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„We Shall Overcome“

Die Folklegende Pete Seeger ist tot. Seeger starb am Montag im Alter von 94 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus, wie seine Familie der „New York Times“ bestätigte. Der Musiker, Friedensaktivist und Politrebell war vor allem als Songschreiber bekanntgeworden.

Sein Lied „Where Have All the Flowers Gone“ wurde zur Hymne der Friedensbewegung. Auch „If I Had a Hammer“ und seine Interpretation des Gospelsongs „We Will Overcome“, aus dem er „We Shall Overcome“ machte, erlangten Weltruhm. Der 1919 in New York geborene Seeger galt, mit seiner zwölfsaitigen Gitarre oder seinem Banjo in der Hand, lange als Schlüsselfigur der amerikanischen Folkmusik. Für Musiker wie Bob Dylan, Joan Baez und Don McLean war er ein Vorbild und Mentor, gemeinsam mit Woody Guthrie trampte er schon als junger Mann durch die USA.

Folklegende Pete Seeger und Joan Baez bei einem Konzert im September 1976

APA/dpa

Pete Seeger und Joan Baez 1976 während eines Benefizkonzerts für Menschenrechte in Chile im New Yorker Madison Square Garden

Obwohl er mehr als 100 Alben veröffentlichte, fühlte sich Seeger nie als Star. Seinen kommerziellen Erfolg nutzte er, um auf Umweltprobleme und politische Missstände hinzuweisen. „Mein Job ist es zu zeigen, dass es gute Musik auf dieser Erde gibt und dass sie helfen kann, den Planeten zu retten, wenn sie richtig eingesetzt wird“, sagte er 2009 der „New York Times“.

Zuletzt Hymnen gegen den Irak-Krieg

Das Singen - es ging nicht mehr so gut - konnte der stets auffallend schlanke Musiker bis zuletzt bei Konzerten getrost dem Publikum überlassen. Sobald er eine Melodie anspielte und eine Textzeile vorgab, stimmen die Leute ein. Als zu Beginn des Irak-Krieges in New York Tausende auf die Straße gingen, marschierte Seeger mit wehendem weißem Bart in der ersten Reihe.

Pete Seeger mit Banjo

AP

Der US-amerikanische Politiker Henry A. Wallace lauscht Pete Seeger 1948 während eines Fluges

Da waren sie wieder zu hören, so eindringlich wie lange nicht, die Songs der Bürgerrechts- und Friedensbewegung. „We Shall Overcome“, die große alte Folkhymne, die in Seegers Interpretation um die Welt ging, „Where Have All the Flowers Gone“, „If I Had a Hammer“ und „Turn, Turn, Turn“. „Ich bin dankbar, dass die Byrds diesen Song so wunderbar interpretiert haben“, sagte Seeger einmal. „Jedes Mal, wenn er im Radio gespielt wird, verdiene ich ein paar Cents.“ Nach langen, schweren Jahren stand Seeger erst im Alter finanziell ganz gut da.

Mit Guthrie auf Güterzüge gesprungen

Sein Studium an der Harvard-Universität und den Wunsch, Journalist zu werden, gab der Sohn eines radikal linken Musikprofessors nach zwei Jahren 1938 auf. Viel lieber zog er mit Folklegenden wie Guthrie durch sämtliche Bundesstaaten, lernte Amerikas Volksmusik an ihren Wurzeln kennen und gab Benefizkonzerte für verarmte Bauern. „Von Woody habe ich gelernt, wie man auf fahrende Güterzüge springt und wie man sich in einer vollen Bar Gehör verschafft.“

In der McCarthy-Ära waren die Kommunistenjäger hinter Seeger her, ein Konzert nach dem anderen platzte. Doch Seeger wollte nicht auf seine Bürgerrechte verzichten. Senator Joseph McCarthys und dessen Kongressausschuss für „unamerikanische Aktivitäten“ hielt er 1955 die Verfassung vor und pochte auf das Recht der freien Meinungsäußerung auch für Kommunisten. Dabei hatte er die KP längst verlassen.

Zuerst Gefängnisstrafe - dann Ehrung

Ein Gericht verurteilte ihn wegen „Missachtung des Kongresses“ zu zehn Jahren Gefängnis. Das Urteil wurde wegen eines juristischen Formfehlers aufgehoben, aber das Auftrittsverbot galt noch viele Jahre. Die volle staatliche Rehabilitierung kam spät, aber sie kam. 1994 wurde ihm mit dem Kennedy Center Award die höchste US-Auszeichnung für Künstler zuteil.

In der Würdigung hieß es, Seeger sei „eine Vaterfigur und Institution der amerikanischen Folk- und Popmusik“. Das sahen Kollegen wie Bruce Springsteen, Jackson Brown, Richie Havens und viele andere ganz ähnlich, die 1998 ein Doppelalbum mit Seeger-Songs herausbrachten. Aufgelegt hat Seeger es angeblich nie. „Ich höre keine Platten, auch nicht meine eigenen. Ich habe auch so von früh bis spät Musik im Kopf.“

Bis ins hohe Alter aktiv

Das alte Blockhaus der Seegers gibt es noch, das er zusammen mit seiner Frau Toshi Ohta eigenhändig baute. „Wir haben Jahrzehnte darin gelebt, niemals würde ich es abreißen“, sagte Seeger anlässlich seines 85. Geburtstag der deutschen Nachrichtenagentur dpa. Daneben steht seit einigen Jahren ein zweistöckiges Haus mit einer riesigen Wohnküche: „Es ist ein Glück für mich und ein Wunder, dass wir nach 62 Jahren immer noch verheiratet sind“, sagte Seeger damals. „Es gab Zeiten, da war ich Monate an fremden Orten, um zu singen, und Toshi zog unsere drei Kinder groß.“

Bis ins hohe Alter war Seeger aktiv und stand noch im vergangenen Jahr auf der Bühne. Für sein Album „At 89“ wurde er 2009 ebenso mit einem Grammy ausgezeichnet wie für sein Werk „Tomorrow’s Children“ zwei Jahre darauf. Weitere Grammys hatte er 1993 für sein Lebenswerk und 1997 für sein Album „Pete“ erhalten. Seine Frau Toshi starb im vergangenen Juli, kurz vor ihrem 70. Hochzeitstag. Als Filmemacherin, Produzentin und Umweltaktivistin hatte sie die Arbeit ihres Mannes jahrzehntelang unterstützt.

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