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Literaturwelt trauert

Die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing ist tot. Lessing starb Sonntagfrüh im Alter von 94 Jahren, wie ihr Agent und langjähriger Freund Jonathan Clowes bestätigte. Die 1919 im heutigen Iran geborene britische Schriftstellerin war 2007 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden.

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Lessing sei am Sonntag in den frühen Morgenstunden in ihrer Londoner Wohnung friedlich eingeschlafen, erklärte Clowes. „Es war ein Privileg, für sie zu arbeiten, und wir werden sie sehr vermissen.“ Er würdigte Lessing als „wundervolle Schriftstellerin mit einem faszinierenden und einzigartigen Geist“. Lessings Verleger Nicholas Pearson vom Verlag HarperCollins nannte seine Autorin „ein großes Geschenk an die Weltliteratur“.

Doris Lessing hält Literaturnobelpreis-Medaille

Reuters/Toby Melville

Doris Lessing 2007 mit der Literaturnobelpreismedaille

Lessing selbst war der Rummel um ihre Person jedoch stets zuwider. „Nachdem ich gewonnen habe, habe ich nichts anderes mehr getan als zu reden. Mein Job ist aber Schreiben“, beklagte sie sich nach der Verleihung des Literaturnobelpreises vor sechs Jahren. Dabei gibt es wenige Menschen, die so viel zu erzählen hatten wie Lessing.

Pflicht zur Provokation

Die langen Schatten zweier Weltkriege, unglückliche Kindheit, gescheiterte Ehen - Lessings facettenreiches Werk ist zum großen Teil durch eigene Erfahrungen beeinflusst. Vor allem ihre Kindheit in Afrika hat sie geprägt, das Leben britischer Kolonialherren dort und der Rassismus. So ist ihr Debütwerk „Afrikanische Tragödie“ (1949) auch ein Drama über die Liebe zwischen Schwarz und Weiß und über unüberbrückbare Rassengegensätze. Wegen ihrer Kritik an der Apartheid und an dem Regime durfte Lessing jahrzehntelang nicht nach Simbabwe und Südafrika reisen.

Lessing sah es als ihre Pflicht, zu provozieren und Missstände aufzuzeigen - oft mit dem Schalk im Nacken. So kritisierte sie die ruhmversessene Literaturszene, indem die damals schon berühmte Autorin „Das Tagebuch der Jane Somers“ unter einem Pseudonym an Verlage schickte - das Werk wurde prompt abgelehnt.

Schwierige Kindheit in Afrika

Rebellisch war Lessing schon als Kind, aber auch tief unglücklich. 1919 kam Doris May Tayler als Tochter eines Kolonialoffiziers im Iran zur Welt, später zog die Familie nach Südrhodesien, das heutige Simbabwe. Der kriegsversehrte Vater betrieb dort erfolglos eine Maisfarm. Der Vater war verbittert, die Mutter frustriert, dass sie in Afrika „unter Wilden“ nicht das feine englische Leben zelebrieren konnten. „Ich habe meine Mutter gehasst“, sagte Lessing einmal. Trost fand sie in der Literatur, die sie verschlang.

Nach Kloster- und Mädchenschule brach die 14-Jährige ihre Schullaufbahn ab und arbeitete in Salisbury, dem heutigen Harare, als Kindermädchen, später als Telefonistin, Sekretärin und Journalistin. Schon mit 19 Jahren heiratete Lessing den Kolonialoffizier Charles Wisdom, mit dem sie zwei Kinder bekam. Doch die Ehe scheiterte, und Lessing verließ Wisdom und die Kinder - ein Thema, über das sie nie gerne sprach.

Feministin wider Willen

Flucht suchte Lessing auch in der kommunistischen Bewegung. Dort lernte sie den deutschen Exilkommunisten Gottfried Lessing kennen, den sie 1944 heiratete und mit dem sie einen Sohn bekam. Über Gottfried ist Lessing auch mit dem deutschen Linken-Politiker Gregor Gysi verwandt, Gottfried Lessing war dessen Onkel.

Doch auch die zweite Ehe zerbrach, Lessing ging 1949 mit dem jüngsten Sohn Peter nach London und widmete sich ihrer Karriere als Schriftstellerin. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn wandte sie sich von den Kommunisten ab und kritisierte sie als bigott.

Das Thema Kommunismus spielt auch in ihrem komplexen Hauptwerk „Das goldene Notizbuch“ (1962) eine Rolle - wenn auch eine untergeordnete. Denn weltweite Berühmtheit erlangte das Buch als „Bibel für Feministinnen“. Lessing selbst hatte sich der Frauenbewegung jedoch nie angeschlossen und immer wieder dagegen argumentiert.

Bessere Welt ohne Männer? „Gott, nein!“

Die Beziehungen zwischen Mann und Frau kommen aber auch in ihrem Roman „Die Kluft“ zum Tragen. Lessing erzählt darin von einer heilen Welt ohne Männer, in der dicke Frauen in der Sonne faulenzen. Probleme tauchen erst auf, als der erste Knabe geboren wird. Ob sie eine Welt ohne Männer für die bessere hält? „Gott, nein, was für ein schrecklicher Gedanke“, rief sie sofort aus.

Sendungshinweise

Die Ö1- Sendung „Radiogeschichten“ um 11.40 Uhr bringt in memoriam Doris Lessing „Wein“, und die Ö1-Sendung „Tonspuren“ um 21.00 widmet sich dem Leben der britischen Schriftstellerin.

Nach der Veröffentlichung von „Die Kluft“ bekam Lessing - nach Jahrzehnten auf der „Warteliste“ - 2007 den Literaturnobelpreis. Es war wohl eher ein Triumph über Unkenrufe, sie werde die Auszeichnung nie bekommen, weil die Akademie sie nicht leiden könne. Unvergessen bleibt der Moment, in dem Lessing an jenem Tag mit Einkaufssackerln und zerzauster Knotenfrisur aus dem Taxi steigt und Reporter sie über die Ehre unterrichten. Damals bezeichnete Lessing die Auszeichnung als „Royal Flush“, das höchste Blatt beim Pokern.

Doch angenehm war ihr die Hysterie nicht - schon wenig später nannte sie den Preis mit gewohnter Ironie ein zeitraubendes „verdammtes Desaster“. Zuletzt lebte sie mit ihrem Sohn in Nordlondon. Mit dem Schreiben musste sie nach einem Schlaganfall aufhören. „Ich habe dazu keine Energie mehr, ich kann die Dinge nicht mehr machen, die ich tun will“, sagt sie. Ihr Buch „Alfred und Emily“, eine Geschichte über ihre Eltern, war ihr letztes Werk.

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