„Klarer Auftrag“, Reform fortzusetzen
Leistungszuwächse in Lesen, Mathematik und den Naturwissenschaften, weniger Risikoschüler: Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) sieht in den Ergebnissen der am Dienstag, präsentierten PISA-Studie 2012 eine „Trendumkehr“, sagte sie am Dienstag bei der Präsentation in Wien.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
„Die Talfahrt ist beendet“, so auch der stellvertretende OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Damit ist allerdings nur das Niveau von 2003 wieder erreicht. In Österreich habe es bereits vor 2009 einen leichten Trend nach unten gegeben, so der per Video aus Washington zu der Veranstaltung zugeschaltete OECD-Bildungsexperte. Diesmal zeigten die Indikatoren zwar wieder „alle in die richtige Richtung“, doch „es wäre sicher noch eine größere Veränderungsdynamik wünschenswert“. Auch für Schmied ist das Ergebnis „ein klarer Auftrag“, Bildungsreformen entschlossen fortzusetzen.
Verbesserungen im Ländertrend
Österreich legte nach dem schlechten Ergebnis von 2009, das von der OECD wegen Boykottaufrufen der Schüler nur unter Vorbehalt veröffentlicht worden war, in allen drei Kompetenzbereichen wieder etwas zu. In der Mathematik liegt das Ergebnis signifikant über, in den Naturwissenschaften im OECD-Schnitt. Beim Lesen sind die Leistungen der 15- und 16-Jährigen des Jahrgangs 1996 zwar noch immer unterdurchschnittlich, der Abstand zur Spitze wurde allerdings im Vergleich zu 2009 verringert. Mit der Aufwärtsbewegung ist Österreich im Trend: 40 der 65 PISA-Teilnehmerländer konnten sich laut Schleicher diesmal in mindestens einem Kompetenzbereich verbessern.
„Druckpunkte“ blieben gleich
Ein weiteres Plus im Vergleich zur letzten PISA-Studie aus Sicht von Christian Wiesner, Kodirektor des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE): „Der Anteil der Schüler mit niedrigen Kompetenzen ist im Vergleich zu 2009 in allen drei Kompetenzbereichen deutlich kleiner.“ Allerdings bedeutet auch hier das Ergebnis lediglich eine Rückkehr auf die Werte von 2006 und davor. „Immer noch verlässt ein Viertel der Schüler die Pflichtschule mit mangelhaften Kenntnissen in zumindest einem Kompetenzbereich“, betonte denn auch PISA-Autorin Claudia Schreiner.
Unverändert blieben außerdem die „Druckpunkte“, wie Schmied sie nennt. Kinder mit Migrationshintergrund sind noch immer unter den Risikoschülern, die maximal Grundkompetenzen erreichen, überrepräsentiert. Der Punkteunterschied ist noch immer so groß wie in kaum einem anderen PISA-Teilnehmerland. Ein Drittel der Leistungsunterschiede lässt sich dabei dadurch erklären, dass Kinder mit Migrationshintergrund oft auch aus sozioökonomisch benachteiligten Familien kommen. Auch der Leistungsunterschied zwischen Schülern, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss haben, und jenen, deren Eltern Hochschulabsolventen sind, ist mit mehr als 100 Punkten weiterhin groß.
Weniger Ressourcen für sozial Schwache
Verbesserungsbedarf ortet Schleicher mit Hinweis auf jene Länder, die in PISA besonders gut abschneiden, in mehreren Bereichen: Bei den Unterrichtsinhalten im diesjährigen Haupttestfach Mathematik müsse mehr Wert auf fundamentales Wissen und analytische Techniken gelegt werden und weniger auf das Abprüfen von Routinefertigkeiten, die in komplizierten Textaufgaben versteckt werden. Er bemängelte auch, dass Österreich entgegen dem internationalen Trend Standorten mit vielen Schülern aus sozioökonomisch schwachen Familien weniger Ressourcen zur Verfügung stellt als Schulen mit betuchterer Klientel.
Auf die Erwartung kommt es an
Außerdem müsse die Schule - wie in den erfolgreichen PISA-Ländern üblich - an alle Schüler hohe Erwartungen stellen, wenn diese motiviert sein sollen. „Hier kann Österreich sich noch ein Stück abschneiden.“ Deshalb wies Schleicher auch Interpretationen von PISA zurück, wonach die deutlich schlechteren Ergebnisse von Finnland bzw. Schweden und gleichzeitige leichte Zugewinne der Schweiz, in der es ein differenziertes Schulwesen gibt, ein Beleg für das Scheitern der Gesamtschule seien.
Stattdessen betonte Schleicher, dass es in vielen PISA-Teilnehmerländern mit den leistungsfähigsten Bildungssystemen keine unterschiedlichen Schulformen gebe. In diesem Zusammenhang lobte Schleicher die Einführung der Neuen Mittelschule (NMS), die ab 2015/16 österreichweit die Hauptschule ablösen soll.
Schmied hofft, dass ihre Reformen greifen
Auch andere Reformen in Österreich wie mehr sprachliche Frühförderung, Ausbau der Ganztagsschulen etc. seien Kennzeichen erfolgreicher Bildungsnationen. In PISA könnten sich diese allerdings noch nicht niederschlagen. Dementsprechend gespannt zeigte sich Schmied, die Ende September ihren Rückzug aus der Politik angekündigt hatte, auf die Ergebnisse künftiger PISA-Studien, in denen sich dann von ihr initiierte Reformen abbilden: „Ich werde in drei und sechs Jahren als Bürgerin Schmied PISA-Präsentationen immer aufmerksam mitverfolgen.“
Sichtweise eine Frage des Zeithorizonts
Mit der von Schmied georteten „Trendumkehr“ ist es allerdings so eine Sache. Die OECD verweist in ihren Auswertungen hingegen oft darauf, dass Österreichs Werte im Großen und Ganzen konstant sind - welcher Sichtweise man zuneigt, ist eine Frage des Zeithorizonts.
Schmied zieht die Daten der letzten PISA-Studie 2009 heran. Demnach wurden die Ergebnisse von Österreich tatsächlich in allen Testbereichen signifikant besser. 2012 erreichten die Österreicher im Haupttestbereich Mathematik 506 Punkte (2009: 496), beim Lesen 490 Punkte (2009: 470) und in den Naturwissenschaften 506 Punkte (2009: 494)
Die OECD traut einerseits den Daten des Jahres 2009 aufgrund eines Boykottaufrufs von Schülervertretern nicht ganz. „Die Vergleichbarkeit der Daten aus PISA 2009 mit den Daten aus anderen PISA-Erhebungen kann jedoch nicht gewährleistet werden: In Österreich herrschte 2009 eine negative Stimmung gegenüber Bildungserhebungen, die einen ungünstigen Einfluss auf die Motivation der Schüler bei der Beantwortung der PISA-Aufgaben gehabt haben könnte“, heißt es offiziell.
OECD sieht Entwicklungen langfristig
Andererseits vergleicht die OECD ganz grundsätzlich lieber über längere Zeiträume - am liebsten mit jener PISA-Studie, in der das jeweilige Fachgebiet erstmals Haupttestbereich war. Beim Lesen ist das PISA 2000, in der Mathematik PISA 2003 und bei den Naturwissenschaften PISA 2006.
Demgemäß hat sich in Österreich tatsächlich über die Jahre hinweg nicht viel getan. Das PISA-Ergebnis 2012 (490 Punkte) entspricht beim Lesen in etwa jenem von 2000 (492) und in der Mathematik (506) genau jenem von 2003. Auch in den Naturwissenschaften ist das Ergebnis des Jahres 2012 (506) nicht weit vom Jahr 2006 entfernt (511).
Links: