgesetzten Bemühungen zur Bewältigung dieser schweren Krise hinreichend klarmachen konnte, macht mich betroffen, und ich nehme das sehr ernst“, sagte Hartmann zum Misstrauensvotum seines Ensembles im „Kurier“ (Samstag-Ausgabe).
Er verstehe, dass in „unserem ruhmreichen Ensemble des Burgtheaters“ nicht allen die Geschäftsordnung bekannt sei. Diese trenne die kaufmännischen und künstlerischen Bereiche klar. „Ich werde auch weiter alles in meiner Macht Stehende tun, um mit Hilfe der neuen kaufmännischen Geschäftsführung, der Holding und der Politik die Krise zu überwinden und unseren künstlerischen Höhenflug wieder in den Fokus zu richten“, wird Hartmann zitiert. „Das Ensemble verdient von allen den höchsten Respekt, und bald wird das Theater wieder gemeinsam stehen.“
„Wir kennen die Geschäftsordnung sehr wohl“
„Wir kennen die Geschäftsordnung sehr wohl“, konterte ihm am Samstag Ensemblemitglied Johannes Krisch. „Künstlerische und kaufmännische Seite arbeiten zusammen. Man kann sich nicht ausreden, man habe von der anderen Seite nichts gewusst. Hartmann kann sehr wohl etwas dafür, wie das Burgtheater jetzt dasteht. Misswirtschaft findet ja auch in der Hinsicht statt, dass er einfach zu viele Produktionen macht. Das muss jedem klar sein. Ich kann ja auch nicht in den Supermarkt gehen und mehr einkaufen, als ich bezahlen kann“, so Krisch.
Krisch nimmt seinem Direktor die Aussage, er habe bei seinen bisherigen Intendanzen die von ihm geleiteten Häuser stets saniert hinterlassen, offenbar nicht ab: „Dieses Problem hat er ja auch in Zürich gehabt.“ Das Ensemble habe ein Signal setzen wollen, dass sich nicht alle aus ihrer Verantwortung stehlen dürften, so Krisch im Gespräch mit der APA.
Verständnis und Kritik von Springer
Er habe „alles andere als eine Freude“ am Misstrauensvotum des Burgtheater-Ensembles, kommentierte Holding-Geschäftsführer Springer am Freitagabend in der ZIB2 die Situation. Er verstehe „die Irritation und die Unsicherheit“, nicht jedoch den Standpunkt des Ensembles, einer Lagebeurteilung, die nicht von ihm oder Hartmann, sondern „von externen Prüfern“ stamme, keinen Glauben zu schenken.
Im Interview mit der Tageszeitung „Österreich“ (Sonntag-Ausgabe) übt Schauspieler Michael Heltau Kritik an der Führungsebene. „Es kann doch kein Mensch ernstlich glauben, dass ein einzelner Mensch - Silvia Stantejsky - verantwortlich sei für das derzeitige Schlamassel am Burgtheater.“ Dass jetzt eine einzige Person zum Sündenbock für die Kulturpolitik der Republik gemacht werden soll, sei nicht nur ein politischer, sondern auch ein menschlich-moralischer Skandal, meldet sich auch Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, in einer Aussendung zu Wort: „Die seit Jahren mit den Budgetnöten unserer kulturellen Aushängeschilder konfrontierten Politiker wollten diese simple Tatsache, dass gleichbleibend hohe Qualität bei steigenden Kosten, real sinkenden Budgets und der Forderung nach ausgeglichenen Budgets nicht möglich ist, in der Vergangenheit nicht wahrhaben.“
Millionenschwere Steuernachzahlung?
Die Vorwürfe gegen die im November 2013 entlassene frühere kaufmännische Direktorin Stantejsky werden derzeit von Wirtschaftsprüfern untersucht. Bei der Vorlage eines Zwischenberichts im Burgtheater-Aufsichtsrat am Montag war bekanntgeworden, dass der Abgang in der gerade in Erstellung befindlichen Bilanz 2012/13 auf zumindest 8,3 Millionen Euro geschätzt wird.
Dazu sei „aufgrund formaler Versäumnisse der kaufmännischen Direktion“ noch eine Steuernachzahlung zu erwarten, die bis zu fünf Millionen Euro betragen könne. Stantejsky bestreitet alle Vorwürfe und hat gegen ihre Entlassung Klage eingereicht. Der endgültige Prüfungsbericht soll Ende Februar, die Burgtheater-Bilanz im April vorliegen.
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