Klavierbegleitung für das stumme Kino
Auch in den frühesten Tagen des Films wurden Stummfilme nur in den seltensten Fällen wirklich stumm aufgeführt. Die bewegten Bilder wurden entweder durch einen kommentierenden Erzähler oder (in den meisten Fällen) durch Musik begleitet.
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Manchmal war es ein ganzes Orchester, das für die Vertonung des Leinwandgeschehens sorgte, vielfach wurden Grammophone oder Phonographen eingesetzt. Sehr oft waren es aber einzelne Musiker, die als Stummfilmpianisten - oft improvisierend für den guten Ton sorgten.
Bis heute erfreuen sich die alten Schwarz-Weiß-Klassiker großer Beliebtheit, weiß der oberösterreichische Musiker Gerhard Gruber, der seine Liebe zum Stummfilm schon in seiner Kindheit entdeckte. „Sonntage mit Stummfilm erleichterten das Internatsleben in den 60er Jahren enorm. Die Leinwand war wie ein Fenster in die Freiheit“, erinnert er sich gegenüber ORF.at. Vor genau 25 Jahren wurde in Oberösterreich ein Gaumont-Filmprojektor aus dem Jahr 1899 restauriert und in einem Museum in Linz vorgestellt. Gruber, der die Filme davor nicht gesehen hatte, wurde zur Begleitung am Klavier engagiert und entdeckte damals die Freude an dieser Kunstform.
Pianisten sollten „Geräusche neutralisieren“
Zu Beginn der Stummfilmära hätten die Pianisten vor allem zwei Aufgaben zu erfüllen gehabt, erklärt Gruber. „Zum einen sollten sie das ständige Gesumme und Getöse der Vorführmaschinen neutralisieren, zum andern dem Zuschauer die - aus dem Widerspruch zwischen Wirklichkeitsnähe der Filmbilder und der unwirklichen Stille entstehende - Angst nehmen.“
Mit der schnellen Weiterentwicklung des neuen Mediums stiegen schnell auch die Anforderungen an die begleitenden Pianisten. Spielfilme kamen auf und wurden bald komplexer und länger. Zwar spielte die Improvisation für die meisten Musiker nach wie vor eine wesentliche Rolle, sie legten sich aber bald auch ein Repertoire an Motivversatzstücken zu, das bald durch Europa kursierte. „Es waren sogenannte Cue Sheets im Umlauf, nach Themen wie Liebe, Ruhe, Jagd, Tänze, Horror etc., alphabetisch geordnete Musikalben, vorwiegend aus dem Bereich der Romantik“, erklärt Gruber. Vor allem Musiker, die damals nicht auf die Improvisation spezialisiert waren, bedienten sich dieser Cue Sheets, die bis heute im Internet zu finden sind.
Die Faszination am Livecharakter einer Vorführung
Die Vorführungen alter Filme mit Livebegleitung haben noch immer Fans in aller Welt. Für Gruber ist es die „Dreiheit“ aus Film, Musik und Publikum, die die Faszination des begleiteten Stummfilms ausmacht, denn wie in einem Konzert oder einer Theateraufführung bekommt eine Filmvorführung durch die Livemusik auch einen unmittelbaren Charakter.
Heute ist es vor allem ein sehr kleiner Pool an Stummfilmen die gemeinhin bekannt sind, demenstprechend werden auch immer wieder die gleichen Produktionen erwähnt: „Metropolis"
von Fritz Lang (1925/26) und "Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922 sind etwa längst legendär. Neuerdings würde auch der Oscar-gekrönte Spielfilm „The Artist“ aus dem Jahr 2011 erwähnt, den Gruber allerdings - entsprechend der Entstehungszeit - als Hommage einstuft.
„Jeder Film erfordert totale Aufmerksamkeit“
Ebenfalls nach wie vor im kollektiven Gedächtnis verankert sind selbstverständlich Komödien von Laurel und Hardy sowie Charlie Chaplin. Bei Buster Keaton oder gar Harold Lloyd sei dann meistens leider schon Schluss, bedauert Gruber. Sein Lieblingsfilm sei jedoch ohnehin stets der, den er gerade begleite, denn „jeder Film erfordert totale Aufmerksamkeit und Konzentration“.
Veranstaltungshinweis
Die Breitenseer Lichtspiele in Wien zeigen am 27. und 28. Dezember sowie am 24. und 25. Jänner jeweils um 18.30 Uhr ein Stummfilmprogramm mit Gerhard Gruber als Klavierbegleitung. Am 29. Dezember sowie am 26. Jänner um 18.30 Uhr hält der Pianist den Vortrag „Im Dialog mit dem Stummfilm“.
Grubers Konzertreisen haben ihn bereits mehrfach nach Australien, Neuseeland, die USA und Japan geführt. Eine der außergewöhnlichsten Spielorte war für ihn jedoch der Auftritt auf dem ersten atombetriebenen Eisbrecher „Lenin“ in Murmansk, „vor allem auch, weil ich auf dem Flügel spielte, der während der Fahrten ins Eismeer in Verwendung war“.
Im Repertoire des Pianisten, der auch als Theatermusiker und -komponist arbeitet, sind mittlerweile rund 450 Stummfilme, für die er eigens ein Onlinearchiv angelegt hat.
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