Tratsch mit Politsprengstoff
Wie funktionieren die Mechanismen der Macht hinter verschlossenen Türen? Gleich mehrere aktuelle US-Bücher beschäftigen sich mit der politischen Kultur im Machtzentrum der USA - der Hauptstadt Washington. Und viele Entscheidungsträger der Weltmacht bekommen darin ihr Fett ab.
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Die Informanten für die Publikationen - namhafte US-Politiker, ihre Teams, Spindoktoren, aber auch Politadabeis - sprechen dabei ganz unverblümt und frei von der Leber weg über ihre Kollegen und auch Ereignisse der letzten Zeit. Viel hängt im politischen Machtgefüge der USA nicht nur von den Wahlen ab, sondern auch von den persönlichen Beziehungen der Politiker, ihrer Berater und Teams zu Parteifreunden und auch zu Parteigegnern, wie die Bücher „This Town“ und „Double Down“ belegen. Und diese Beziehungen würden meist wohl kaum einen Freundschaftstest überstehen, glaubt man den Publikationen.
Von „Unsicherheit und Heuchelei“ geprägt
Vielmehr werden sie in dem Buch „This Town“ von Mark Leibovich, seines Zeichens Innenpolitikchef beim „New York Times Magazine“ und ehemaliger Mitarbeiter der „Washington Post“, als Notwendigkeit des Überlebens zwischen Partys und Intrigen in Washington dargestellt.
„Seine Tour durch Washington füttert die schlimmsten Befürchtungen, die man über den Ort haben kann - von Unsicherheit und Heuchelei geprägt, wo Freundschaften geschäftlichen Charakter haben, Blindkopie-E-Mails wuchern und der Dienst an der Öffentlichkeit weitgehend zufällig erscheint“, fasst die „Washington Post“ das Buch ihres ehemaligen Mitarbeiters zusammen.

APA/AP/The Express-Times, Matt Smith
Sarah Palin konnte sich über einen lukrativen Buchvertrag inkl. TV-Auftritten freuen
Die Gier nach Aufmerksamkeit
Nicht nur die maßgeblichen Politiker interessieren Leibovich, sondern auch die „Wheelers and Dealers“ im Hintergrund und das Geschäft mit der Gier nach Aufmerksamkeit. Einer davon ist der als „Superanwalt“ bezeichnete Bob Barnett. Er steckt offenbar fast hinter jedem Buch- und Vortragsabschluss aktiver und ehemaliger Politgrößen wie etwa Hillary Clinton. So vermittelte er einen Acht-Millionen-Dollar-Vorschuss für ihre Autobiografie. Für ihren Ehemann, Bill Clinton, konnte er gar zehn Millionen Dollar für dessen Biografie herausverhandeln.
Auch die ehemalige Gouverneurin von Alaska und republikanische Vizepräsidentenkandidatin Sarah Palin ließ sich ihr Buch und ihre TV-Auftritte und Reden durch Barnett vergolden. Doch schnell gerät man in dem „eitlen Politgeschäft“ Washington in Vergessenheit und ist Schnee von gestern - deshalb gilt es die Deals so schnell wie möglich abzuschließen den eigenen Wert dadurch zu steigern.
Reputation als hochsensible Währung
Das Ausmaß, also wie viele Eliteakteure in Washington zu einer einzigen „Superanwalt-Gelddruckmaschine“ wanderten, sei mehr als auffallend, selbst für einen derartigen Ameisenhaufen, wie Washington einer sei, so Leibovich in seinem Buch. Barnett habe es in der Hand, das zu liefern, was seine Klienten wollten: „eine Aufwertung ihres Rufes und ihrer vermeintlichen Wichtigkeit“. Ein Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruht, denn mit jedem Abschluss steigt auch Barnetts Reputation. Doch die Aufmerksamkeit ist eine hochsensible Währung.
Deshalb verwehrt sich Barnett auch gegen die für sein Geschäftsfeld übliche Bezeichnung „Agent“. Barnett, immer unterwegs im Feld der Mächtigen in Washington, wollte auch, am Beginn erfolglos, in Obamas Wahlkampfteam aufgenommen werden, um dem Präsidenten die „gängige Meinung“ zu einigen Themen nahezubringen. Mit „Bob, du bist die gängige Meinung“ soll Obama laut „This Town“ Barnett gehänselt haben. Leibovich’ Buch strotzt auch vor Anekdoten und Tratsch über in Europa teilwiese weniger, in den USA aber bekannte Politiker.
Secret-Service-Bewachung gut für das Gemüt
So verkündete der demokratische Senator und Mehrheitsführer Harry Reid gerne im privaten Kreis, dass sein Parteikollege US-Außenminister John Kerry keine Freunde habe. Und auch das Gerangel in Obamas Team, ebenfalls vom Secret Service, dem Geheimdienst der US-Präsidenten, besonders geschützt zu werden, wird angesprochen. Bekommt die „besondere Zuwendung“ einer, wollen sie andere ebenfalls haben.
Kampf gegen Lobbyisten „Jahre her“
Klar wird in dem Buch auch, wie sehr sich Obama im Laufe seiner ersten Amtszeit in das Beziehungsgeflecht von Lobbyisten hineinziehen hat lassen. Obama war im Wahlkampf 2008 angetreten, den Washingtoner Lobbyisten den Kampf anzusagen und deren Einfluss auf die US-Regierung wenn nicht zu stoppen, so doch zu minimieren.
Doch davon kann nun nicht mehr die Rede sein, wie Leibovich schreibt. „Das ist es nicht, was wir sind“, wird ein hochrangiger Obama-Helfer zitiert. Der Lobbyingbann sei sowieso Jahre her. Zu stark sind die Interessenverflechtungen von Politik und Wirtschaft in Washington - und jeder will mitschneiden, so die Conclusio.

Reuters/Adrees Latif
Clint Eastwood sprach mit einem leeren Stuhl - und wollte Mitt Romney damit helfen
Kotzen über Eastwood
Auch die Journalisten und Autoren des Buches „Double Down“, Mark Halperin, Politanalyst für das „Time Magazine“ und und John Heileman vom „New York Magazine“, gehen mit Washington hart ins Gericht, konzentrieren sich allerdings auf den letzten Präsidentschaftswahlkampf. Die Filmrechte für das Buch sollen bereits verkauft sein. Aus dem Team des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney wurden den beiden Autoren Insiderinformationen gesteckt.
So soll der Chefberater von Romney, Stuart Stevens, nach dem bizarren Unterstützungsauftritt von der als Republikaner bekannten Hollywood-Legende Clint Eastwood sprichwörtlich gekotzt haben. Eastwood führte bei seinem Auftritt ein Gespräch mit einem leeren Stuhl und tat so, als ob dort Obama säße. Nicht nur im Internet erntete der damals 82-Jährige dafür Hohn und Spott. Stevens lag mit seiner Einschätzung offenbar richtig, so die Autoren.
Bush und die texanischen Hühner
Die beiden Autoren schreiben auch über Romneys Faszination für Fettleibige. So hat er laut „Double Down“ die Angewohnheit, Mitarbeiter, die mit übergewichtigen Frauen ausgehen, damit aufzuziehen. Man erfährt ebenfalls, was US-Präsident George W. Bush über seinen Nachfolger als Gouverneur von Texas Rick Perry hält - nämlich nicht viel. Perry sei ein Typ, der es mit Hühnern treibe.
Und auch die Demokraten bekommen ihr Fett ab. So reflektierte Obama in einer ruhigen Stunde im Wahlkampf gegenüber seinem Team über die vermehrten Drohneneinsätze: „Ich bin richtig gut im Leute töten“, soll Obama gesagt haben. Ein Einblick hinter die Kulissen des demokratischen Wahlkampfs wird ebenfalls gegeben. Das Buch bestätigt die Spekulationen, dass im Geheimen Umfragen in Auftrag gegeben wurden, um abzutesten, ob Vizepräsident Joe Biden nicht durch die damalige Außenministerin Hillary Clinton in dieser Position ausgetauscht werden könnte.
„Mehr Glück als ein Hund mit zwei Schwänzen“
Raum wird in dem Buch auch dem Verhältnis zwischen Obama und seinem Parteifreund und ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton gegeben. Aus der Feindschaft der ersten demokratischen Vorwahl, bei der Obama sich als Präsidentschaftskandidat gegen Hillary Clinton durchgesetzt hatte, über die angespannte Stimmung durch die spätere Wahlhilfe Bill Clintons bis zu dem neuen Verhältnis der beiden im Wahlkampf 2012 zieht das Buch einen Bogen.
Obama sei klar gewesen, dass Bill Clinton wichtig für einen Erfolg sei, so die beiden Autoren, deswegen habe sich das Obama-Lager auch bereiterklärt, die Schulden des Wahlkampfes von Hillary Clinton zu übernehmen, um den ehemaligen US-Präsidenten einzulullen und auf seine Unterstützerseite zu ziehen. Langsam hätten sich die beiden angenähert und wären warm geworden, heißt es in „Double Down“. Obama habe mehr Glück als ein Hund mit zwei Schwänzen, zitieren Freunde eine Aussage Clintons.
Peter Bauer, ORF.at
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