Über 1.000 zusätzliche Polizisten
In Großbritannien herrscht nach dem tödlichen Anschlag auf einen Soldaten und darauf folgenden antiislamischen Aktionen Bestürzung, aber auch Nervosität. Die Polizei verstärkt ihre Präsenz auf den Straßen der britischen Hauptstadt deutlich. Man werde in den kommenden Tagen mehr uniformierte Sicherheitskräfte sehen, kündigte Scotland Yard am Donnerstag an.
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Das gelte insbesondere für Plätze, an denen sich größere Menschenansammlungen bilden, so der Sprecher des Metropolitan Police Service (MPS), Simon Byrne, bei einem Besuch am Tatort im südöstlichen Bezirk Woolwich. In London findet am Samstag das Finale der Fußball-Champions-League zwischen den beiden deutschen Clubs Borussia Dortmund und Bayern München statt. Die Terrorwarnstufe - ohnehin schon auf „substanziell“ - wurde nicht weiter angehoben.
Derzeit seien rund 1.200 zusätzliche Polizeikräfte im Einsatz, um den Menschen auf der Straße ein Gefühl der Sicherheit zu geben, so Byrne. Das solle vorerst auch so bleiben, bis es mehr Klarheit über die Hintergründe des Anschlags auf den Soldaten gebe. Dieser hatte sich am Mittwoch in unmittelbarer Nähe der Royal Artillery Kaserne in der John Wilson Street in Woolwich ereignet.
Mord mit Messern und Beil
Laut Behörden bzw. Augenzeugen griffen dabei zwei Männer nigerianischer Abstammung den Mann mit Messern und einem Fleischerbeil an und töteten ihn. Dabei sollen sie islamistische Parolen gerufen haben. Beide Täter wurden vor ihrer Festnahme von Polizisten angeschossen und liegen - schwer bewacht - in zwei separaten Krankenhäusern. Am Donnerstagabend bestätigte die Londoner Polizei zwei weitere Festnahmen im Zusammenhang mit dem Attentat, die eines Mannes und einer Frau, beide 29 Jahre alt.

APA/EPA/Facundo Arrizabalga
Spurensicherung am Tatort: Ein Küchenmesser wurde als Tatwaffe sichergestellt
Einer der beiden Tatverdächtigen sei 28 Jahre alt, in London aufgewachsen und Student, hieß es am Donnerstag. Sein Name wurde mit Michael A. angegeben. Die beiden Männer seien den Geheimdiensten bekannt gewesen, erklärte Premierminister David Cameron. Er berief eine Krisensitzung seiner Sicherheitsexperten ein, um über die Konsequenzen des Anschlags zu beraten. Britische Medien berichteten, die Polizei habe die Wohnungen von Verwandten der Attentäter in London und in einem Dorf nahe der ostenglischen Stadt Lincoln durchsucht.
Cameron nannte die Tat „widerwärtig“. Für sie seien ausschließlich die Täter selbst verantwortlich, sie könnten sich nicht hinter der Lehre des Islam verstecken. „Das war nicht nur ein Angriff auf Großbritannien und unseren Lebensstil, sondern auch ein Verrat am Islam und der muslimischen Gemeinschaft“, so der britische Premier. Queen Elizabeth II., die der Londoner Kaserne Ende Mai einen Besuch abstatten wollte, äußerte sich „besorgt“ über den Angriff.
Kein Hinweis auf direkten Kontakt zu Terrorgruppen
Beide Männer sind laut britischen Medienberichten vom Christentum zum Islam konvertiert. In Nigeria mit seiner gemischten Bevölkerung aus Christen und Muslimen kämpfen Polizei und Armee seit Jahren gegen einen Aufstand radikaler Islamisten. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass die beiden Attentäter eine Verbindung zu Terrorgruppen in Westafrika wie etwa der Boko Haram hätten, hieß es unter Berufung auf die nigerianischen Sicherheitsbehörden.

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Londons Bürgermeister Boris Johnson besuchte am Donnerstag den Tatort nahe der Royal-Artillery-Kaserne im Südosten der Stadt
Muslimische Verbände in Großbritannien verurteilten den Terrorakt scharf. „Nichts rechtfertigt diesen Mord. Barbarische Akte können in keiner Weise mit dem Islam entschuldigt werden“, hieß es in einem offiziellen Statement.
Drohungen auf Video von Augenzeugen
Anjem Choudary, ein bekannter, als radikal eingestufter islamischer Prediger in Großbritannien, kannte einen der Täter flüchtig. Seine Freunde hätten ihn „Mudschahid“ („Krieger“) genannt, erinnerte er sich. „Er war bei ein paar unserer Demonstrationen und anderen Veranstaltungen dabei, die wir früher organisiert haben“, sagte Choudary der Nachrichtenagentur Reuters. Seit etwa zwei Jahren habe er ihn allerdings nicht mehr gesehen. „Als ich ihn kannte, war er ein netter Mann - er war friedlich, bescheiden, und es gab keinen Grund zu vermuten, dass er Gewalt anwenden würde.“
Im Internet kursierte nach der Tat ein Video, das ein Passant aufgenommen hatte. Es zeigt einen der Täter mit einer Jean, schwarzer Wollmütze und dunkler Wolljacke, der mit blutigen Händen ein ebenfalls blutiges Messer und ein Fleischerbeil schwenkt und droht: „Wir schwören bei Allah, dass wir niemals aufhören werden, gegen euch zu kämpfen“, ruft er im einheimischen Dialekt. „Dieser britische Soldat ist ein Auge für ein Auge, ein Zahn für einen Zahn“.
„Ihr werdet nie sicher sein“
Zugleich entschuldigt sich der Attentäter dafür, dass Frauen die Tat mitansehen mussten. „Aber in unserem Land müssen Frauen das Gleiche ansehen“, sagte der Attentäter. „Ihr werdet nie sicher sein, stürzt eure Regierung“. Dem Soldaten könnte zum Verhängnis geworden sein, dass er ein T-Shirt mit einem Slogan zur Unterstützung der britischen Truppen - „Help for Heroes“ („Hilfe für Helden“), dem Namen einer Wohltätigkeitsorganisation, die verwundete britische Soldaten unterstützt - getragen hatte. Vor dem Mord sollen die Attentäter ihr Opfer mit einem Pkw angefahren haben.
Bei dem getöteten Soldaten handelt es sich nach Angaben der Londoner Behörden von Donnerstagabend um den 25-jährigen Lee R., Vater eines zwiejährigen Kindes. R. soll 2009 in Afghanistan gedient und seit 2011 für die Armee in London eingesetzt worden sein.
Antimuslimische Aktionen
Nach Bekanntwerden der Tat kam es zu vereinzelten antiislamischen Aktionen. Am Mittwochabend versammelten sich über 100 Angehörige der rechtsextremen English Defence League zu einer Kundgebung, bei der nationalistische Lieder gesungen und Schmähparolen gegen Muslime gerufen wurden. Offenbar aus Rache für den terroristisch motivierten Mord soll außerdem ein 43-Jähriger versucht haben, mit einem Messer in eine Moschee in der britischen Hauptstadt einzudringen. In Kent wurde eine Moschee beschädigt.
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