„Gringo in Mexiko - das ist Euthanasie“
Sein Leben endete, wie eine seiner Kurzgeschichten enden könnte. „Was mich betrifft, so verlasse ich morgen diesen Ort mit unbekanntem Ziel“, verabschiedete sich Ambrose Bierce am 26. Dezember 1913 in einem Brief aus Mexiko. Es war das letzte Lebenszeichen des US-amerikanischen Journalisten und Schriftstellers, der sich im Alter von 71 Jahren scheinbar in Luft aufgelöst hat.
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Um Bierces mysteriöses Ende ranken sich zahlreiche Legenden. Eine davon lautet, er sei in den mexikanischen Revolutionswirren gefallen oder hingerichtet worden. „Wenn du hören solltest, dass man mich an eine mexikanische Wand gestellt und zu Fetzen geschossen hat“, hatte Bierce wenige Wochen zuvor an die Frau seines Neffen geschrieben, „dann bedenke bitte, dass ich das für eine ganz angenehme Art halte, aus diesem Leben zu scheiden. Das ist besser als hohes Alter, Krankheit oder eine Kellertreppe runterzufallen. Ein Gringo in Mexiko sein - ah, das ist Euthanasie!“

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Kein Amerikaner konnte sich rühmen, mehr Feinde zu haben als Bierce (Bild von 1866)
„Mein Werk ist fertig, und ich bin es auch“
Eine fiktive Rekonstruktion der letzten Tage legte Carlos Fuentes 1985 in seinem Roman „Der alte Gringo“ vor. Darin bekennt Bierce einer Frau: „Ich war des Teufels Lehrling, nur hätte ich nicht einmal den Teufel als Lehrmeister anerkannt“, bevor er schließlich von einem eifersüchtigen Revolutionär erschossen wird. 1989 wurde „Der alte Gringo“ mit Gegory Peck und Jane Fonda in den Hauptrollen verfilmt.
Roy Morris vertritt in seiner Biografie die These, Bierce habe mit seinem Mexiko-Abenteuer eine falsche Fährte legen wollen, in Wirklichkeit aber in einem Versteck im Grand Canyon Suizid begangen. „Mein Werk ist fertig, und ich bin es auch“, konstatierte Bierce verbittert im Jahr seines spurlosen Verschwindens. Vom Leben, das ihm mit dem Scheitern seiner Ehe, dem Tod seiner beiden Söhne, angeschlagener Gesundheit und Einsamkeit arg mitspielte, schien er sich nichts mehr zu versprechen. „Langlebigkeit“ definierte er in seinem 1911 erschienen „Wörterbuch des Teufels“ als "ungewöhnliche Ausdehnung der Todesangst“.
Vater der amerikanischen Kriegsliteratur
Als zehntes von 13 Kindern wurde Bierce am 24. Juni 1842 auf einer Farm in Ohio geboren, brannte mit 15 aus der puritanischen Enge durch und meldete sich im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) aufseiten der Union an die Front, wurde verwundet, mit Tapferkeitsmedaillen behängt und befördert. In zahlreichen Erzählungen prangerte er später aber die Sinnlosigkeit des Gemetzels und Absurdität des Kriegführens an und wies damit voraus auf Ernest Hemingways Schaffen. Als „Urtext aller modernen Kriegsliteratur“ bezeichnet Morris etwa die Geschichte „Was ich in Shiloh sah“.

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An der Schlacht am Chickamauga 1863 nahm auch Bierce teil
Mit desillusionierendem Blick schilderte Bierce „menschliche Grenzsituationen, psychische Abgründe, Schicksale an der Schwelle zum Surrealen“, so Holger Dauer in seinem Essay „Triumph der zynischen Vernunft“. „Keine Spur von moralischer Perspektive, von Trost oder Sinnhaftigkeit des Erzählten. Nur kalte Nüchternheit, emotionale Leere, radikaler Pessimismus.“ Paradigmatisch brachte das Bierce in der Erzählung „Ein Ereignis an der Owl-Creek-Brücke“ zum Ausdruck, in der er durch Montage der Erzählzeit einen erstaunlichen Plot erzielt und damit das Vorbild für Filme wie „Jacobs Ladder“ und „The Sixth Sense“ lieferte.
„Bierces Erzählungen zeichnen sich durch große sprachliche Fertigkeit, plastische Handlungsarchitektur und einen ausgesprochenen Hang zum Makabren, Abgründigen aus“, befindet Richard Schuberth in seinem Essayband „Rost und Säure“. Mit seinem Dichterkollegen Edgar Allan Poe verbindet Bierce, dass er sich in einer Reihe schwarzhumoriger Spuk- und Horrorgeschichten mit der Thematik von Untoten auseinandersetzte. Schrecken, ja nacktes Grauen sind bei Poe wie bei Bierce die beherrschenden psychischen Dispositionen menschlichen Daseins. Und nirgends gibt es ein Happy End.
„Hass muss produktiv machen“
Zu trennen ist Bierces ambitionierte Erzählkunst von seinen bärbeißigen Kolumnen und Leitartikeln. Nach kurzer Tätigkeit als Vermessungsingenieur während der Indianerkriege begann Bierce 1868 in San Francisco seine journalistische Karriere beim „News Letter“. In seiner Kolumne „The Town Crier“ („Der Ausrufer“) übergoss er alles, was seinen Landsleuten hehr und heilig war, mit Spott und Hohn.
„The Bitter Bierce“ wurde er genannt und genoss bald den Ruf des boshaftesten Lästermauls des Landes. Als ein bekannter Theologieprofessor starb, gratulierte Bierce in einem Nachruf dem Verstorbenen dazu, nun endlich seine theologischen Theorien im „Headquarter“ überprüfen zu können - ein „Privileg“, das Bierce auch all seinen Kollegen wünschte. Sein kürzester Kommentar erschien, nachdem eine Versicherungsgesellschaft ausgeraubt worden war, und lautete: „Wie du mir, so ich dir.“

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Bierces Domizil in Washington
Hass auf Dummheit und kollektive Illusionen waren der Motor von Bierces Schaffen. „Die Rolle des bissigen Grantscherbens, der an der Welt kein gutes Haar lässt, wirkt wie ein dämonischer Zerrspiegel, der versteckte, verdrängte Wahrheiten entblößt“, so Schuberth. Darin ähnelt Bierce seinem österreichischem Pendant Karl Kraus, der den Ansatz auf den Punkt brachte: „Hass muss produktiv machen, sonst ist es gleich besser zu lieben.“
Feigenblatt für Sensationsjournalismus
Nach einem Aufenthalt in London von 1872 bis 1875 arbeitete Bierce zunächst als Angestellter im Münzamt von San Francisco, als Manager einer Bergwerksgesellschaft und Begleiter von Geldtransporten, wofür er sich eigens einen Mörder als Leibwächter engagierte. Von 1877 bis 1887 verfasste er zunächst für die Zeitschrift „Argonaut“, dann für „Wasp“ unter der Spalte „Prattle“ („Geschwätz“) unzählige Artikel, in denen er auf bekannt scharfzüngige Art Betrug und Täuschung der herrschenden Klasse und Institutionen entlarvte.
Dabei schreckte Bierce auch vor Beleidigungen nicht zurück. Über den berühmten kalifornischen Winzer Arpad Haraszthy lästerte er, sein „Wein hat ein ganz eigenes Bouquet. Er reizt und kitzelt den Gaumen. Er gluckert, wenn er durch die Kehle rinnt. Er erwärmt das Herz und verbrennt die Magenschleimhaut“. Der prompten Klage des empörten Winzers auf Widerruf kam Bierce wie folgt nach: „Der Wein von Arpad Haraszthys hat kein ganz eigenes Bouquet. Er reizt und kitzelt den Gaumen nicht. Er gluckert nicht, wenn er durch die Kehle rinnt. Er erwärmt nicht das Herz und verbrennt nicht einmal die Magenschleimhaut.“
Von 1887 bis 1909 konnte ihn William Randolph Hearst, dem Orson Welles mit „Citizen Kane“ ein filmisches Denkmal setzte, für seinen „Examiner“ gewinnen, die Mutter des Sensationsjournalismus, für die Bierce als eine Art kritisches Feigenblatt fungierte. In den 1890er Jahren schickte ihn Hearst nach Washington, um einen beispiellosen publizistischen Kampf gegen den Eisenbahnspekulanten Collis P. Huntington zu führen, der den Kongress dazu bewegen wollte, ihm seine Millionenschulden zu erlassen. Dank Bierces Enthüllungen misslang das Manöver.
Advokat des Teufels
Bierce berühmtestes Werk ist wohl sein „Wörterbuch des Teufels“, eine eigenwillige Sammlung von 1.000 Aphorismen und Epigrammen - die vernichtende Quintessenz seiner Gesellschaftskritik und Misanthropie. Von scharfsinnigen Albernheiten („Fliegendreck, die Urform der Zeichensetzung“) über melancholische Einsichten („November, das elfte Zwölftel eines Überdrusses“) bis zu moralistischer Ideologiekritik („Frieden, Epoche des Betrügens zwischen zwei Epochen des Kriegführens“) reichen die giftigen Definitionen.
Buchhinweise
- Roy Morris. Allein in schlechter Gesellschaft. Haffmans, 487 Seiten (Diese Biografie ist nur noch in Antiquariaten erhältlich)
- Richard Schuberth: Ambrose Bierce und das Wörterbuch des Teufels. In: Ders.: Rost und Säure. Drava, 460 Seiten, 29 Euro
Das „Wörterbuch“ wende sich an jene „aufgeklärten Seelen“, schrieb Bierce, „die trockene Weine lieber mögen als süße, einen regen Verstand lieber als Gefühlsregungen, Witz lieber als Humor und sauberes Englisch lieber als Slang.“ In anderen Worten: Humor ist versöhnlich, unkritisch, darum bemüht, Missstände zu verdecken, Witz dagegen ist aufklärerisch und entlarvend.
Kenner wissen, welchen „Wein“ sie sich einschenken. Und für sie ist auch schon vollmundiger Nachschub in Sicht, wenn Schuberth, der als einziger Autor deutscher Zunge die hohe Biercesche Aphorismuskunst fortzusetzen weiß, im Frühling ein „Neues Wörterbuch des Teufels“ veröffentlicht.
Armin Sattler, ORF.at
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