Skandal weitet sich immer mehr aus
Im Pferdefleischskandal laufen die Untersuchungen der Kontrolleure europaweit mittlerweile auf Hochtouren. Während verdächtige Lebensmittel aus dem Verkehr gezogen werden, gilt es für die Ermittler, einen Einblick in den möglicherweise systematisch organisierten Betrug zu bekommen. Im Zuge dessen tauchen immer mehr neue Firmennamen auf.
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So auch im Fall des am Freitag vom Discounter Lidl aus den österreichischen Regalen entfernte Nudelgericht „Tortelloni Rindfleisch“, bei dem in einer von zwei Proben Pferdefleisch nachgewiesen worden war. Die Behörden hatten zunächst erklärt, das Gericht sei von der in Stuttgart ansässigen Gusto GmbH produziert worden - doch dies erwies sich als falsch.
Fertigung in Liechtenstein
Wie ein Lidl-Sprecher am Samstag mitteilte, fertigt die Hilcona AG das Produkt in Schaan, im Fürstentum Liechtenstein. „Die Rohware dafür stammt von Vossko aus Ostbevern (im deutschen Nordrhein-Westfalen, Anm.) oder dem Schweizer Hersteller Suttero aus Gossau (Schweiz, Anm.)“, sagte er. Gusto heiße die Handelsmarke von Hilcona in Deutschland und in Österreich. Hilcona stehe sowohl mit Vossko als auch mit Suttero „in engem Kontakt und setzt alles daran, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären“, teilte Hilcona am Samstag auf Anfrage mit. Genaueres könne man dazu vorerst nicht mitteilen. Man sei intensiv um Klärung bemüht, versicherte Hilcona-Sprecher Mark Vogelgsang.

Presse- und Informationsamt, Vaduz
Das Hilcona-Werk im Liechtensteiner Schaan - hier wurde „Tortelloni Rindfleisch“ gefertigt
Lieferant Vossko prüft
Der Lieferant Vossko prüft nun seine Ware. „Wir beziehen das Fleisch von mehreren Lieferanten, wir haben alle Lieferanten angeschrieben, und alle haben uns mitgeteilt, dass es keine Vermischung von Fleischsorten gibt“, sagte Vossko-Vertriebsleiter Josef Knappheide am Samstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. „Momentan laufen die Analysen, Ergebnisse liegen uns noch nicht vor.“
179.000 verdächtige Lasagnepackungen
Unterdessen nimmt der Skandal in Deutschland immer größere Dimensionen an: Das deutsche Verbraucherschutzministerium bestätigte am Samstag, dass 179.000 verdächtige Lasagnepackungen nach Deutschland importiert wurden. Sie sollen entgegen den Angaben auf der Verpackung auch Pferdefleisch enthalten haben. Der „Spiegel“ (Onlineausgabe) berichtete unter Berufung auf EU-Lieferlisten, dass knapp 360.000 Packungen Lasagne und Cannelloni von einem verdächtigen Luxemburger Betrieb an den deutschen Lebensmittelhandel geliefert wurden. Aber zuletzt gab es Hinweise, dass auch in Deutschland Hersteller von Fertigprodukten Pferdefleisch verwendeten.
„Große kriminelle Energie“
„Der Betrugsfall nimmt immer größere Dimensionen an. Hier wurde offenbar mit großer krimineller Energie gehandelt“, sagte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Deutsche Politiker forderten schärfere Kontrollen und Strafen im Kampf gegen die Tricksereien mit Fleisch. Die aus dem Ausland importierten verdächtigen Fertigprodukte wurden unterdessen aus den Verkaufsregalen genommen. Sie stammen unter anderem vom französischen Fleischverarbeiter Comigel, der über seine Luxemburger Filiale deutsche Lebensmittelketten beliefert hatte.
Berlakovich fordert „Lebensmittel-Reisepass“
Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) forderte am Samstag Konsequenzen. Konkret will der Minister laut der Tageszeitung „Österreich“ (Sonntag-Ausgabe) beim nächsten EU-Ministerrat Ende Februar einen „Lebensmittel-Reisepass“ beantragen, wie er im Interview betont: „Wir brauchen mehr Transparenz. Derzeit werden Eier, Milch oder Gemüse etc. gekennzeichnet, woher sie kommen. Bei verarbeiteter Kost gibt es das nicht.“ Der Vorschlag des Ministers: „Ein ‚Lebensmittel-Reisepass‘, der Ursprungsorte der Inhaltsstoffe anzeigt. Bei einer Tiefkühlpizza weiß man dann, woher der Teig kommt, woher die Salami und so weiter. Dieser Nahrungsreisepass soll auf dem Etikett angebracht werden.“
Gentests werden für Fahndung eingesetzt
Vertreter der EU-Staaten hatten sich am Freitag darauf geeinigt, bei der Fahndung nach falsch deklariertem Pferdefleisch auf Gentests zu setzen. Zum Schutz von Verbrauchern will Frankreich rasch eine freiwillige Kennzeichnung von Fleisch erreichen, wie Landwirtschaftsminister Stephane Le Foll der Zeitung „20 Minutes“ sagte. In Frankreich ist das Unternehmen Spanghero schwer belastet. Es soll für falsch deklarierte Lieferungen verantwortlich sein. Seit dem Auftauchen der Vorwürfe weist das Unternehmen diese zurück.
Nach Ermittlungen hat Spanghero aber wissentlich solches Fleisch etwa an den Hersteller Comigel verkauft. Dort wurde es verarbeitet und auch nach Deutschland geliefert - zumindest in jenem Umfang, den der „Spiegel“ nennt. Insgesamt soll Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Fleisch von Spanghero hergestellt haben, die an mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern verkauft wurden.
Die EU-Staaten wollen im Pferdefleisch auch nach Rückständen des entzündungshemmenden Medikaments Phenylbutazon fahnden. Diese Substanz war in exportiertem Pferdefleisch aus Großbritannien entdeckt worden. Es ist für den Einsatz bei Tieren, die später verzehrt werden sollen, nicht zugelassen.
Razzien in Großbritannien
In Großbritannien gingen die Untersuchungen in dem Fleischskandal am Samstag unvermindert weiter. Wie die Polizei mitteilte, wurden bei Razzien in drei fleischverarbeitenden Betrieben in London und in Hull in Nordostengland, umfangreiches Probematerial und Computerunterlagen beschlagnahmt. In Bulgarien nahm eine Supermarktkette 86 Kilogramm Lasagne aus dem Verkauf. Wie Landwirtschaftsminister Miroslaw Najdenow am Samstag in Sofia mitteilte, sollen Testproben zur Untersuchung in ein Berliner Labor geschickt werden. Die Lasagne kam aus Frankreich nach Bulgarien.
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