Appell an Glaubensbrüder in Armee
In einem symbolträchtigen Schritt haben Mitglieder der alawitischen Religionsgruppe zum Sturz ihres Glaubensbruders, des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, aufgerufen. Ihren Appell richteten sie am Sonntag gezielt an das syrische Militär, dessen Offizierskorps von Alawiten dominiert wird und deshalb als eine Säule von Assads Machtapparat gilt.
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„Wir rufen unsere Brüder in der syrischen Armee auf, besonders die Mitglieder unserer Gemeinschaft, nicht die Waffen gegen ihr Volk zu erheben und den Eintritt in die Armee zu verweigern“, hieß es in der Erklärung, die bei einem Oppositionstreffen in Kairo verlesen wurde. Es war das erste Mal, dass Alawiten in dieser Form zusammenkamen.
In Assads Machtelite
Alawiten machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung Syriens aus. Die Gruppe ist eine Abspaltung vom schiitischen Islam. Assads Familie beherrscht das Land seit Jahrzehnten und hat zahlreiche Schlüsselposten mit Alawiten besetzt, vor allem in Polizei, Geheimdienst und Armee sind sie stark vertreten. Der seit zwei Jahren anhaltende Aufstand in Syrien wird überwiegend von Sunniten getragen, die sich von der alawitischen Minderheit unterdrückt fühlen.
Zweig der Schiiten
Alawiten verstehen sich als Zweig der schiitischen Glaubensströmung und berufen sich als „Nusairier“ auf ihren angeblichen Gründer Abu Suaib Mohammed ibn Nusair, der im 9. Jahrhundert lebte. Ihr Glaube wird von stark esoterischen Elementen und einer Verpflichtung zur Geheimhaltung charakterisiert. Vor allem strenggläubige Sunniten sehen in den Alawiten keine wahren Muslime.
Vor allem das Massaker von Hama 1982 spielt eine wichtige Rolle. Damals ließ Hafes al-Assad, der Vater Baschars, einen Islamistenaufstand blutig niederschlagen. Mindestens 20.000 Menschen dürften damals niedergemetzelt worden sein. Das Massaker ist insbesondere unter den Islamisten unvergessen, die für den Sturz des Regimes in Damaskus kämpfen.
Furcht vor Verfolgung bei Sturz Assads
Von den Alawiten hieß es seit Beginn des Aufstands, dass sie Assad insofern weiter stützen, als sie bei einem Abdanken des Regimes mit Verfolgung rechnen müssten. Insofern könnte der nunmehrige Aufruf auch ein strategischer Schachzug sein, um rechtzeitig die Seite zu wechseln und sich darauf berufen zu können. Unklar blieb zunächst, ob die Mehrzahl der Alawiten in Syrien tatsächlich hinter dem Appell steht oder ob es sich nur um eine kleine Gruppe von Exilanten handelt.
Neue Querelen in der Opposition
Indes setzt sich der Streit innerhalb der syrischen Oppositionsgruppen fort: Gut vier Monate nach seinem Amtsantritt erklärte der Chef der Syrischen Nationalen Koalition, Ahmed Moas al-Chatib, auf Facebook seinen Rücktritt. „Ich habe unserem großen Volk ein Versprechen gegeben, dass ich zurücktreten werde, wenn eine rote Linie überschritten ist. Heute halte ich mein Versprechen“, schrieb Chatib und übte scharfe Kritik an der Weltgemeinschaft. Diese schaue der seit gut zwei Jahren andauernden Gewalt in Syrien nur zu.
Die wichtigste syrische Oppositionsgruppe lehnte den Rücktritt aber ab: „Die Mitglieder der Generalversammlung der Syrischen Nationalen Koalition nehmen diesen Rücktritt nicht an“, teilte die Organisation am Sonntag mit. Chatib werde „aufgefordert, seine Arbeit als Präsident der Koalition wiederaufzunehmen“. Er werde „die Koalition weiterführen“, hieß es. Auch das Emirat Katar rief ihn zum Verbleib im Amt auf.
Streit über oppositionellen Regierungschef
Der Rücktritt Chatibs kommt wenige Tage nach der Wahl Ghassan Hittos zum oppositionellen Regierungschef für die von den Rebellen in Syrien kontrollierten Gebiete und offenbart Differenzen in der Koalition. Chatib galt als Gegner der Nominierung Hittos. Der langjährige US-Manager Hitto war am Dienstag in einer umstrittenen Wahl in Istanbul zum Interimsregierungschef bestimmt worden. Teilnehmer des Treffens in Istanbul bezeichneten die Wahl Hittos als illegitim. Die Freie Syrische Armee(FSA) der Rebellen erklärte am Sonntag, Hitto nicht anzuerkennen.
Schwere Gefechte im Zentrum von Damaskus
Schwere Explosionen erschütterten am Montag das Zentrum von Damaskus. Rebellen beschossen mit Mörsern ein Gebiet im Umkreis von einem Kilometer um die Residenz Assads, wie Anrainer und Sicherheitskreise berichteten. Die Armee reagierte mit Artilleriefeuer. Es waren mit die schwersten Kämpfe in der Innenstadt von Damaskus seit Ausbruch des Bürgerkrieges vor zwei Jahren.
Die Granaten trafen Sicherheitskreisen zufolge eine belebte Kreuzung, in deren Umgebung auch das Hauptquartier der Armee und die staatlichen Fernsehsender liegen. Das Fernsehen berichtete zudem von Dutzenden Toten nach einem Angriff auf das Opernhaus, das in direkter Nachbarschaft zur Zentrale von Assads Baath-Partei und zum Geheimdienst liegt.
Attentat auf FSA-Führungsmitglied
Ein führendes Mitglied der FSA, Riad al-Asaad, wurde offenbar Sonntagabend bei einem Attentat schwer verletzt. Syrische Oppositionelle berichteten, ein Sprengsatz sei im Auto des Kommandanten detoniert, als er durch die Ortschaft al-Majadin in der östlichen Provinz Deir al-Sor fuhr. Asaad habe eine schwere Verletzung an einem Bein erlitten. Er sei zur Behandlung ins Ausland gebracht worden. Der Oberst hatte 2011 zu den ersten Offizieren gehört, die sich auf die Seite der Gegner Assads schlugen. Zeitweise war er als Befehlshaber der Deserteure in einem Lager in der Türkei ansässig.
Treffen der Arabischen Liga am Dienstag
Die Nationale Koalition wird inzwischen von vielen Staaten als rechtmäßige Vertreterin der syrischen Bevölkerung anerkannt. Für Dienstag ist die Koalition zur Teilnahme an einem Treffen der Arabischen Liga in Katar eingeladen, wie der oppositionelle Botschafter Syriens in Doha, Nisar al-Haraki, mitteilte.
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