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Zehntausende bräuchten Hilfe

Auf dem Papier existiert in Österreich auch bei psychischen Problemen und Erkrankungen ein lückenloses soziales Netz, das Hilfe gewährleistet. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. 130.000 Menschen in Österreich bräuchten psychotherapeutische Hilfe und bekommen sie nicht, ist man beim Verband für Psychotherapie überzeugt. Doch nun besteht Hoffnung auf ein Umdenken.

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Der Grund für die Hoffnungen der Psychologen und Psychotherapeuten sind die Ansagen des Anfang des Sozialversicherungschefs Hans Jörg Schelling. Er nimmt sich für die nächsten vier Jahre viel vor: Die Konsolidierung der Krankenkassen soll weitergehen, die Gesundheitsreform umgesetzt werden, und - für die Sozialversicherten selbst am wichtigsten - die Leistungen sollen ausgebaut werden, gerade auch bei psychischen Problemen.

Jeder Zehnte ist psychisch krank

Schelling selbst nannte die Hilfe bei Burn-out als konkretes Beispiel. Daten des Sozialministeriums vom Dezember belegen allein auf diesem Feld großen Handlungsbedarf: Demnach fühlen sich 43 Prozent der arbeitenden Bevölkerung jobbedingt „leer und ausgebrannt“. Unbehandelt führt Burn-out oft in eine manifeste Depressionskrankheit. Es geht jedoch nicht allein um Burn-out. Der Bedarf an Hilfe sei noch viel größer, betonten die heimischen Psychotherapeuten in einer Aussendung Anfang des Jahres.

In der Aussendung ließen die Therapeuten Zahlen sprechen: Schon 900.000 Österreicher, also 10,7 Prozent der Bevölkerung, nehmen das heimische Gesundheitswesen wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch. Gemäß den Zahlen erhalten über 92 Prozent dieser Menschen keine andere Hilfe als Psychopharmaka. Nur wenig mehr als sieben Prozent haben umgekehrt derzeit therapeutische Unterstützung. Bei diesen sieben Prozent übernehmen wiederum die Krankenkassen nur ungefähr die Hälfte der Behandlungen.

Hohe Dunkelziffer

Außerdem nimmt nur ein Bruchteil jener, die Hilfe bräuchten, diese Hilfe auch tatsächlich in Anspruch: Noch immer sorgen Angst- und Schamgefühle bei den Betroffenen dafür, dass viele Menschen mit ihrer Last allein sind. Der Verband der Psychotherapeuten schätzt, dass 2,1 Prozent der heimischen Bevölkerung nicht die für sie notwendige Psychotherapie erhalten - viele davon allein deswegen, weil sie das selbst finanzieren müssten und sich das nicht leisten können.

Therapeutische Hilfe kostet viel, vor allem weil es einige Zeit braucht, bis sie greift. Schellings Aussagen seien damit „ein wichtiger Schritt zur erfolgreichen Behandlung psychischer Krankheiten für viele Betroffene, die sich die Behandlungskosten bisher nicht leisten konnten“, betonte der Psychologenverband in einer Aussendung im Februar. Therapie auf Krankenschein bedeute, diesen Menschen „rasch und effizient“ helfen zu können.

Kosten unbehandelter Erkrankungen explodieren

Der sich abzeichnende Sinneswandel bei der Sozialversicherung hat damit auch nicht nur mit Gesundheitspolitik, sondern inzwischen auch mit Kosteneffizienz zu tun: Ein Drittel aller Frühpensionierungen ist inzwischen auf psychische Probleme zurückzuführen, die Krankenstände deshalb nehmen ebenso dramatisch zu. Überdies explodieren die Kosten für Psychopharmaka: Allein im letzten Jahr stieg die Anzahl von Verschreibungen um weitere 5,74 Prozent.

Welche Kosten psychische Probleme und Erkrankungen aus volkswirtschaftlicher Sicht verursachen, ist kaum zu überblicken: Immer wieder wird die Zahl von vier Milliarden Euro pro Jahr genannt. Eine flächendeckende psychologische Versorgung wiederum würde laut der Rechnung der Psychotherapeuten rund 100 Millionen Euro Mehrkosten verursachen - und damit so viel wie der Überschuss, den die Krankenkassen im letzten Jahr erwirtschaftet haben.

Lukas Zimmer, ORF.at

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