ADIF: Lokführer bremste 4 km zu spät
Nach dem verheerenden Zugsunglück in Spanien, bei dem am Mittwoch 78 Menschen ums Leben kamen, erhoffen sich die Ermittler nun Auschlüsse zum Unfallhergang durch die Analyse der Blackbox. In den Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen rückt zusehends der Lokführer Francisco Jose Garzon, der am Freitag festgenommen wurde.
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„Ich habe es vermasselt, ich möchte sterben“, soll der Lokführer laut „El Mundo“ gesagt haben. Der 52-Jährige räumte bereits kurz nach dem Unglück am Mittwoch ein, dass der Zug auf einer Tempo-80-Strecke mit 190 km/h unterwegs war. Die Hintergründe für die hohe Geschwindigkeit sind derzeit unklar. Aufschlüsse erhoffen sich die Ermittler durch eine Befragung des mittlerweile festgenommenen Lokführers. Medienberichten vom Freitagabend zufolge lag Francisco noch im Krankenhaus unter Polizeiaufsicht und verweigerte am Freitag seine Aussage.
Auf Facebook geprahlt
Der Lokführer hätte den Bremsvorgang gemäß den Sicherheitsvorschriften schon vier Kilometer vor der Unglücksstelle bei Santiago de Compostela beginnen müssen, erklärte der Präsident der Eisenbahninfrastruktur-Behörde ADIF, Gonzalo Ferre, am Freitag in Madrid. Alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert, aber für den Fall eines Systemausfalls verfüge der Lokführer über einen genauen Plan mit allen Anweisungen, betonte der Behördenchef. Im Gespräch mit der spanischen Nachrichtenagentur EFE fügte Ferre noch an: „Das ist ja die Aufgabe des Lokführers: die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Sonst wäre er Passagier.“
Laut der Schweizer Tageszeitung der „Tagesanzeiger“ prahlte der Lokführer auf Facebook mit seinem rasanten Fahrstil. Auf einem mittlerweile wieder entfernten Bild war zu sehen, dass der Lokführer schon früher mit 200 km/h unterwegs war und dazu stolz schrieb: „Ich bin am Limit, schneller kann ich nicht fahren, sonst werden sie mich bestrafen.“
Hochgeschwindigkeitsstrecke endet abrupt
Laut der Lokführergewerkschaft (SEMAF) hätte die Tragödie mit dem modernen Tempokontrollsystem ERTMS an der Unglücksstelle verhindert werden können. Da die 2011 eingeweihte Hochgeschwindigkeitsstrecke vier Kilometer vor Santiago, kurz vor der Unfallstelle, ende, sei das ältere ASFA-System im Einsatz gewesen, das den Zug beim Überschreiten der erlaubten Geschwindigkeit nicht immer automatisch abbremse, sagte SEMAF-Generalsekretär Juan Jesus Fraile im Radio. „Ideal wäre es gewesen, wenn man die Hochgeschwindigkeitsstrecke bis Santiago fertiggebaut hätte“, sagte er.
ADIF wies die Vorwürfe zurück. Im städtischen Raum und bei der Stationseinfahrt sei ASFA das geeignete System, hieß es. Warum der Lokführer den Zug vor der Kurve nicht rechtzeitig abbremste und deutlich zu schnell fuhr, sollen nun Experten klären. Der Fahrer des Unglückszuges ist seit 30 Jahren bei der staatlichen Eisenbahngesellschaft RENFE beschäftigt und verfügt über eine zehnjährige Erfahrung als Lokführer. Die Strecke von Madrid nach Santiago befährt er seit einem Jahr. Er befand sich am Freitag weiter im Krankenhaus unter Polizeibewachung.

Reuters/Miguel Vidal
Einsatzkräfte suchen am Unglücksort nach Verletzten und Hinweisen
Polizei- und Eisenbahnexperten untersuchen die Unfallursache. Derzeit wird der automatische Fahrtenschreiber des Zuges ausgewertet. Er soll auch klären helfen, warum das Tempokontrollsystem nicht angesprungen ist. RENFE warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen. RENFE-Präsident Julio Gomez-Pomar sagte, der Unglückszug sei am Tag des Unfalls noch in der Früh inspiziert worden.
Mittlerweile wurde eines der Hochgeschwindigkeitsgleise wieder für den Verkehr freigegeben. Gleis zwei sei seit 7.50 Uhr wieder in Betrieb, erklärte der Schienenbetreiber ADIF am Freitag. Auch die Gleise für konventionelle Züge auf der Strecke zwischen Ourense und Santiago de Compostela wurden um 5.00 Uhr wieder geöffnet.
„Problematische“ Stelle auf Neubaustrecke
Die Katastrophe ereignete sich auf einem Neubauabschnitt des Hochgeschwindigkeitsnetzes. Die Kurve an der Unglücksstelle ist relativ eng. Experten hatten bei der Planung der Strecke darauf hingewiesen, dass die Kurve „problematisch“ sei. Der Unglückszug war vom Typ Alvia. Die Züge dieser Art erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h. Die Katastrophe war das erste Unglück mit Todesopfern auf diesem Abschnitt.

Reuters/Eloy Alonso
Die Lokomotive des Unglückszugs
Der Zug war am Mittwoch auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten gewesen. Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.
Noch nicht alle Toten identifiziert
An Bord des Schnellzuges waren nach Angaben von RENFE 218 Passagiere sowie das Zugspersonal. Von den rund 180 Verletzten lagen am Freitag noch immer 83 im Krankenhaus, 32 von ihnen waren schwer verletzt. Ob sich Österreicher unter den Verletzten befinden, ist noch nicht bekannt. Von den Todesopfern wurden bisher 53 identifiziert. Gerichtsmediziner erklärten, die Identifizierung einiger Toter werde länger dauern. Unter den Todesopfern sind der in Spanien bekannte Radiojournalist Enrique Beotas und Rosalina Ynoa, eine ranghohe Beamtin im Entwicklungsministerium der Dominikanischen Republik.
Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt. Nach Informationen der Zeitung „El Pais“ soll der Lokführer unmittelbar nach der Katastrophe über Funk der Leitstelle im Bahnhof von Santiago gesagt haben: „Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen.“ Bereits vor der Kurve soll er die Leitstelle davor gewarnt haben, dass der Zug zu schnell in die Kurve fährt.
Dreitägige Staatstrauer ausgerufen
Mariano Rajoy, der selbst aus Santiago stammt, besuchte am Donnerstag die Unfallstelle und sprach mit Verletzten und Angehörigen von Opfern der Katastrophe. „Wie alle wissen, ist heute ein sehr schwieriger Tag“, sagte er. „Wir haben ein schreckliches, dramatisches Unglück erlebt, das wir, wie ich fürchte, noch lange in Erinnerung haben werden.“ Er ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Auch das spanische Königspaar besuchte die Unglücksstelle. Die Region Galicien rief eine siebentägige Trauer für die Opfer aus.
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