Themenüberblick

Lehrer und Schüler ausgesperrt

Bereits drei Wochen dauert der Kampf zwischen den dänischen Kommunen und der Lehrergewerkschaft - ein Ende ist nicht in Sicht. Wegen des Streits über längere Arbeitszeiten sind seit Ostern alle Gesamtschulen (erste bis neunte Schulstufe) geschlossen. Der Unterricht für 700.000 Schüler und weitere 200.000 Schulabsolventen fällt seither aus.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Auch am Sonntag gab es in Kopenhagen weder Kontakte zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern noch Anzeichen für eine Beendigung des Konfliktes per Zwangseingriff durch Regierung und Parlament. Damit gehen die Zwangsferien bereits in die vierte Woche. Die Arbeitgeber hatten nach Ostern begonnen, die Lehrer auszusperren - und damit auch die Schüler. Mit der Angriffsaussperrung wollen die öffentlichen Arbeitgeber längere Unterrichtszeiten, mehr Anwesenheit in der Schule und flexiblere Arbeitszeitregeln für 70.000 betroffene Lehrer erzwingen.

„Ob es nun einen Monat dauert oder zwei, wir bleiben kampfbereit“, sagte der Lehrer Nikolaj Gunnarson von der Herstedoster-Skole im Kopenhagener Vorort Albertslund, und ist damit nicht alleine. Der Protest der Lehrer nimmt vielfältige Formen an: von einer 35 Kilometer langen Menschenschlange bis zu Facebook-Profilfotos von Lehrern, die durch graue Silhouetten und dem Wort „Lockoutet“ („ausgesperrt“) auf knallgelbem Hintergrund ersetzt wurden.

„Diskontschule“ vs. „Privilegien“

„Wir würden liebend gern wieder arbeiten, am liebsten sofort“, so ein Lehrer, der normalerweise Kinder der 4. bis 6. Klasse unterrichtet. Er sieht seinen Berufszweig als erstes Opfer brutaler staatlicher Sparpolitik, mit der eine „Diskontschule“ auf dem Rücken von Lehrern und Schülern durchgeboxt werden solle. Nach seiner Einschätzung droht insgesamt ein „billiger öffentlicher Dienst“.

Lehrerdemonstration in Kopenhagen

AP/POLFOTO/Finn Frandse

Verkehrte Welt? Lehrer demonstrieren vor dem Parlament und fordern, in die Schulen eingelassen zu werden

Umgekehrt erklären die Arbeitgeber, Dänemarks Lehrer hätten vorsintflutliche, „höchst privilegierte“ Arbeitszeiten mit zu wenigen Unterrichtsstunden und zu viel frei verfügbarer Zeit. Nach Vorstellung der Schulbetreiber sollen die Lehrer künftig 25 Stunden die Woche unterrichten und bis etwa 16.00 Uhr in der Schule präsent sein - Gesamtschulen würden damit zu Ganztagsschulen.

„Massenaussperrung ungeheuerlich“

Die Härte bei diesem Konflikt im sonst als eher „weich“ und freundlich geltenden Dänemark ist erstaunlich und sorgt auch international für Aufsehen. Die deutsche Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nannte das Vorgehen der öffentlichen Arbeitgeber zuletzt „ungeheuerlich“. „Eine solche Massenaussperrung von Lehrkräften hat es in Europa noch nie gegeben. Die Arbeitgeber verfahren nach Gutsherrenart“, sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne.

Im Büro statt in der Klasse

Der Konflikt stellt die Dänen vor Probleme: Eltern müssen seit Wochen von Tag zu Tag aufs Neue überlegen, wie und welche Betreuung sie für ihre Kinder organisieren, während sie selbst in der Arbeit sind. Nicht zuletzt deshalb sank die zunächst recht deutliche Unterstützung aus der Bevölkerung für die Lehrer zuletzt klar. Mittlerweile haben einige Firmen - etwa die Carlsberg-Brauerei - Büroräume in Kinderzimmer umgewandelt und ihren Mitarbeitern erlaubt, die Kinder in die Arbeit mitzunehmen, wie der „Spiegel“ (Onlineausgabe) berichtete.

Die ausgesperrten Lehrer erhalten kein Gehalt, dafür aber von ihrer Gewerkschaft einen vollen Ausgleich. Dort heißt es, das Geld in der Streikkasse reiche für etwa zwei Monate. Bei den Lehrern geht bereits die Angst um, die Kommunen könnten es einfach darauf ankommen lassen und den Konflikt aussitzen, bis der Gewerkschaft das Geld ausgeht. Die Gemeinden lassen bisher jedenfalls keinerlei Kompromissbereitschaft erkennen und suchen nicht einmal das Gespräch mit der Gewerkschaft.

Regierung hält sich heraus

Auch die Regierung der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt mischte sich bisher in den Arbeitskampf nicht ein, sie spricht stattdessen von einem „normalen Arbeitskampf“. Fraglich ist, wie lange sie noch mit einem gesetzlichen Zwangseingriff abwarten kann. In Dänemark rechnet man jedenfalls damit, dass in diesem Fall die Regelung zugunsten der Arbeitgeber, also der Kommunen, ausfallen würde. Den Schaden haben die Eltern und die Schüler. Vor allem die Kinder in der neunten Schulstufe fallen um wichtige Vorbereitungszeit für jene Abschlussprüfungen um, die darüber entscheiden, in welchen Schultyp sie wechseln können.

Links: