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Ambitionierte Geschichtsstunde

Ein Leben, das die Welt verändert hat, in 141 Minuten: Knapp zwei Monate nach dem Tod von Nelson Mandela erwartet nun auch die heimischen Kinobesucher eine Geschichtsstunde mit Überlänge. „Mandela - Der lange Weg zur Freiheit“ versucht das Leben des südafrikanischen Nationalhelden basierend auf seiner gleichnamigen Biografie nachzuzeichnen.

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Die britisch-südafrikanische Produktion ist als konventioneller Dreiakter aufgebaut: Der junge Anwalt Mandela, dargestellt von dem Briten Idris Elba, setzt sich erfolgreich für schwarze Klienten ein. Als ein Freund von der Polizei zu Tode geprügelt wird, steigt er beim Afrikanischen Nationalkongress (ANC) ein, bei dem er schnell zur Führungsfigur wird. Mandela wird dabei, vor allem im Umgang mit Frauen, keineswegs als Heiliger dargestellt.

Radikalisierung gegen ein brutaler werdendes Regime

Schließlich lernt er seine spätere Frau Winnie (Naomie Harris) kennen, die Liebe seines Lebens. Mit der immer brutaler werdenden Politik der Regierung wie dem Massaker von Sharpville 1960 radikalisiert sich der ANC. Mandela wird nach Bombenanschlägen verhaftet, ihm wird zwar die Todesstrafe erspart, er soll aber lebenslang hinter Gitter.

Nelson (Idris Elba) und Winnie (Naomie Harris) Mandela nach der Urteilsverkündigung

Senator Film Verleih

Nelson (Idris Elba) und Winnie (Naomie Harris) Mandela nach der Verurteilung

Vom Staatsfeind zum Staatsmann

18 Jahre verbringt er auf Robben Island in einer sechs Quadratmeter großen Zelle. Die Nachrichten vom Tod seiner Mutter und seines ältesten Sohnes scheinen ihn zu brechen. Es sind die kleinen Erfolge, die Erlaubnis, lange Hosen tragen zu dürfen, die der Film dort in den Mittelpunkt rückt. Gleichzeitig radikalisiert sich Winnie, die ebenfalls ins Gefängnis musste, in ihrer mehrmonatigen Isolationshaft. Es ist vor allem ihre zunehmende Militanz, die die Ehepartner voneinander entfremden lässt.

Als die Regierung Südafrikas zunehmend in die Defensive gerät, wird der Häftling zum Staatsmann. Mittlerweile in einem anderen Gefängnis untergebracht, führen Regierungsvertreter Gespräche mit Mandela, wie die politische Krise zu bewältigen sei. Mandela wird als altersmilde gezeigt, aber als keinesfalls als gebrochen. Aus dem Staatsfeind wird der Staatsmann.

Pathos in kleinen Dosen

Mit Justin Chadwick fand sich ein junger Regisseur für das ambitionierte Projekt, es ist erst sein dritter Spielfilm. Chadwick hatte als Hauptdarsteller in „London Kills Me“ von Hanif Kureishi 1991 einen kleinen Underground-Filmhit, wechselte dann aber ins Regiefach für britische Fernsehserien. Chadwick versuchte ganz offensichtlich in Sachen Pathos nicht allzu aufzutragen, ganz ohne große Mandela-Reden mit dramatischen Streichern in Hintergrund ging es freilich auch nicht. Szene abgehakt, weiter zur nächsten Lebensstation.

Auch der Soundtrack wirkt merkwürdig zerrissen. Afrikanische Rhythmen und Melodien funktionieren noch als Untermalung, der klassische Orchestersound wirkt hingegen deplatziert - genau wie die wenigen Einsprengsel von Pop und Rap, die zumeist in Kombination mit Originalfilmmaterial eingesetzt werden und den Film, zumindest kurz, beschleunigen lassen.

Würdevolle Mandela-Darstellung

Getragen wird der Film also weniger durch seine dahinplätschernde Dramaturgie, vielmehr durch zwei glänzende Schauspielleistungen. Elbas Leistung im Film wurde durchgehend gelobt und auch mit einer Golden-Globe-Nominierung geehrt. Es ist nicht so sehr sein Mienenspiel, sondern vor allem - im englischen Original - Sprache und Körpersprache, die ihn Mandela würdevoll darstellen lassen, auch wenn seine robuste Statur und die dicke Schicht Schminke beim „alten“ Mandela ein wenig die Glaubwürdigkeit unterminiert.

Nelson (Idris Elba) und Winnie (Naomie Harris)

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Nelson und Winnie kurz nach seiner Freilassung noch Seite an Seite

Sogar als Bond im Gespräch

Elba ist spätestens seit seiner phänomenalen Rolle als Drogenboss Stringer Bell in der US-Kultserie „The Wire“ in die oberste Schauspielerriege aufgestiegen, er brillierte auch als stets gratwandernde Hauptfigur in der britischen Krimiserie „Luther“. Zuletzt spielte er in Guillermo del Toros Sci-Fi-Kracher „Pacific Rim“ und den beiden „Thor“-Filmen. Elbas Erfolge führten zuletzt sogar dazu, dass er persönlich Gerüchte dementieren musste, er sei für die Rolle des ersten schwarzen James Bond im Gespräch.

Naomie Harris glänzt als Winnie

Dennoch: Den vielleicht stärksten Satz im Film darf Mandelas Tochter Zindzi bei ihrem ersten Besuch bei ihrem Vater auf Robben Island sagen. „Das ist nichts Politisches, das ist mein Leben“, geht sie einen Gefängniswärter an, der „politische Gespräche“ mit dem Häftling unterbinden will.

Die Britin Naomie Harris, bekannt aus den „Pirates of the Caribbean“-Filmen und als neue Miss Moneypenny im letzten Bond-Film „Skyfall“, verkörpert eindrucksvoll den Wandel von Winnie Mandela, die von der idealistischen Liebenden durch Isolationshaft zur militanten Hardlinerin wird.

Ein Regime ohne Gesicht

„Mandela“ ist der bemühte Versuch, das Leben und die historischen Leistungen einer der größten Persönlichkeiten unserer Zeit nachzuzeichnen - und scheitert genau daran, ein wirklich großer Film sein zu wollen. Denn bei aller Genauigkeit, mit der Mandelas Leben dargestellt werden soll, wiegen die Auslassungen umso schwerer. So ist die politische Dimension im Film merkwürdig diffus.

Der südafrikanische Präsident F.W. De Klerk (Gys de Villiers) sucht Rat bei Nelson Mandela (Idris Elba)

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Erst gegen Ende zeigt der Film auch die Mächtigen des Regimes, hier Präsident Frederik Willem de Klerk

Das Apartheidregime bleibt bis zum letzten Drittel des Films gesichtslos, nur die Schläger und Wärter sind zu sehen, nicht jene, die diese Politik gemacht haben. Auch die westlichen Regierungen, allen voran die USA und Großbritannien, die Mandela bis Ende der 80er Jahre als „Terroristen“ bezeichneten, bleiben unerwähnt.

Nebenfiguren im Abseits

Die Fokussierung auf die beiden Hauptdarsteller lässt die Nebenfiguren ein Schattendasein führen - sowohl historisch wie filmisch ein Fehler. Denn vor allem die an der Seite Mandelas inhaftierten Mitstreiter hätten mehr Raum verdient. Und seine dritte Ehe mit der Menschenrechtsaktivistin Graca Machel lässt der Film gleich ganz aus. Es ist ein braver und konventioneller Streifen, aber keineswegs ein Epos, das sich etwa an Richard Attenboroughs „Gandhi“ mit Ben Kingsley messen kann.

Christian Körber, ORF.at

Link:

  • Mandela (offizielle Website, engl.)