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Volksgartenparty mit Wagner-Medley

Gut 1.200 Menschen finden im neuen Linzer Musiktheater Platz - viel mehr hatten jedoch am Donnerstag die Gelegenheit, die Eröffnungsproduktion „Ein Parzival“ live mitzuerleben: Das als Open-Air-Spektakel von der Künstlergruppe La Fura dels Baus inszenierte Stück wurde nicht im Saal der Oper aufgeführt, sondern an der Fassade und auf dem Dach des Hauses.

Im Anschluss an den über zweistündigen Eröffnungsakt im neuen Theater übernahm die katalanische Truppe unter der Regie von Carlus Padrissa den Vorplatz in Richtung Volksgarten und zündete dort ein buchstäbliches Feuerwerk basierend auf Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“. Inhalt und Musik waren in der Umsetzung fast nebensächlich, vielmehr geriet die Inszenierung zu einer spektakulären Schau aus Hochseilakrobatik, Pyrotechnik und Kranführerkunst.

Szene aus "Parzival"

APA/Rubra

Vor dem Theater ging es nach dem Festakt heiß her

La Fura dels Baus (katalanisch für „Das Frettchen von Els Baus“) verfügen über einiges an Wagner-Erfahrung und über noch viel mehr Talent für aufsehenerregende Großinszenierungen. 1979 als Straßentheatergruppe gegründet, mauserte sich das katalanische Kollektiv innerhalb weniger Jahre zu international gefragten Aktionskunstvorreitern.

Ob Großevents wie die Eröffnung der Olympischen Spiele in Barcelona (1992), die Gestaltung von Werbung für Konzerne wie Pepsi und Mercedes oder Inszenierungen für renommierte Theater- und Opernhäuser weltweit: Die Liste der Auftraggeber von Fura dels Baus ist lang und prominent. Auch in Österreich sind sie keine Unbekannten, gastierten sie doch schon bei den Salzburger Festspielen und den Wiener Festwochen.

Rund 50 Freiwillige in schwindelerregenden Höhen

Zur Umsetzung ihres Wagner-Konzepts in Linz wurden von der Intendanz des Theaters rund 50 Freiwillige aus ganz Oberösterreich gecastet - absolute Schwindelfreiheit war dabei oberste Priorität. Denn viele der Beteiligten hängen über weite Strecken der Inszenierung in der Luft, teilweise bis zu 40 Meter über dem Boden, angeseilt an den Auslegern zweier Kräne. Dort oben zeigen sie - nach nur einer Woche Probezeit - zu den Wagner-Klängen waghalsige Hochseilchoreographien, während rundherum Feuerbälle fliegen.

Szene aus "Parzival"

APA/Rubra

Der Bühnenturm des Theaters ist gut 33 Meter hoch - die Komparsen und die Parzival-Figur werden von Kränen weitaus höher gezogen

Ein Effekt jagt den nächsten, Durchhänger gibt es in der nächtlichen Aufführung keinen. Auf dem Dach des Theaters badet Gralskönig Amfortas in einem über die Fassade schäumenden Glasbecken, vom Vorplatz erhebt sich eine zehn Meter hohe Parzival-Figur aus Glasfaser und Aluminium, gesteuert wie eine Marionette vom Boden und von einem Spezialkran aus. Wie Godzilla bahnt sich der Riese seinen Weg durch den Volksgarten und durch die Menge, um später über den Bühnenturm des Theaters hinwegzuschweben. Unten üben sich währenddessen gleich mehrere kleine Kräne in einem synchronen Tanz, und Dutzende Komparsen beleuchten den Vorplatz mit Fackeln.

„Best of Parsifal“ als Soundmontage

Ungefähr viereinhalb Stunden dauert Wagners „Parsifal“ normalerweise, die Linzer Version überzeugte hingegen als sehr großzügig zusammengekürztes Best-of-Medley in nur 55 Minuten. Die Musik kam vom Band, einmal deutsch, einmal italienisch, teils grob gestückelt, teils fein zusammenmontiert.

Szene aus "Parzival"

APA/Rubra

Wie ein Godzilla wälzt sich Parzival durch Marionettenseile von oben und unten gesteuert durch den Volksgarten

Wer den Inhalt und die handelnden Figuren nicht zumindest rudimentär im Kopf hat, für den dürfte die Inszenierung kaum Erhellendes über die Erlösung Amfortas’ durch Parzival bereithalten. Andererseits dürfte es auch schwer sein, die doch recht ausufernden Handlungsstränge der auf das Versepos Wolframs von Eschenbach zurückgehenden Oper derart kurz und doch nachvollziehbar zusammenzukürzen.

Begeisterung beim Publikum

Egal - dem Vergnügen und Staunen tat das am Premierenabend keinen Abbruch. Sowohl die Künstlertruppe als auch die mutigen Komparsen und die beteiligte Technik (allen voran die Kranführer) ernteten großen Applaus und ebenso große Bewunderung beim Publikum im Park.

Hinweis

„Ein Parzival“ von La Fura dels Baus ist noch am Samstag und Sonntag jeweils um 22.00 Uhr auf dem Vorplatz des Musiktheaters zu sehen.

Für das Theater wurde der öffentliche Auftakt damit ein gelungener Coup: Bei Würsteln, Bier und freiem Eintritt zeigte sich das neue Musiktheater (nicht nur das Gebäude) nach dem offiziellen Eröffnungsakt von seiner besten - und publikumswirksamen - Seite. Auf den verdienten Lorbeeren des ersten Tages kann sich das Musiktheater trotzdem nicht ausruhen: Mit der Uraufführung der Oper „Die Spuren der Verirrten“ von Philip Glass steht schon am Freitag die nächste mit Spannung erwartete Feuerprobe ins Haus.

Sophia Felbermair, ORF.at, aus Linz

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