Krise wäre nicht mehr einzudämmen
Die Ratingagentur Fitch hat China vor den Gefahren des undurchsichtigen Bankensektors für die Staatsfinanzen gewarnt. Es gebe große Sorge vor einer massiven Ausweitung des Schattenbankenwesens und der schwer zu durchschauenden Kreditaufnahme lokaler Stellen, schilderten Fitch-Experten am Mittwoch in einer Telefonkonferenz. Eine Krise auf dem grauen Finanzmarkt könnte das reguläre Bankensystem infizieren.
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Die Bewertung der Bonität in Landeswährung wurde um eine Stufe von „AA-“ auf „A+“ herabgestuft. Das langfristige Rating Chinas für Staatspapiere in Fremdwährungen wurde wegen der hohen Devisenreserven allerdings unverändert bei „A+“ gelassen. Der Ausblick für beide Noten sei stabil, teilte Fitch mit.
Schuldenproblem ufert aus
Doch gilt die Herabstufung als die bisher stärkste Warnung vor einem starken Anstieg der Verschuldung in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde. Aus Angst vor der wachsenden Verschuldung in China hatte Fitch, die kleinste der drei großen US-Ratingagenturen, am Dienstag eine wichtige Bewertung der chinesischen Kreditwürdigkeit heruntergesetzt.
Die gesamte Verschuldung einschließlich des grauen Finanzmarktes könnte bereits 198 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht haben, schätzt Fitch. Vor vier Jahren seien es erst 125 Prozent gewesen. Chinas Wirtschaft „hat ein Schuldenproblem“, warnte Fitch-Experte Andrew Colquhoun. Es seien auch strukturelle Reformen notwendig.
China: Nicht gleiche Standards anlegen
In Reaktionen beschrieben chinesische Finanzexperten die Verschuldung zwar als ernst, sahen durch die Herabstufung aber keine größeren Auswirkungen. „Es wird die chinesische Wirtschaft wenig beeinträchtigen“, sagte die Finanzkommentatorin Ye Tan der Nachrichtenagentur dpa. Überhaupt könnte Fitch an einen wenig entwickelten Finanzmarkt wie in China nicht dieselben Standards wie anderswo anlegen.
Branche mittlerweile über drei Billionen schwer
Banker warnen bereits vor einer Kreditblase und riskanten Finanzprodukten, die wie Schneeballsysteme zusammenbrechen könnten. Zum chinesischen Schattenbankenwesen werden boomende Treuhandfonds, dubiose Vermögensverwaltungen, Finanzierungsvehikel kommunaler Regierungen (LGFV) und Untergrundbanken gezählt - alles wie vor der US-Finanzkrise ohne Aufsicht und Überwachung durch kompetente Stellen. Laut der deutschen „Welt“ erhalten schätzungsweise 97 Prozent der rund 42 Millionen kleinen Unternehmen Chinas keine offiziellen Kredite. Sie sind daher auf die im Grauzonenbereich tätigen Schattenbanken angewiesen.
Die Schattenbanken selbst werden daher immer mehr zu einem wichtigen Faktor in der Wirtschaft Chinas. Das Geld, mit dem die Banken arbeiten, kommt von Sparern, denen der Ertrag bei den staatlichen Banken zu gering ist und die es daher bei den Schattenbanken anlegen. Die Schweizer UBS schätzt laut der Zeitung das Volumen der Branche mittlerweile auf gut 3,35 Billionen Dollar (rund 2,6 Billionen Euro). Das sind 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukt, wie die Zeitung schreibt. Rund die Hälfte aller im Vorjahr vergebenen Kredite laufen über Schattenbanken.
Soros: Luft langsam aus Blase lassen
Auch der Investmentguru George Soros warnte in der „Welt“ (Montag-Ausgabe) vor dem wachsenden Schattenbankensektor. Er gibt China „noch ein paar Jahre“, um den Sektor angesichts der enormen Risiken in den Griff zu bekommen. Die Entwicklung weise Parallelen mit den Ursachen der weltweiten Finanzkrise vor fünf Jahren auf, so Soros laut der Zeitung auf dem Boao-Asienforum in China. Er sei sich sicher, dass sich die Behörden der Gefahren bewusst seien. Man müsse nun allmählich aus der Blase die Luft herauslassen, um einen Crash zu vermeiden. Das sei von allergrößter Bedeutung nicht nur für China, sondern für die ganze Welt.
Bereits Auswirkungen auf legale Banken
China könne sein Wachstumsmodell vielleicht ein, zwei Jahre beibehalten, aber kein weiteres Jahrzehnt. Denn so lange würden die Ersparnisse der Privathaushalten nicht mehr ausreichen, um den Großteil der Wirtschaft zu schützen, argumentierte Soros. Er prophezeite einen Übergang, der nicht leicht werde. Die geringeren Investitionen würden zu geringerem Wachstum führen und könnten dadurch zu einer „harten Landung“ führen.
China habe bereits des Öfteren sein Wachstumsmodell geändert, es gebe keinen Grund zur Annahme, dass das nicht wieder gelinge, so Soros. Ein Problem besteht allerdings: „Die Einzelinteressen sind heute viel stärker, als sie es waren. Das schnelle Wachstum des Schattenbankensektors zeigt, dass der Eigennutz bedeutenden Einfluss auf Banken in Staatsbesitz ausüben konnte“, so Soros.
„Hier tickt eine Zeitbombe“
„Es gibt potenzielle Risiken im Finanzsektor“, musste auch Chinas scheidender Ministerpräsident Wen Jiabao in seinem Rechenschaftsbericht vor dem Volkskongress in Peking zugeben. „Hier tickt eine Zeitbombe“, warnte auch der Repräsentant eines Weltkonzerns mit Milliardeninvestitionen in China. „Das kann nicht gutgehen.“ Ein Finanzkollaps in der zweitgrößten Volkswirtschaft könnte verheerende Folgen für die Weltkonjunktur haben. „Die Frage ist für uns nicht mehr länger, ob Chinas Kreditblase platzt, sondern wann und wie“, schreibt die Schweizer Bank Credit Suisse in einer Analyse.
„Geldbeschaffung und Kreditaktivitäten der Schattenbanken sind überfrachtet mit Unregelmäßigkeiten“, heißt es. „Viele Produkte, die gegenwärtig angeboten werden, gleichen den forderungsbesicherten Schuldverschreibungen (CDO), die in den USA vor der Finanzkrise angeboten wurden - wenngleich ohne Aufsicht und Überwachung“, so die Bank weiter.
„Wenn die Musik aufhört“
Der Chef der Bank of China, Xiao Gang, spricht schon länger von einem „Ponzi-System“ - einem Schneeballsystem oder Pyramidenspiel, das leicht zusammenbrechen kann. „Unter bestimmten Bedingungen kann die Musik aufhören, wenn Investoren das Vertrauen verlieren“, zitierte ihn die Tageszeitung „China Daily“. Die Blase könnte laut Ökonomen schon durch wachsende Inflation platzen, wenn Zinserhöhungen notwendig werden.
Höhere Zinsen könnten Kapitalflüsse auf den Anlage- und Vermögensverwaltungsmarkt austrocknen und Pleiten auslösen, malt die Credit Suisse ein Horrorszenario an die Wand. Müssten reguläre Banken zu Hilfe kommen, wäre Darlehensknappheit die Folge. Die Kreditklemme hätte verheerende Auswirkungen auf den überhitzten Immobilienmarkt und die kommunalen Schulden. „Faule Kredite würden stark ansteigen“ - und damit das System zu Fall bringen.
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