Themenüberblick

1.000 satanische Definitionen

„Des Teufels Wörterbuch“ ist das populärste Werk des Schriftstellers und Journalisten Ambrose Bierce. Nach Stichworten von A wie „Abendland“ bis Z wie „Zyniker“ versammelt es 1.000 satirische Definitionen, bissige Aphorismen und geistreich-witzige Epigramme, die Sprachkunst und Gesellschaftskritik auf pointierte Weise vereinen.

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Bierce’ Spott gilt sozialen und politischen Missständen ebenso wie menschlichen Sitten und Charaktereigenschaften. Das „Wörterbuch“ wendet sich, wie Bierce schreibt, an jene „aufgeklärten Seelen, die trockene Weine lieber mögen als süße, einen regen Verstand lieber als Gefühlsregungen, Witz lieber als Humor und sauberes Englisch lieber als Slang.“

Der Spott des „Bitter Bierce“

Bierce, der wegen seiner angeblichen Boshaftigkeit auch „Bitter Bierce“ genannt wurde, hatte bereits 1881 mit seinen eigenwilligen Definitionen begonnen und sie unregelmäßig in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht, bis sie 1906 erstmals in Buchform mit zunächst rund 500 Eintragungen erschienen. Weitere 500 Stichwörter kamen dann in der zweiten Ausgabe von 1911 hinzu - im Folgenden einige Kostproben:

Abendland: Jener Teil der Welt, der westlich (beziehungsweise) östlich des Morgenlandes liegt. Es wird größtenteils von Christen bewohnt, einem mächtigen Unterstamm der Hypokriten, dessen Hauptbeschäftigungen Mord und Betrug sind, von ihnen vorzugsweise „Krieg“ und „Handel“ bezeichnet. Das sind auch die Hauptbeschäftigungen des Morgenlandes.

Allein: In schlechter Gesellschaft.

Alter: Die Lebensperiode, in der wir die Sünden, die wir noch begehen, dadurch wettmachen, dass wir jene verabscheuen, die zu begehen wir nicht mehr imstande sind.

Aphorismus: Weisheit, vorverdaut und wiedergekäut.

Arbeit: Einer der Prozesse, durch die ein Mensch (A) einem anderen (B) zu Besitztum verhilft.

Armut: Beißerchen für die Zähne von Reformratten. Die Anzahl von Plänen zu ihrer Abschaffung ist gleich der Menge von Reformern, die an ihr leiden, plus der Menge von Philosophen, die nichts von ihr wissen.

Bekannte(r): Jemand, den wir gut genug kennen, um ihn anzupumpen, aber nicht gut genug, um ihm etwas zu leihen. Ein Freundschaftsgrad, den man flüchtig nennt, wenn die betreffende Person arm oder unbekannt ist, und intim, wenn sie reich oder berühmt ist.

Belesenheit: Staub, der aus einem Buch in einen leeren Schädel geschüttelt wird.

Berichterstatter: Jemand, der sich schreibend zur Wahrheit vortastet und sie mit einem Schwall von Worten verjagt.

Beten: Darum bitten, dass die Gesetze des Alls aufgehoben werden zugunsten eines einzelnen Bittstellers, der bekennt, unwürdig zu sein.

Bewunderung: Das höfliche Eingeständnis, dass ein anderer einem selber ähnlich ist.

Egoist: Person minderen Geschmacks; mehr an sich interessiert als an mir.

Ehe: Eine Gemeinschaft, die aus einem Herrn, einer Herrin und zwei Sklaven besteht - was zusammen zwei ergibt.

Finanzwesen: Die Kunst oder Wissenschaft, Einkünfte oder Gelder so zu verwalten, dass der Verwalter am meisten davon hat.

Freizeit: Eine Erfindung zur Förderung des Trübsinns. Behutsame Einübung geistiger Verblödung.

Geburt: Die erste und schrecklichste aller Katastrophen.

Gehirn: Ein Organ, mit dem wir denken, dass wir denken.

Geige: Ein Instrument, das die menschlichen Ohren dadurch kitzelt, dass man einen Pferdeschweif an Katzendärmen reibt.

Geschichte: Meist falscher Bericht über meist unwichtige Ereignisse, die von meist kriminellen Herrschern und meist närrischen Soldaten bewirkt worden sein sollen.

Glück: Das Wohlgefühl, das sich einstellt, wenn man das Elend eines anderen betrachtet.

Handel: Eine Art Geschäft, bei dem A dem B die Ware des C wegnimmt und B dafür dem D das Geld aus der Tasche zieht, das dem E gehört.

Heiliger: Ein toter Sünder, überarbeitet und neu herausgegeben.

Hochzeit: Eine Feierlichkeit, bei der zwei Personen versprechen, eine zu werden, eine Person verspricht, nichts zu werden, und nichts verspricht, erträglich zu werden.

Homöopath: Der Humorist unter den Ärzten.

Igel: Der Kaktus des Tierreichs.

Kindheit: Ein Abschnitt des menschlichen Lebens zwischen dem Schwachsinn des Säuglings und der Torheit der Jugend - zwei Schritte entfernt von der Sünde des Erwachsenenlebens und drei von der Reumütigkeit des Alters.

Kohl: Ein bekanntes Küchengemüse, etwa so groß und klug wie ein menschlicher Kopf.

Langweiler: Jemand, der redet, wenn man will, dass er zuhört.

Lobreden: Das Preisen eines Menschen, der den Vorzug des Reichtums oder der Macht besitzt oder die Freundlichkeit, tot zu sein.

Märtyrer: Jemand, der auf dem Weg des geringsten Widerstands einem ersehnten Tod zustrebt.

November: Das elfte Zwölftel eines Überdrusses.

Politik: Vom verkommenen Teil unserer kriminellen Schichten bevorzugter Lebensunterhalt. - Interessenkonflikt, maskiert als Prinzipienstreit. Die Leitung öffentlicher Angelegenheiten zu privatem Vorteil.

Buchcover von "Des Teufels Wörterbuch"

Manesse Verlag

Buchhinweis

Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch. Aus dem Englischen von Gisbert Haefs. Manesse, 224 Seiten, 20,60 Euro

Schicksalsschlag: Eine außerordentlich klare und unmissverständliche Mahnung, dass dieses Leben nicht nach unserem Willen abläuft. Es gibt zwei Arten von Schicksalsschlägen: das Unglück, das uns selbst widerfährt, und das Glück, das anderen zuteil wird.

Schuld: Ein raffinierter Ersatz für die Kette und Peitsche des Sklavenaufsehers.

Ungläubiger: In New York: jemand, der nicht an die christliche Religion glaubt; in Istanbul: jemand, der an sie glaubt.

Unsinn: Die Einwände, die gegen dieses ausgezeichnete Wörterbuch erhoben werden.

Zyniker: Ein Schurke, dessen falsche Wahrnehmung die Dinge sieht, wie sie sind, nicht, wie sie sein sollten. Daher rührt bei den Skythen der Brauch, einem Zyniker die Augen auszureißen, um seine Wahrnehmung zu verbessern.

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