UNO verlangt mehr Informationen
Mitglieder des UNO-Kinderrechtskomitees (CRC) haben den Vatikan wegen mangelnder Transparenz im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche scharf kritisiert. Am Donnerstag stellte sich der Vatikan erstmals den Fragen des CRC in Genf. Dabei ging es u. a. um die unzähligen Missbrauchsskandale in der Kirche und Maßnahmen, um Kinder besser zu schützen.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Der Kirchenstaat weigere sich nach wie vor, die von der UNO geforderten genauen Angaben zum Umfang des Skandals und zu den Tätern zu machen, bemängelte das CRC. Die Expertin Sara de Jesus Oviedo Fierro verlangte, dass der Vatikan mehr Informationen über die getroffenen Maßnahmen zur Prävention von Kindesmissbrauch herausgebe. „Welche Änderungen beim Verhaltenskodex wurden getroffen, um sexuellen Missbrauch zu verhindern? Welche Strafen wurden gegen Priester verhängt, deren Verhalten unangemessen war?“, fragte Oviedo Fierro.
Vertuschung oder Opferschutz?
Der Vatikan hatte es im Dezember 2013 abgelehnt, dem UNO-Ausschuss auf im Juli übermittelte Fragen zu antworten, in welchen Missbrauchsfällen die Glaubenskongregation des Vatikans derzeit ermittelt. Insgesamt wurden laut dem emeritierten US-amerikanischen Kurienkardinal William Joseph Levada in den vergangenen Jahren rund 4.000 Fälle von den Diözesen an die Glaubenskongregation weitergeleitet. Kritiker warfen dem Vatikan vor, mit seinem Schweigen die Missbrauchsvorwürfe gegen Kirchenmitarbeiter vertuschen zu wollen, doch der Vatikan erklärt, dadurch Zeugen und Opfer schützen zu wollen.
Der Vatikan hatte die Weigerung, konkrete Angaben zu Tätern vorzulegen, auch damit begründet, dass er keine staatliche Verantwortung für Kircheninstitutionen und deren Angestellte in anderen Ländern habe. Komiteemitglieder erwiderten, der Vatikan habe jedoch sehr wohl eine „moralische Verantwortung“. Sie äußerten auch Kritik daran, dass manche Geistliche trotz Missbrauchshandlungen nicht aus dem Kirchendienst entfernt worden seien.
Vatikan verteidigt sich
Vor dem Ausschuss in Genf beteuerte der Gesandte des Heiligen Stuhls bei der UNO, Erzbischof Silvano Tomasi, der Vatikan gehe mit aller Kraft gegen den Missbrauch von Kindern vor. So habe Papst Franziskus eigens die Bildung einer Kommission für den Schutz von Minderjährigen veranlasst. Sie werde Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit von Kindern in der Obhut der Kirche sowie zur Fürsorge für Missbrauchsopfer vorschlagen. Für die katholische Kirche gelte, was bereits Papst Johannes Paul II. erklärt habe: Der Vatikan betrachte Kindesmissbrauch durch Kirchenvertreter als Verbrechen und „entsetzliche Sünde vor den Augen Gottes“ - mehr dazu in religion.ORF.at.

APA/EPA/Martial Trezzini
Erzbischof Silvano Tomasi (l.) und Bischof Charles Scicluna bei der UNO-Anhörung
Der Vatikan habe alle relevanten internationalen Verträge zum Schutz von Kindern ratifiziert und setze sie um - darunter das UNO-Protokoll zur Bekämpfung von Kinderprostitution und Kinderpornografie, sagte Tomasi weiter. Zugleich trat der Apostolische Nuntius dem Eindruck entgegen, Kindesmissbrauch sei besonders stark in Kreisen von Geistlichen verbreitet: „Kinderschänder findet man selbst bei den am meisten geachteten Berufsgruppen der Welt, darunter beim Klerus und anderen kirchlichen Berufen.“
Papst-Sprecher Federico Lombardi sagte am Donnerstag dem Sender Radio Vatikan, es sei zwischen staatlichem Recht und dem Kirchenrecht zu unterscheiden. Der Vatikan sei gemäß der von ihm ratifizierten UNO-Kinderrechtskonvention nicht angehalten, auf Anfragen zu Ermittlungen auf der Grundlage des Kirchenrechts zu antworten. Vorwürfe, die Kirche wolle die Ermittlungen der Justiz beeinflussen oder behindern, wies Lombardi zurück.
Nur selten Justiz eingeschaltet
Die Mitglieder des Komitees wollten sich mit diesen Aussagen jedoch nicht zufriedengeben. Der Vatikan müsse genaue Daten zum Umfang des sexuellen Missbrauchs in den Kirchen aller betroffenen Länder vorlegen, forderte das CRC-Mitglied Hiranthi Wijemanne aus Sri Lanka. Zugleich bemängelte sie, dass Untersuchungen oft lediglich innerhalb der Kirche und dann auch nur streng vertraulich geführt würden. „Warum werden nur einige wenige Fälle an die Justizbehörden gemeldet, warum werden sie nicht öffentlich gemacht?“, fragte sie.
Einschätzungen zum Umgang des Kirchenstaates mit dem Kindesmissbrauch sowie Empfehlungen für Verbesserungen will das CRC bis Anfang Februar erarbeiten und dann veröffentlichen. Die Anhörung wurde von Aktivisten begleitet, die für die Aufklärung aller Skandalfälle eintreten und umfassende Entschädigungen für die Betroffenen fordern.
Franziskus: „Schande“ für die Kirche
Franziskus bezeichnete die Skandale als „Schande" für die Kirche. Dazu komme es dann, wenn die Menschen keine lebendige Beziehung zu Gott hätten, sagte der Papst am Donnerstag in seiner Frühmesse laut Radio Vatikan. „Haben wir uns denn geschämt über solche Niederlagen von Priestern, Bischöfen und Laien?“, fragte der Papst. Die Ersten, die die Folgen der vielen Skandale ausbaden müssten, seien die Gläubigen - mehr dazu in religion.ORF.at.
Bei der Befragung handelte es sich zwar um eine turnusmäßige Prüfung, zu der sich alle 193 Unterzeichnerstaaten der UNO-Kinderrechtskonvention (UNCRC) verpflichtet haben - der Vatikan, der 1990 die Konvention unterschrieben hatte, stellte sich dennoch erst jetzt das erste Mal in der Öffentlichkeit solchen Fragen. Neben Tomasi wurde der Heilige Stuhl von Bischof Charles Scicluna aus Malta vertreten. Er war zehn Jahre lang Strafverfolger bei der römischen Glaubenskongregation und für die Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen gegen Kleriker verantwortlich.
Links: