Was wussten die Behörden?
Die Terrorattacke auf einen Soldaten in London am Mittwoch wirft ein schiefes Licht auf die britischen Sicherheitsdienste. Mediendarstellungen zufolge wussten die Behörden um die radikale Gesinnung zumindest des älteren der beiden mutmaßlichen Täter. Aussagen eines angeblichen Freundes des Verdächtigen werfen immer mehr Fragen zur Vorgehensweise der Geheimdienste auf.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
In einem Interview mit dem TV-Sender BBC behauptete der 31-jährige Abu N. Freitagabend, der britische Inlandsgeheimdienst MI5 habe seinen Freund, den Verdächtigen Michael A., anwerben wollen. Dieser habe aber abgelehnt. Das sei nun etwa ein halbes Jahr her. Der 31-Jährige wurde unmittelbar nach dem Interview noch auf dem Gelände der BBC verhaftet, wie der Sender berichtet.
Ein Vertreter von Scotland Yard bestätigte am Samstag zwar, dass die Polizei in London am Freitagabend einen 31-jährigen Mann festgenommen habe, der verdächtigt werde, terroristische Taten in Auftrag gegeben oder vorbereitet zu haben. Ob die Festnahme im Zusammenhang mit dem Mord an dem Soldaten am Mittwoch stand, wurde aber nicht mitgeteilt.
Nach Kenia-Reise von MI5 kontaktiert
Nach den Darstellungen des angeblichen Freundes sei A. nach einem Besuch in Kenia im Vorjahr verändert heimgekehrt. A. sei dort von Sicherheitskräften festgehalten und gefoltert worden. Laut BBC-Berichten vom Sonntag bestand der Verdacht, dass er sich der islamistischen Al-Schabaab-Miliz anschließen wollte. Das Außenministerium bestätigte die Festnahme eines Briten im Jahr 2010 in Kenia, machte aber zunächst keine näheren Angaben.
Aus Kenia sei er jedenfalls mit radikalislamischen Ideen zurück nach London gekommen und vom MI5 mehrmals kontaktiert worden. Der Geheimdienst habe A. befragt, ob er gewisse Personen kenne. Nachdem er das verneint habe, hätten die Agenten ihn gefragt, ob er für sie arbeiten wolle. „Er wurde vom MI5 bedrängt, das hat er mit klar gesagt“, sagte N. in dem BBC-Fernsehinterview. Für die Behauptungen gab es keine offizielle Bestätigung. Nach BBC-Informationen waren die beiden Verdächtigen dem MI5 seit acht Jahren bekannt.
„Inspiriert“ worden soll A. auch von dem islamistischen Prediger Anjem Choudary sein. Auf Fotos und Videos ist er mit dem in britischen Medien als „radikalen Hassprediger“ bezeichneten Mann zu sehen. Die Presse rief am Freitag zu einem schärferen Vorgehen gegen Choudary auf, die Boulevardzeitung „The Sun“ forderte seine Festnahme. Choudary hatte zuvor bestätigt, dass A. bis vor drei Jahren regelmäßig an den Treffen seiner Gruppe al-Muhajiroun teilgenommen hatte.
Radikaler Prediger: Mord nicht verurteilenswert
Die von dem Prediger Omar Bakri gegründete Gruppierung al-Muhajiroun ist inzwischen verboten. Bakri hatte mehrfach zu terroristischen Angriffen auch auf europäische Länder aufgerufen. Zu dem aktuellen Attentat sagte Bakri der Nachrichtenagentur AFP, er könne den Mord nicht verurteilen, weil es sich bei dem Opfer um einen Soldaten gehandelt habe.
A., 28-jähriger Sohn nigerianischer Einwanderer soll 2003 vom Christentum zum Islam konvertiert sein und den Namen Mujahid (Gotteskämpfer) angenommen haben. Zuletzt sollen beide Verdächtige extremistische Flugblätter verteilt haben. A. soll zudem vor etwa einem Jahr versucht haben, nach Somalia zu reisen, um sich der radikalislamischen Shebab-Miliz anzuschließen. Jedoch sei er in Heathrow von Grenzbeamten zurückgewiesen worden, und sein Pass sei von der Polizei eingezogen worden, hieß es in Berichten.
Regierung: „Können nicht jeden kontrollieren“
Die Berichte werfen die Frage auf, warum die Behörden im Fall A. nicht gehandelt hatten. Die Regierung in London sah sich am Freitag jedenfalls dazu gedrängt, das Vorgehen der Sicherheitsdienste zu verteidigen. Der Minister für die Kommunen, Eric Pickles, kündigte eine parlamentarische Untersuchung der Rolle der Sicherheitsdienste an. In einer freien Gesellschaft sei es indes schwierig, alle zu kontrollieren, sagte Pickles dem Fernsehsender BBC. „Es ist ein riesiger Unterschied, extreme Ansichten zu haben und einen Mord zu begehen.“ Auch Richard Barrett, der frühere Leiter der Anti-Terror-Abteilung beim Auslandsgeheimdienst MI6, sagte, es sei sehr schwierig, den Übergang von Extremismus zu Gewalt vorherzusehen.
Am Mittwochnachmittag war der 25-jährige Soldat Lee Rigby in Woolwich vor einer Kaserne auf offener Straße brutal ermordet worden. A. sagte anschließend Passanten, er habe den Soldaten als Vergeltung für die Tötung von Muslimen ermordet. Rigby, der einen zweijährigen Sohn hat, war 2009 in Afghanistan im Einsatz gewesen. A. und sein mutmaßlicher Komplize, ein ebenfalls nigerianischstämmiger 22-jähriger Mann, wurden von der Polizei angeschossen und festgenommen. Ihr Zustand sei stabil, erklärte die Polizei.
Drei weitere Festnahmen
Unterdessen nahm die Polizei drei weitere Verdächtige fest. Zwei 24 und 28 Jahre alte Männer seien am Samstag in einem Haus in London gefasst worden, ein 21 Jahre alter Mann auf der Straße, erklärte Scotland Yard. Zwei ebenfalls im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Terrorangriff festgenommene Verdächtige wurden unterdessen wieder freigelassen. Es habe keine Anklagen gegen die 31 und 29 Jahre alten Frauen gegeben, teilte die Londoner Polizei Scotland Yard am Freitag mit. Ein 29 Jahre alter Mann bleibe hingegen in Haft. Die drei waren am Donnerstag unter anderem unter dem Verdacht der Beihilfe zum Mord festgenommen und verhört worden.
Mehr Übergriffe auf Muslime
Unterdessen wurde eine starke Zunahme von Angriffen auf Muslime gemeldet. Fiyaz Mughal, der Direktor der Organisation Faith Matters, die sich gegen Extremismus einsetzt, sagte dem BBC-Rundfunk, normalerweise würden ihnen vier bis acht Vorfälle pro Tag gemeldet. Seit dem Mord an Rigby hätten sie aber von landesweit 150 Angriffen gehört. Einige davon seien „sehr gezielt, sehr aggressiv“ gewesen, sagte Mughal.
Links: