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Sekunden vor Unfall aufgelegt

Bei den Ermittlungen zum Zugsunglück von Santiago de Compostela am Mittwoch vor einer Woche gibt ein Telefongespräch den Behörden Rätsel auf. Der Lokführer hatte mit einem Kollegen am Handy gesprochen - warum genau, ist unklar. Der 52-Jährige kann sich den Unfall nicht erklären – so wie viele Spanier auch. Sie glauben anscheinend auch an eine Mitverantwortung der Bahnbetreiber.

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Nachdem es erst geheißen hatte, es sei unklar, mit wem der Lokführer überhaupt telefoniert hatte, berichteten spanische Medien am Mittwoch, es sei der Zugsführer, der Oberschaffner, gewesen. Er habe das Gespräch wenige Sekunden vor dem verheerenden Unglück beendet.

Dass der 52-jährige Francisco Jose Garzon zum Unglückszeitpunkt oder unmittelbar davor am Telefon gewesen war, hatte schon die Auswertung der Blackbox, des Unfalldatenschreibers, am Dienstag ergeben, wie das zuständige Gericht in der autonomen Region Galicien bekanntgab. Allerdings war der Grund des Gesprächs nicht wirklich klar.

Es hieß lediglich, bei dem Telefonat sei es um Absprachen der weiteren Strecke gegangen. Dem Inhalt des aufgezeichneten Gesprächs und den Hintergrundgeräuschen zufolge habe der Lokführer dabei eine Karte oder ein ähnliches Papierdokument studiert - als er am Mittwoch vor einer Woche am Abend wenige Kilometer vor Santiago de Compostela mit 192 km/h in eine für Tempo 80 gedachte Kurve einfuhr.

Lokführer spricht von „Aussetzer“

Garzon habe dann plötzlich die Unglückskurve gesehen und gebremst, doch der moderne Talgo-Zug sei noch mit 153 km/h entgleist, erklärte das Gericht nach Auswertung des Fahrtenschreibers. Auf der geraden Strecke vor der Kurve war Tempo 220 erlaubt. Beim schlimmsten Bahnunglück seit 40 Jahren in Spanien kamen 79 Menschen ums Leben. Nach amtlichen Angaben lagen am Mittwoch noch immer 13 Verletzte in kritischem Zustand im Krankenhaus.

Der Lokführer räumte Unachtsamkeit und einen „Aussetzter“ ein. Erklären konnte er sich das Unglück nicht. „Ich sage es Ihnen ganz ehrlich, dass ich es nicht weiß, ich bin doch nicht so verrückt, nicht zu bremsen“, hatte Garzon laut „El Pais“ (Mittwoch-Ausgabe) bei seiner Anhörung vor Gericht am Sonntag erklärt.

„Würde lieber sterben“

Einen technischen Fehler oder Sicherheitsmängel als zusätzliche Ursache des Unfalls schlossen die Regierung und die Chefs der betroffenen Unternehmen aus. Der 52-jährige Garzon muss sich wegen fahrlässiger Tötung in 79 Fällen verantworten. Er würde lieber sterben, „als mit der Schuld leben zu müssen“, sagte der erfahrene Eisenbahner bei der Vernehmung.

Allerdings habe Garzon auch auf die schlechte Beschilderung an der Unglückskurve „A Grandeira“ hingewiesen. Dass er auf dem Handy sprach, als der Unfall geschah, hatte der Lokführer bei seiner Vernehmung allerdings laut Medien verschwiegen. Die Frage, warum er das tat, beschäftige die Ermittler ebenfalls, hieß es. Garzon wolle „niemanden hineinziehen“, zitierte „El Pais“ einen Freund des 52-Jährigen. Er befindet sich auf freiem Fuß, allerdings musste er seine Reisedokumente abgeben.

Behörden weisen Mitverantwortung zurück

Verkehrs- und Bauministerin Ana Pastor wies mehrfach Vorwürfe von Gewerkschaften, Medien und Kollegen des Lokführers, die Sicherheitssysteme an der engen Unglückskurve seien unzureichend, zurück. Doch viele Spanier glauben anscheinend auch an eine Mitverantwortung der staatlichen Bahngesellschaft RENFE bzw. der staatlichen Behörden. Bei aller Trauer über die Dutzenden Todesopfer sind sie davon überzeugt, dass Garzon von Politik und Wirtschaft als alleiniger Sündenbock missbraucht werden soll, um Milliardengeschäfte zu retten.

Viele zweifeln an Alleinschuld

Die Regionalzeitung „La Voz de Galicia“ zeigte am Mittwoch ein Foto einer an eine Wand geklebten Solidaritätsbekundung mit den Worten „Kopf hoch, Garzon“. Eine zur Unterstützung des Eisenbahners erstellte Internetplattform zählte bis Mittwochmittag 90.000 Unterschriften.

„Auch diejenigen tragen Verantwortung, die nicht für alle nötigen Vorkehrungen gesorgt haben (...), damit die Folgen eines nie auszuschließenden menschlichen Fehltritts verhindert oder gelindert werden", betonte der frühere Richter am Obersten Gerichtshof, Jose Antonio Martin Pallin, am Mittwoch in einem Artikel für „El Pais“. Die Verantwortlichen dürften sich auch im Sinne der spanischen Hochgeschwindigkeitsindustrie nicht hinter einem Fehler des Eisenbahners verstecken, forderte er.

Zugsprojekt wirtschaftlich ungemein wichtig

Für Spanien und für die Wirtschaft des Landes steht in Krisenzeiten viel auf dem Spiel. Das Hochgeschwindigkeitssystem AVE ist Aushängeschild und Hoffnungsträger Nummer eins der Industrie. „La Voz de Galicia“ rechnete am Mittwoch vor, dass die verschiedenen Unternehmen weltweit über Geschäfte in einer Gesamthöhe von 100 Milliarden Euro verhandeln. Das sind rund zehn Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung.

Unter anderem will man in Brasilien den Zuschlag für den Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro bekommen. Gespräche laufen auch mit den zuständigen Behörden in den USA, der Türkei, in Kasachstan und Singapur.

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