„Straßen gesäubert wie Grosny“
Russlands Präsident Wladimir Putin ist mittlerweile bekannt für seinen Hang zu Selbstinszenierungen. Dieses Mal könnte er sich aber verkalkuliert haben. Denn mit einem vermeintlich einsamen Trauermarsch durch eine abgesperrte Straße von St. Petersburg zog Putin am Freitag beißenden Spott auf sich.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
„Das ist Zirkus, was für ein Schauspieler!“, lautete einer von zahlreichen Blogbeiträgen. „Das ist zum Totlachen. Er ist ganz allein - abgesehen von den Sicherheitsagenten hinter jedem Fenster“, spottete ein weiterer Blogger. Zuvor war Putins Judotrainer aus Kindheits- und Jugendtagen beigesetzt worden, Anatoli Solomonowitsch Rachlin. Nachdem der Präsident Abschied von seinem „aufmerksamen Mentor“ genommen hatte, schickte er die auf ihn wartende Limousine weg und ging allein durch eine breite Straße und über eine Brücke in seiner Heimatstadt.

APA/EPA/Mikhail Klimentyev/Ria Novost/Kremlin
Putin würdigte Rachlin bei der Trauerfeier als seinen Mentor
„Alles wurde gereinigt“
Verfolgt wurde er von Personenschützern und einem Kamerateam. Dass die Straße im Voraus abgesperrt war, nährte den Verdacht auf eine Inszenierung. „Warum sind die Straßen dort so verwaist? Weil sie gesäubert wurden wie Grosny im Jahr 2000“, ätzte ein dritter Blogger in Anspielung auf die im Tschetschenien-Krieg weitgehend zerstörte Hauptstadt der Kaukasus-Republik. „Alles wurde gereinigt, und dann stieg der Präsident auf die Bühne“, lautete ein weiterer Eintrag.
Putin versorgt die Öffentlichkeit regelmäßig mit Fotos aus seinem Leben. Gerne inszeniert er sich dabei als Abenteurer: Putin mit Tiger, mit Eisbär, auf dem Pferd, als Kampfjetpilot. Doch zuletzt scheint der Präsident mit seinem Griff ins Album wenig Glück zu haben. Denn erst kürzlich schürte ein Fisch, bzw. dessen angebliche Rekordgröße, den Verdacht auf Anglerlatein des Präsidenten.
„Toller Hecht“ unter Schummelverdacht
Im Juli zeigte eine Fotoserie den 61-Jährigen bei einem Ausflug nach Sibirien mit einem von ihm gefangenen, angeblich 21 Kilogramm schweren Hecht. Die Bilder waren laut offiziellen Angaben des Kreml im Juli während eines Kurzausflugs Putins gemeinsam mit Premierminister Dimitri Medwedew und Verteidigungsminister Sergej Schoigu in die Region Tuwa bzw. Krasnojarsk in Südsibirien entstanden.

APA/EPA/RIA Novosti/Alexey Nikolsky
Wladimir Putin und sein angeblich 21 Kilogramm schwerer Fang
Auch bei dem Kurztrip waren die Rollen klar verteilt, und damit war auch deutlich, wer der starke Mann unter den dreien ist: Medwedew und Schoigu hätten ein Biosphärenreservat besucht, Putin habe Bootsfahrten unternommen und sei angeln gegangen, wobei er einen großen Hecht gefangen habe, ließ der Kreml auf seiner Website wissen. Doch das angebliche Gewicht von 21 Kilogramm stieß auf Skepsis.
„Der Chuck Norris unter den Präsidenten“
Westliche Medien machten sich in gewohnter Manier lustig über Putins neueste Pose. Die Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ titulierte den 61-Jährigen nach dem US-Actionhelden als den „Chuck Norris unter den Präsidenten dieser Welt“ bzw. als „alten Angeber“. Während andere stundenlang auf einen Fang warteten, ziehe der „tolle Hecht“ Putin quasi im Vorbeigehen einen Riesenfisch aus dem See.

APA/EPA/RIA Novosti/Alexey Nikolsky
Eine Standardpose: lässig in Militärkleidung in freier Natur
Wenn man seine Meinung wissen wolle: „Jeder Fischer kann sehen, dass der (Hecht, Anm.) nie 21 Kilogramm schwer sein kann“, schrieb der dem Kreml gar nicht zu kritisch gesinnte Kolumnist Maxim Kononenko. „Einerseits sind Hechte dieser Größe extrem selten.“ Andererseits müsste der Fisch mit einem derartigen Gewicht viel länger sein als auf den Fotos zu sehen. Kononenko mutmaßte, für das Wiegen müsse wohl eine Waage mit Pfundskala verwendet worden sein. Dann hätte der Hecht etwa 9,5 Kilogramm gehabt.
Alfred Koch, seinerzeit stellvertretender Ministerpräsident unter Präsident Boris Jelzin, verglich den Fisch mit der Körpergröße Putins und kam in einer - etwas wissenschaftlichen - Rechnung auf deutlich weniger als 21 Kilo.
Wer beißt hier wen?
Alles Unsinn, so der Pressesekretär des Kreml, Dimitri Peskow, der seine eigene Version der Geschichte hat. Putin habe erst kein Glück mit den Hechten gehabt, bis er die Empfehlung eines einheimischen Wildaufsehers, einen anderen Köder zu verwenden, befolgt habe, sagte er Ende Juli. Danach habe es eine halbe Stunde gebraucht, um den Fisch aus dem Wasser zu ziehen.
Der Aufseher habe gesagt, er habe „noch nie etwas Derartiges gesehen“ und Putin gewarnt: „Vorsicht, der könnte beißen!“ Der Präsident habe geantwortet: „Ich werde ihn beißen.“ Wie immer das gemeint war – der Fisch sei schließlich im Kochtopf gelandet.
Verdächtige Ähnlichkeiten mit alten Bildern
Auf einem offiziellen Video des Kreml auf YouTube ist der Präsident erst auf einer Bootsrundfahrt zu sehen, dann, wie er Rentiere streichelt und füttert, schließlich steuert der 61-Jährige - in Tarnkleidung - selbst ein Motorboot. Danach ist zu sehen, wie Putin den Hecht fängt.
Der populäre russische Blogger Andrej Malgin mutmaßte, dass der Kreml der Öffentlichkeit überhaupt ein paar alte Fotos aufgetischt haben könnte. Er verglich die Bilder in seinem Weblog mit solchen früherer Ausflüge des Präsidenten. Einige davon sähen „verdächtig ähnlich“ aus, zitierte die US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg Malgin. „Sieht das nicht aus, als ob wir Dosennahrung, die ein paar Jahre lang aufgehoben worden ist, gefüttert bekommen?“
Außerdem ist ein Indiz für diese These, dass Putin auf den Bildern eine Uhr trägt, die er seinerzeit auf einem Ausflug einem Wildaufseher geschenkt habe. Auch das stimme nicht, argumentiert Kreml-Sprecher Peskow. Putin habe die Uhr damals verschenkt und sich exakt das gleiche Modell erneut gekauft. Auch über den Fisch ließ Peskow nichts kommen. „Ich war selbst beim Wiegen dabei.“
Links: