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Mehr als 70 Prozent aller zwischen 1912 und 1929 in den USA gedrehten Stummfilme sind für immer verloren. Zu diesem „alarmierenden“ Ergebnis kommt eine neue Studie der amerikanischen Library of Congress (LoC). Eine weltweite Datenbank soll nun dabei helfen, verschollene Filme aufzuspüren.

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Auch wenn die Produktionen mit Superstars wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Mary Pickford und Douglas Fairbanks nahezu alle nicht nur erhalten sind, sondern sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen, viele andere Filme gingen über die Jahre verloren oder wurden zerstört.

Der Studie zufolge ist derzeit nur von rund 3.000 von 11.000 Stummfilmen bekannt, dass sie - zumindest in Teilen - noch existieren. Knapp die Hälfte davon sind im 35-Millimeter-Originalformat erhalten, alle anderen wurden nur noch in schlechterer Qualität (16 oder 28 Millimeter) gefunden oder in zwischenzeitlich veränderter Form, etwa durch den Austausch der Textpassagen in andere Sprachen.

„Unwiederbringlicher Verlust“

„Die Library of Congress hat damit zuverlässig belegt, dass die Verluste der amerikanischen Stummfilmproduktionen ein alarmierender und unwiederbringlicher Verlust für die Kulturgeschichte unserer Nation sind“, so James Billington von der LoC.

Die Studie wurde vom National Film Preservation Board in Auftrag gegeben und vom Historiker und Archivar David Pierce verfasst. Pierce zeichnet auch für die Einführung einer Onlinedatenbank verantwortlich, die einen Überblick über die Filme gibt, über ihren Zustand und wo man die am besten erhaltenen Kopien findet. Denn viele Stummfilme sind nicht zerstört oder für immer verloren, sondern liegen in Filmarchiven rund um die Welt.

Orson-Welles-Film wiederentdeckt

Erst im Sommer wurde etwa ein unveröffentlichter und bisher verschollen geglaubter Stummfilm von Orson Welles aus dem Jahr 1938 in Italien entdeckt. Der Film mit dem Titel „Too Much Johnson“ ist die Adaption eines Theaterstücks und wird derzeit im Foto- und Filmmuseum George Eastman House in New York restauriert. Der 1985 gestorbene Regisseur habe die Arbeit an dem Film nie fertiggestellt, hieß es.

Joseph Cotten und Edgar Barrier in einer Szene des Stummfilms "Too Much Johnson"

AP/Courtesy of National Film Preservation Foundation, Cineteca del Friuli and George Eastman House

„Too Much Johnson“ - ein Stummfilm von Orson Welles

Die Rollen wurden von einem Angestellten des Kulturzentrums Cinemazero in Pordenone in Norditalien gefunden und gelangten über das Filmmuseum von Friaul nach New York. Bisher war man davon ausgegangen, dass sie bei einem Brand in Welles’ Haus in der Nähe von Madrid 1970 zerstört wurden.

Hitchcock-Frühwerk in Neuseeland aufgetaucht

Vor zwei Jahren machte ein ähnlicher Fund in Neuseeland Schlagzeilen, als einer der frühesten Filme des britischen Regiegroßmeisters Alfred Hitchcock wiederentdeckt wurde. Insgesamt drei der sechs Filmrollen des Stummfilms „The White Shadow“ aus dem Jahr 1923 lagen jahrelang unbeachtet im neuseeländischen Filmarchiv. Sie gehörten zu einer Stummfilmsammlung des Filmvorführers Jack Murtagh, die 1993 nach seinem Tod an das Archiv ging.

Nach Einschätzung des Archivs ist „The White Shadow“ das älteste erhaltene Werk des 1980 verstorbenen Stars, auch wenn Hitchcock selbst nicht für die Regie verantwortlich zeichnete. Nach Angaben des Vorsitzenden des US-Filmkritikerverbands, David Sterritt, schrieb Hitchcock das Drehbuch, entwarf die Ausstattung, schnitt das Rohmaterial und assistierte dem damaligen britischen Regisseur Graham Cutts, der seine Eifersucht gegenüber dem talentierten Neuling nicht verbergen konnte.

Szene aus dem Stummfilm "The White Shadow"

AP/National Film Preservation Foundation

„The White Shadow“ von Alfred Hitchcock galt 2011 als Sensationsfund

Sterritt sprach von einer der „aufregendsten Entwicklungen“ in der Filmgeschichte. „The White Shadow“ lasse Hitchcocks Methoden studieren, „während sie erstmals Form annehmen“.

Dutzende Schätze in Archiv gefunden

Schon ein Jahr davor waren in den Tresoren des neuseeländischen Filmarchivs Dutzende Schätze aufgetaucht, die schließlich zur Restaurierung in die USA gebracht wurden. In der Sammlung fanden sich unter anderem eine Originalkopie des vermutlich ältesten Films der Columbia-Picture-Studios aus dem Jahr 1923, „Mary of the Movies“, und die wohl einzige Kopie von Regisseur John Fords Film „Upstream“ („Flussaufwärts“) von 1927. Ford gewann danach vier Oscars. Nur jeder sechste seiner Stummfilme hat überlebt.

In der Sammlung sind auch ein Trailer für Fords Film „Strong Boy“ mit Victor McLaglen (1929) und der Film „Maytime“ mit Stummfilmschönheit Clara Bow (1923). Unter den ältesten Schätzen sind „The Woman Hater“ (1910) mit der damaligen Stunt-Königin Pearl White, „Won in a Cupboard“ (1914) mit Mabel Normand und „Why Husbands Flirt“ (1918) von Regisseur Al Christie.

Von den Verleihfirmen vergessen

Steve Russell, Sprecher des Filmarchivs, erklärte den Fund so: „Die Tyrannei der großen Distanz (unseres Landes zu anderen) hat uns in diesem Fall in die Hände gespielt“, sagte er der Zeitung „Dominion Post“. „Wir waren wahrscheinlich meistens die letzten, die die Filme bekamen, und als sie endlich bei uns ankamen, hatten die Verleiher sie schon längst vergessen.“ Irgendjemand habe sie dann mitgenommen und archiviert, und über die Jahre landeten die historischen Streifen dann im Filmarchiv.

Die größte Sammlung amerikanischer Stummfilme außerhalb der USA soll sich laut LoC-Studie in Tschechien befinden. „Diese Studie ist von unschätzbarem Wert, weil die Entwicklung des Stummfilms maßgeblich für unsere Kultur ist“, zeigte sich Regisseur Martin Scorsese begeistert. „Jedes Mal, wenn ein Stummfilm wie durch ein Wunder wieder auftaucht, erinnert uns das an die Schätze, die wir bereits verloren haben. Aber es gibt uns auch Hoffnung, dass wir noch weitere finden.“

Kampf gegen Zerfall

Immer wenn ein derartig alter Film auftaucht, wandert er zunächst in die Werkstatt, denn die Restaurierung ist ein Wettlauf mit der Zeit. Die lange Lagerung kann für alte Nitrofilme das Aus bedeuten, so sie nicht restauriert oder auf modernes Trägermaterial umkopiert werden. Denn die alten Filmrollen haben gleich mehrere unangenehme Eigenschaften: Nicht nur, dass sie extrem leicht entflammbar und explosiv sind, sie zersetzen sich auch mit der Zeit selbst.

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