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„Was brauchen Sie zum Glücklichsein?“

„Was brauchen Sie persönlich, um richtig glücklich zu sein?“ - diese Frage stellen die Beamten des bhutanischen Glücksministeriums auf ihrer achtmonatigen Reise durch das Land jedem ihrer zirka 7.000 Interviewpartner. Ihre Mission: das Bruttonationalglück ermitteln - also Lebensverhältnisse und Stimmungslagen erforschen, auf deren Basis die Regierung zukünftige Entscheidungen treffen soll.

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Bhutan gehört offiziell zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Die Wirtschaft im Land wuchs jedoch im vergangenen Jahr um mehr als sechs Prozent, der Staat im Himalaya befindet sich in einem Prozess des langsamen Aufbruchs und der Öffnung. Das lässt sich - in einem Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung Bauern aus einfachen Verhältnissen sind - vor allem an der immer größeren Dichte von Mobiltelefonen und Fernsehern erkennen.

„Bruttoinlandsglück“ statt Bruttoinlandsprodukt

Als Jigme Singye Wangchuk, der vierte König der Dynastie, es sich vor Jahren zum Ziel setzte, nicht das Bruttoinlandsprodukt, sondern das „Bruttoinlandsglück“ als Handelsmaxime heranzuziehen, wurde das im Ausland als utopische Fantasterei belächelt. Mittlerweile ist das Streben nach Glück in der Verfassung verankert: „Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen.“ Und in Ansätzen gibt es auch Nachahmer des Projekts im Ausland.

Ein Beamter in Bhutan schreibt neben einem Mann und einem Kind in ein Heft

Thimfilm

Eine Befragung nimmt drei Stunden in Anspruch - Zeit, die sich Bhutaner bereitwillig nehmen. Die Probanden werden per Computer ausgewählt.

„Gibt es in Ihrem Leben viel Unterhaltung?“

Um herauszufinden, was die Menschen glücklich macht, wurde am Centre for Bhutan Studies ein Fragebogen mit 250 Fragen und mehreren hundert weiteren Detailfragen entwickelt. „Haben Sie einen Computer?“, „Gibt es in Ihrem Leben viel Unterhaltung?“, „Wer kümmert sich um Sie, wenn Sie krank sind?“, „Ist die Regierung gut oder nicht?“, „Gibt es Streit im Dorf?“, „Wie lange dauert es zu Fuß, das nächste Spital zu erreichen?“ Mit diesen und vielen weiteren sehr persönlichen Fragen konfrontieren die Glücksforscher etwa 7.000 per Computer ausgewählte Bhutaner.

Der österreichische Dokumtarfilmer Harald Friedl begleitete zwei der fünf Teams von Ministeriumsbeamten zwei Monate lang auf ihrer Reise quer durch das gebirgige Land. Die gesammelten Eindrücke gab er in seiner Doku „What Happiness Is“ wieder.

Moral, Psychologie und Politik

Die Antworten, die die Beamten erhalten, sind entlarvend ehrlich. Sie drehen sich nicht nur um materielle Werte, sondern auch um persönliche und soziokulturelle Probleme. Die Themen reichen von Politik über Spiritualität, Naturbewusstsein, Gesundheit, Psychologie bis Moral. So erzählt ein Mann von seiner ihn ständig begleitenden Wut, die er als Grund dafür sieht, dass seine Kinder „nicht gut zu mir sind“. Eine Frau sieht es als größtes Glück an, dass in ihrem Dorf ein Handymasten errichtet wurde. Eine andere Frau klagt über ihre Einsamkeit. Auf die Frage, ob sie manchmal daran denke, sich selbst umzubringen, antwortet sie mit Ja.

Oft dreht sich die Frage nach dem Glück um Geld und Landbesitz. Noch viel öfter jedoch, so scheint es, um Gesundheit und den Wunsch nach einer guten Ausbildung für die Kinder. In vielen Fällen sind die Probleme der Befragten profaner Natur: Bauern klagen über zu viele Ratten, die ihre Ernte wegfressen, oder Wildschweine, die nachts die Felder verwüsten.

Regisseur Harald Friedl

Thimfilm

Friedl begleitete mit seiner Filmcrew zwei Teams im Auftrag des Glücksministeriums zwei Monate lang auf ihrer Interviewreise durch Bhutan. Was für ihn Glück ist? „Faszination, Liebe, in einer guten Sache völlig aufgehen.“

Buddhistischer Ansatz

Dem Konzept des Bruttonationalglücks liegt die Philosophie des Buddhismus zugrunde, wird in dem Film erklärt. Alle Säulen eines Daches müssen gleich hoch sein. Sind sie es nicht, fällt alles in sich zusammen. Wohlbefinden und Glück wachsen auf einem Geflecht aus materiellen und immateriellen Werten, auf einem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Freizeit. Die Auswertung der Antworten soll politischen Entscheidungen als Grundlage dienen, so lautet der Plan.

Im Dienste des Bruttonationalglücks werden aber auch drakonische Maßnahmen erlassen. So hat Bhutan etwa das strengste Anti-Raucher-Gesetz der Welt, um der Bevölkerung beim Loswerden von Süchten zu „helfen“ und so auch das landesweite Glück durchzusetzen. Der Konsum von 200 Zigaretten bzw. äquivalenten Mengen an Tabak pro Monat ist Bürgern von Bhutan gestattet, Tabakkonsum darüber hinaus wird mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren geahndet.

Glücksstreben als Vorzeigemodell?

Die Idee, persönliches Glück von staatlicher Seite aus stärker in den Vordergrund zu stellen, wurde mittlerweile in mehreren Ländern zumindest ansatzweise aufgegriffen. Das indigene Prinzip des „Sumak kawsay“ (gutes Leben) wurde etwa 2008 in die ecuadorianische Verfassung und 2009 in die bolivianische Verfassung aufgenommen. Auch in Deutschland denkt man darüber nach, welcher Barometer anstelle des Bruttoinlandsprodukts eine ganzheitlichere Aussage über den Fortschritt des Landes treffen könnte.

In der Steiermark startete 2009 an Pflichtschulen ein Pilotprojekt, in dem „Glück“ als Unterrichtsfach auf dem Stundenplan stand. Und begleitend zum Film wird auf dem Blog whathappinessis versucht, das Bruttonationalglück Österreichs zu ermitteln. Ob es künftig auch in Österreich ein Glücksministerium geben wird und Beamte mit dicken Fragebögen an die Haustüren klopfen werden, ist freilich unklar.

Petra Fleck, ORF.at

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