Aufruf zu beständiger Wachsamkeit
Der Bestsellerautor, Diplomat und KZ-Überlebende Stephane Hessel ist tot. Er starb laut der Nachrichtenagtur AFP in der Nacht auf Mittwoch im Alter von 95 Jahren. Mit seinem leidenschaftlichen Essay „Empört Euch!“, in dem er zum Protest gegen soziale Ungerechtigkeit und das Finanzmonopol aufrief, sorgte er 2010 für Aufregung.
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Wenn die Reichen die Medien beherrschen, die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter öffnet, dann sei Widerstand angesagt, so Hessel. Nie sei die Macht des Geldes „so groß, so anmaßend, so egoistisch“ gewesen wie heute. Hessel ging nach „Empört Euch!“ mit dem ebenso schmalen Band „Engagiert Euch!“ den nächsten logischen Schritt: „Sich zur Wehr zu setzen, sich aufzulehnen darf natürlich nicht beim Nachdenken oder Benennen aufhören, sondern muss in Aktion münden.“

APA/Herbert Neubauer
Stephane Hessel - ein Mahner, der es nicht beim Mahnen beließ
Hessel, 1917 in Berlin geboren, als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Frankreich ausgewandert, Überlebender des KZ Buchenwald und Diplomat, fand nicht nur in Frankreich begeisterte Leser.
Aufruf zum Engagement
Doch Hessel, Sohn des Dichters Franz Hessel (1880 bis 1941), war kein „Wutbürger“, der sich den Frust vom Leib schreibt, keiner, der in antimoderner Laune im Flugzeug bis an das Ende der Welt fliegen, aber gegen einen neuen Bahnhof zu Felde ziehen würde. Hessel trieb mehr an als Wut - es war die Empörung, die er das Grundmotiv der Resistance nannte. „Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Nazi-Wahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der vielen.“
Buchhinweise
Stephane Hessel: Empört Euch! Ullstein, 29 Seiten, 4,20 Euro.
Stephane Hessel: Engagiert Euch! Ullstein, 61 Seiten, 4,20 Euro.
Hessels Texte waren eine Symptombeschreibung. Er wollte eine Befindlichkeit artikulieren, keine Analyse liefern. Denn auch er spürte: „Boni-Banker und Gewinnmaximierer“ hätten zu viel Macht bekommen, eine neue Ethik sei notwendig. Hessel schrieb gegen die Gleichgültigkeit an, getragen vom Optimismus eines freundlichen Menschenbildes.
Für eine bessere Zukunft
Nach den zwei „Büchlein“, wie Hessel selbst die mittlerweile in 23 Sprachen übersetzten Werke „Empört euch!“ und „Engagiert Euch!“ bezeichnete, legte er 2011 auch ein drittes Buch vor. Unter dem Titel „Le chemin de l’esperance“ („Der Weg zur Hoffnung“) versuchte Hessel gemeinsam mit dem französischen Philosophen Edgar Morin „aus der Empörung herauszukommen und sich die Zukunft vorzustellen“, wie Hessel erklärte.
Radiohinweis
In memoriam Stephane Hessel wiederholt Ö1 am Donnerstag um 21.00 Uhr ein von Michael Kerbler geführtes „Im Gespräch“ aus dem Jahr 2011.
Hessel mit Appellen in Österreich
Mitte Oktober 2011 war Hessel in Wien und forderte die internationale Protestbewegung der „Empörten“ dazu auf, auch politisch aktiv zu werden. Das Engagement der Jugendlichen müsse innerhalb der politischen Parteienlandschaft stattfinden, sagte der damals fast 94-Jährige. Hessel, der im Oktober 2011 auch im Rahmen des „Internationalen Tages des Empörung“ in Graz aufgetreten war, warnte vor der Gefahr, dass sich die Jugendlichen von Politik und Parteien abwenden.
„Wir müssen die Jungen überzeugen, dass, wenn ihnen die Parteien nicht gefallen, sie sich eben in diesen engagieren und sie verändern müssen“, so der ehemalige Resistance-Kämpfer. Nichtregierungsorganisationen wie das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC seien zwar schön und gut, hätten aber keinerlei politischen Effekt, sagte er weiter.
"... müssen nur ein bisschen kratzen"
Er werde von Jugendlichen immer wieder darauf angesprochen, dass die Gefahren früher, in der Zeit von Faschismus und Krieg, leichter zur verstehen gewesen seien, sagte Hessel bei seinem damaligen Wien-Besuch. „Doch die Gefahren sind heute so klar, wir müssen nur ein bisschen kratzen, um herauszufinden, was uns stört.“ Wichtigste Grundwerte, die es zu verteidigen gelte, waren für den Mitautor der UNO-Menschenrechtskonvention die demokratischen Grundwerte, die Verfassung, die Grundwerte des Wohlfahrtsstaates und die Menschenrechte.
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