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„Amanda ist die wahre Heldin“

Ein Jahrzehnt nach ihrem Verschwinden sind drei vermisste Frauen in den USA ihrem mutmaßlichen Entführer entkommen. Der 52 Jahre alte Hauptverdächtige Ariel Castro und seine 50 und 54 Jahre alten Brüder Oneil und Pedro wurden von den ermittelnden Behörden festgenommen - Anklage wurde nur gegen den Hauptverdächtigen erhoben.

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Die Befreiung verlief dramatisch: Als der Täter kurz außer Haus war, machte eines der drei Opfer, Amanda Berry, durch einen Riss in der Tür des Hauses auf sich aufmerksam: Ein Nachbar hörte die verzweifelten Schreie und trat die Tür ein. Als die Polizei das Haus stürmte, fand sie die beiden weiteren Entführungsopfer Gina DeJesus und Michele Knight sowie die sechsjährige Tochter Berrys.

Willkommensparty bei einem Haus eines Opfers

APA/EPA/David Maxwell

Familie und Freunde freuen sich über Gina DeJesus’ Rückkehr

„Amanda ist die wahre Heldin“, so der stellvertretende Polizeichef von Cleveland, Ed Tomba. „Sie ist aus dem Haus geflohen und hat dadurch alles ins Rollen gebracht.“ Die drei Frauen und das Mädchen wurden nach der Befreiung ins MetroHealth-Krankenhaus gebracht, wo sie erstmals ihre Familien und ihre Freunde wiedersahen. Zwei Frauen konnten die Klinik bald wieder verlassen. Nur „ein gutes Essen konnten sie gut gebrauchen“, sagte Vizepolizeichef Tomba.

Mehrere Schwangerschaften in Gefangenschaft?

Unter welchen Umständen die Frauen in dem Haus festgehalten wurden, wird erst langsam bekannt, laut Polizei waren sie gefesselt. Die Berichte sprechen zudem davon, dass die Frauen in den zehn Jahren mehrmals schwanger waren. Bis zu fünf Babys sollen in Gefangenschaft geboren worden sein, so die „Daily Mail“. Aufgrund der Unterernährung der festgehaltenen Frauen sei es allerdings zu Fehlgeburten gekommen, berichtet NewsChannel5. Andere US-Medien berichten von gezielten Prügelattacken des Entführers, die die Fehlgeburten verursachten. Eine offizielle Bestätigung der Berichte gibt es bisher nicht.

Festnahme wegen häuslicher Gewalt

Derzeit laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Das FBI durchsuchte das Haus des Täters in der Seymour Avenue. Es liegt in einer von vielen Latinos bewohnten Gegend, weniger als einen Kilometer von den Wohnungen der Familien zweier Opfer entfernt.

Die Polizei gab an, in der Vergangenheit bereits zweimal bei dem Haus gewesen zu sein, einmal im März 2000 wegen einer Schlägerei auf der Straße und einmal im Jänner 2004 - zu diesem Zeitpunkt waren die Frauen vermutlich schon in dem Haus gefangen - in Zusammenhang mit der Arbeit von Ariel Castro. Der ehemalige Schulbusfahrer hatte ein Kind im Bus zurückgelassen, was jedoch als Versehen eingestuft wurde. Laut Medienberichten soll Castro zudem 1993 wegen häuslicher Gewalt und ordnungswidrigen Verhaltens kurzzeitig festgenommen worden sein, es wurde allerdings keine Anklage erhoben.

Sohn: „Ich bin fassungslos“

Wie die britische „Daily Mail“ berichtet, soll Castros Sohn Anthony, zu dieser Zeit Publizistikstudent, 2004 einen Artikel über das Verschwinden von Gina DeJesus für die Lokalpresse „Plain Press“ geschrieben haben. Unter anderem interviewte er bei seiner Recherche die Mutter des Opfers. „Ich bin fassungslos“, kommentierte Anthony Castro die Verhaftung seines Vaters gegenüber dem US-Lokalsender WKYC-TV. „Es ist wirklich unfassbar.“ Auch der Onkel der verdächtigen Brüder, Julio Castro, reagierte schockiert und erklärte gegenüber CNN: „Ich will sie nie wieder sehen.“

Nachbar hörte bereits 2011 Schreie

Nachbarn beschrieben Ariel Castro als freundlichen Mann, der seit 1992 in dem Haus gelebt haben soll. Dieses sei jedoch fast immer dunkel gewesen, so Nachbarin Jannette Gomez. „Ich hatte keine Ahnung, dass da noch jemand in dem Haus war“, erzählte Berrys Befreier Ramsey, der etwa seit einem Jahr nebenan wohnt. „Ich habe mit dem Kerl Salsa-Musik gehört und gegrillt.“

Vorgärten nach Leichen durchsucht

Knight war laut Medienberichten 21 Jahre alt, als sie im August 2002 letztmals gesehen wurde. Berry war laut FBI 16 Jahre alt, als sie im April 2003 nach der Arbeit in einem Fast-Food-Restaurant verschwand. DeJesus verschwand ein Jahr später auf dem Heimweg von der Schule, sie war damals 14 Jahre alt.

Das FBI habe die Suche nach den vermissten Frauen niemals aufgegeben, erklärte Clevelands Polizeichef Michael McGrath. Es wurden immer wieder Zeugen befragt, jeder Hinweis wurde verfolgt. Zweimal wurden auf der Suche nach den Leichen der Frauen sogar Vorgärten ausgehoben. Angaben über das Motiv der Peiniger machte die Polizei nicht. Es werde noch Wochen dauern, bis alle Details des Falls aufgearbeitet sind, so McGrath. „Es gibt logistische Informationen aus zehn Jahren, die durchforstet werden müssen.“

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