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Vom Familienalbum zur Kunstform

Der britische Fotograf Martin Parr und der Kritiker Gerry Badger haben mit ihrer zweibändigen „Geschichte des Fotobuchs“ eine lange unterschätzte Kunstform in den Fokus der Sammler gerückt - und damit einen neuen Markt erschlossen. Am Wochenende trifft sich die internationale Szene zu Vorträgen und Bücherkauf in Wien.

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„Ich hatte unglaubliches Glück“, sagt Cristina De Middel. Die 1975 im spanischen Alicante geborene Fotografin avancierte 2012 plötzlich zu einem Star in der Kunstszene. Sie hatte ein Buch mit dem Titel „The Afronauts“ geschaffen, selbst finanziert und produziert, im Eigenverlag. Das Buch liegt vor ihr, unscheinbar, ein brauner Einband aus rauem Karton, zusammengehalten von einem ungefärbten Gummiband, Format vielleicht DIN A5, auf dem Markt vergriffen. Bei Amazon Großbritannien gibt es ein Exemplar. Für 1.400 britische Pfund, also knapp über 1.600 Euro.

Tisch mit Büchern

ORF.at/Philipp Naderer

Von dem Geld sieht De Middel freilich nichts. Sie hat die Bücher für 28 Euro pro Exemplar verkauft. 1.000 davon hat sie drucken lassen. „Ich habe mir nicht träumen lassen, dass ich alle so schnell verkaufen würde“, sagt die Fotografin. Lange Zeit arbeitete De Middel als Fotojournalistin für spanische Magazine und Zeitungen, nebenbei half sie gemeinnützigen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen. „Irgendwann habe ich nicht mehr daran geglaubt, dass ich mit Fotos die Welt verändern kann“, so De Middel, „Ich befand mich in einer Krise und kündigte meinen Job bei der Zeitung in Alicante. Eine verrückte Aktion in Zeiten wie diesen, speziell in Spanien, aber ich musste es tun.“

Portraitfoto von Cristina De Middel

Philipp Naderer

Shootingstar dank Afronauten: Cristina De Middel

Ausbruch aus dem Alltag

De Middels Ersparnisse reichten für ein Jahr. Sie reiste nach China und in die USA, aber ihr wichtigstes Projekt entstand zu Hause in Spanien. De Middel: „Ich fand diese Geschichte von diesem Lehrer, der in den 1960er Jahren in Zambia ein Weltraumprogramm aufbauen wollte. Die Story war ideal für meine Zwecke, denn sie war unglaubwürdig und wahr zugleich.“ De Middels Bilder zeigen Afrikaner in Weltraumoutfits, Illustrationen zu einem nie geschriebenen Science-Fiction-Roman eines Jules Verne aus Lusaka, präzise gedruckt und gebunden, eine Bildergeschichte für das 21. Jahrhundert, welche die Melancholie der Erinnerung an die vergangenen Weltraumträume der Menschheit perfekt einfängt.

Fotobuchfestival in Wien

Cristina de Middel und Martin Parr referieren über ihre Projekte auf dem ViennaPhotoBookFestival, das am 8. und 9. Juni in der alten Ankerbrotfabrik im 10. Wiener Gemeindebezirk stattfindet. Der Eintritt ist frei.

Das fand wohl auch Parr. Spätestens als bekanntwurde, dass der britische Starfotograf und Sammler einige Exemplare von „The Afronauts“ erworben hatte, stieg der Wert des Buchs durch die Decke. „Ich will gar nicht wissen, für wie viel ein Exemplar heute verkauft wird“, sagt De Middel und lacht. Der Erfolg von „The Afronauts“ hat ihr nicht viel Geld gebracht, aber dafür die Aufmerksamkeit der richtigen Leute in der Kunstszene. „Der Erfolg hat es mir ermöglicht, weitere Bücher zu machen“, sagt sie.

"Afronauts" von Cristina De Middel als App

Screenshot: ORF.at

Nur noch als App erschwinglich: „The Afronauts“

Kunst statt Reportage

Für Parr, Mitglied der traditionsreichen Pariser Fotoagentur Magnum, war die Öffnung des Kunstmarkts hin zur zeitgenössischen Fotografie notwendig - auch wegen des Medienwandels. „Wir haben immer weniger Aufträge von Magazinen“, sagt Parr im Gespräch mit ORF.at. „Das können wir durch die Einnahmen aus dem Verkauf einzelner Bilder sowie aus dem Buchgeschäft manchmal kompensieren.“

Parr legt großen Wert darauf, dass er und Badger nicht die ersten Autoren waren, die eine Geschichte des Fotobuchs vorgelegt haben: „Vor uns gab es schon Bücher zum Thema von Andrew Roth und Horacio Fernandez. Wir hatten aber mehr Einfluss, weil wir in zwei Bänden ein sehr gut recherchiertes und dann auch vom Verlag sehr gut vertriebenes Werk vorlegen konnten.“ Seine Arbeit habe die Anerkennung des Fotobuchs in der Kunstwelt nur beschleunigt, nicht aber ausgelöst.

Neue Projekte

„Wir wollten den Status des Fotobuchs als Kunstform erhöhen“, sagt Parr, „Das ist uns teilweise gelungen. Sehen Sie sich um: Wir können jetzt hier ein Fotobuchfestival veranstalten, das wäre vor 20 Jahren so noch nicht möglich gewesen. Letztes Jahr kannten nur wenige Leute Cristina De Middel, heute hat sie sensationellen Erfolg, ‚The Afronauts‘ kostet auf dem Markt heute über tausend Euro. Umgekehrt sind neue Fotobücher sehr viel billiger als Abzüge einzelner Bilder in Museumsqualität, wodurch auch weniger begüterte Sammler zum Zug kommen.“

Portraitfoto von Martin Parr, sitzend vor Buchregal

Philipp Naderer

Herr der Fotobücher: Martin Parr in seinem Element

Dass seine Aktivitäten die Preise für ältere Bücher nach oben getrieben haben, stört Parr nicht: „Ich entdecke immer neue Sammelgebiete, für die sich vorher noch keiner interessiert hat, gerade erforsche ich die chinesischen Fotobücher, da sind faszinierende Sachen dabei.“ Parr und Badger haben die Arbeiten am dritten Band ihrer „Geschichte des Fotobuchs“ abgeschlossen. „Wir zeigen morgen bei unserem Vortrag ein paar Bücher daraus - die sind weitestgehend unbekannt und auch kaum auf dem Markt erhältlich. Wenn wir sie erwähnen, dann steigt natürlich die Wertschätzung für diese Bücher und auch ihr Preis, aber das kann man nicht verhindern. Das ist das Ergebnis unserer erfolgreichen Aktion, Fotobüchern mehr Gewicht zu verleihen.“

Vergessene Meisterwerke

Mit den ersten beiden Bänden ihrer Fotobuchgeschichte haben Parr und Badger so etwas wie einen Kanon der relevanten Werke etabliert. „Das geht heute nicht mehr“, sagt Parr, „Dazu ist der Markt auch für uns zu komplex geworden. Wir konzentrieren uns jetzt auf Gebiete, die wir vorher nicht so intensiv bearbeitet haben, etwa Protestfotobücher. Wir wollen auch die besten Bücher der letzten sieben Jahre zeigen, die vergangen sind, seit wir den zweiten Band veröffentlicht haben. Es gibt auch viele Bücher, die wir übersehen haben, es dauert manchmal sehr lange, bis die aus ihren Verstecken kommen.“

Welche Eigenschaften muss ein gutes Fotobuch besitzen? „Na ja, zuerst einmal müssen die Fotos gut sein, auch die Verarbeitung muss stimmen, damit die Fotos zum Leben erweckt werden“, sagt Parr, mehr verrät er nicht.

Sammler von Augenblicken

Parr ist manischer Sammler, nicht nur von Fotobüchern sondern auch von vergänglichem Nippes als Ausdruck einer bestimmten Ära, beispielsweise kaufte er nach dem letzten Irak-Krieg billige Uhren mit dem Konterfei von Saddam Hussein auf dem Zifferblatt, die unter dessen Regime an treue Untertanen ausgegeben wurden. „Jetzt ergänze ich die Sammlung um Uhren mit dem Gesicht von Gaddafi. Die finde ich auf eBay.“

Auch das Fotografieren selbst, sein eigentlicher Brotberuf, ist für Parr ein Akt des Sammelns: „Ich bin mir des dokumentarischen Wertes meiner Bilder sehr bewusst. Auch schlechte Fotos können dokumentarischen Wert haben, aber wenn ein Bild dann auch noch gut ist, dann hast du den Jackpot geknackt. Gott sei Dank ist es nicht leicht, ein gutes Foto zu machen. Darum werden gute Bilder auch überdauern und sind es wert, in Galerien und Museen ausgestellt zu werden. Der Verkauf von Abzügen ist heute meine Haupteinnahmequelle. Wenn ich eine Ausstellung mache, dann hat für mich das Buch dazu Priorität, weil es das Buch ist, das als Dokument übrig bleibt. Ausstellungen kommen und gehen, aber die Bücher bleiben. Man wirft Bücher auch nicht weg.“

Bücher selbst machen

Der Fotobuchmarkt ist mittlerweile auch für Parr unüberschaubar geworden: „Allein die Mainstreamverlage werfen jährlich zwei- bis dreitausend Bücher auf den Markt. Dazu kommen Zehntausende von selbst veröffentlichten Büchern, privaten Fotoalben von Hochzeiten und Familienevents und so weiter. Auch da können interessante Sachen dabei sein. Man kann nur auf Festivals gehen wie auf das hier.“

Den Gedanken, dass der Fotobuchboom mit dem gleichzeitigen Aufkommen der digitalen Fotografie zu tun haben und gewissermaßen die Rache des physischen Objekts an der Entmaterialisierung des Bildes darstellen könnte, weist Parr zurück: „Viel zu intellektuell. Die Leute lieben einfach Bücher. Jeder Fotograf will ein Buch machen. Heute kann das auch jeder selbst finanzieren, so wie Cristina De Middel. Aber bemerkenswert ist es schon, dass die Leute in Zeiten der Digitalisierung so viel Wert auf Bücher legen.“

De Middel jedenfalls wird noch in diesem Jahr zwei neue Bücher veröffentlichen. Eines davon komprimiert die Eindrücke ihrer China-Reisen im Format einer kleinen roten Mao-Bibel, den Entwurf dazu hat sie nach Wien mitgebracht. „Ich habe aus dem Text des Originals alle Hinweise auf den Kommunismus entfernt, wie die chinesische KP das auch in ihrer Politik gemacht hat“, sagt die Fotografin und blättert durch die Seiten. Der Text in der englischen Übersetzung ist fast vollständig ausgelöscht, auf der ersten Seite ist nur noch ein Wort übrig geblieben, das auch der Titel des Projekts sein wird: „Das Buch heißt ‚PARTY‘“, sagt De Middel und lacht.

Günter Hack, ORF.at

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