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„Großes Risiko“ für Nachbarländer

In Syrien sind erstmals seit 14 Jahren wieder Kinder an Polio erkrankt. In der nordöstlichen Provinz Deir al-Sor seien in diesem Monat 22 Kinder mit akuten Lähmungserscheinungen eingewiesen worden, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Dienstag in Genf mit. Bei zehn Kindern sei inzwischen das Polio-Virus Typ eins bestätigt worden.

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Die meisten Patienten seien jünger als zwei Jahre und offenbar niemals gegen Kinderlähmung geimpft worden. „Wir haben in der Region mit Impfungen begonnen“, sagte WHO-Sprecher Oliver Rosenbauer. Man behandle die Situation als Ausbruch der Epidemie, sagte der WHO-Sprecher bereits vor der offiziellen Bestätigung durch positive Proben. In der Provinz sind nach jüngsten Schätzungen der Organisation etwa 65.000 Kinder unter fünf Jahren einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt.

Schwieriger Einsatz für Mediziner

Polio-Viren greifen das Nervensystem an und können binnen Stunden zu irreparablen gesundheitlichen Schäden führen. Die Folge sind dauerhafte Lähmungen oder Unterwicklung von Gliedmaßen. Nach wie vor ist nicht gänzlich klar, wie die Präventionsmaßnahmen in dem Bürgerkriegsland durchgeführt werden können. Die Provinz ist weitgehend in der Hand der Rebellen, wobei Teile der Stadt Deir al-Sor von Regierungstruppen gehalten werden.

Zugleich warnten die WHO und das Kinderhilfswerk UNICEF vor einer Ausbreitung der Krankheit über die Grenzen Syriens hinweg - auch die Touristengegenden um die Mittelmeer-Küste liegen nicht allzu weit entfernt. Darüber hinaus sei das Risiko angesichts der Flüchtlingsströme groß, dass sich der Erreger in der ganzen Welt ausbreite, warnte UNICEF-Exekutivdirektor Anthony Lake. Daher sollten auch Polio-Impfungen in Nachbarländern verstärkt werden. Weil es sich um eine ansteckende Krankheit handle, bestehe das „große Risiko“, dass das Virus in andere Gegenden gelange und sich in der Region ausbreite.

In Europa ausgerottet - nun drohen Rückschläge

In Europa gilt die Kinderlähmung als ausgerottet. Das Polio-Virus könne hier aber schnell wieder auftreten, warnte vor kurzem das Berliner Robert-Koch-Institut. Die Krankheit sei auch weltweit fast ausgerottet, doch immer wieder gebe es Rückschläge. Vereinzelt seien in der jüngeren Vergangenheit das Horn von Afrika und Israel betroffen gewesen. In Somalia stehen die Mediziner angesichts der Kampfhandlungen vor besonderen Herausforderungen, so erschweren Anschläge auf Impfhelfer die Bekämpfung der tödlichen Krankheit.

Katastrophale soziale Lage

Unlängst hatte die Türkei ihre Kritik an der aus ihrer Sicht mangelnden Hilfsbereitschaft der Staatengemeinschaft für die Menschen in Syrien verschärft. „Ich bin enttäuscht und frustriert darüber, dass eine angemessene Reaktion der internationalen Gemeinschaft immer noch aussteht“, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu bei einem Besuch in Kuwait.

Der Politiker beschrieb die Not der Menschen in Syrien in drastischen Worten: Schwangere Frauen würden von Heckenschützen beschossen, und vielerorts müssten die Menschen hungern oder aus Not Hunde- oder Katzenfleisch essen, sagte Davutoglu. Die Türkei hat bereits 600.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Davutoglu kündigte an, die Grenze zum Nachbarland werde für Flüchtlinge weiter geöffnet bleiben.

Kämpfe gegen unvermindert weiter

In Syrien tobt seit mehr als zweieinhalb Jahren ein Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad. Bei den Kämpfen wurden nach UNO-Schätzungen mehr als 100.000 Menschen getötet. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Zwar konnte sich die UNO mit dem Regime über eine Vernichtung von C-Waffen verständigen, doch die Kampfhandlungen gehen mit unverminderter Härte weiter.

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