Eisschmelze im Zeitraffer
Überschwemmungen, Brände, Tornados, Dürren: Die Dokumentation „Chasing Ice“ beginnt mit einer Aneinanderreihung von verheerenden Naturkatastrophen, die ihren Ursprung in der globalen Klimaerwärmung haben sollen. Doch nirgendwo werden die Auswirkungen sichtbarer als bei Gletschern.
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Alles begann für den Naturfotografen James Balog 2005 mit einer Reise nach Island. Dort sollte er für das Magazin „National Geographic“ Aufnahmen von den Gletschern machen. Völlig überrascht von dem unerwarteten Ausmaß der Gletscherschmelze, verschrieb er sich daraufhin voll und ganz der Aufgabe, die Veränderungen von Gletschern auf der ganzen Welt in Bildern festzuhalten.

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Wird diese Eislandschaft bald nur noch in der Erinnerung existieren?
Aufnahmen im Halbstundentakt
2007 initiierte er die „Extreme Ice Study“, eine der bisher größten und umfangreichsten Dokumentationen, die die Gletscherschmelze vom Boden aus festhalten. Dafür stellte er Kameras für Zeitrafferaufnahmen bei 18 Gletschern in Grönland, Island, Alaska, Kanada, den USA und im Himalaya auf. Das Projekt wurde ständig erweitert, 2010 wurde eine Kamera auf dem Mount Everest installiert, und auch in Bolivien und den Schweizer Alpen entstanden Bilder. Jede halbe Stunde wurde dabei eine Aufnahme gemacht, 356 Tage im Jahr.
Ein Teil der Aufnahmen ist die Grundlage für den Dokumentarfilm „Chasing Ice“, der derzeit in den US-Kinos läuft und im Jänner auch in die europäischen Kinos kommt. Regisseur Jeff Orlowski schaffte es, aus der Unmenge an Material einen eindrucksvollen Film zusammenzustellen, der gerade wegen der großartigen Aufnahmen nachdenklich stimmt. Balog bringt die Lage selbst am besten auf den Punkt, als er beim Warten einer Kamera den Memory Stick in die Höhe hält und sagt: „Darauf ist die Erinnerung an eine Landschaft. Eine Landschaft, die nun verschwunden ist und nie wieder in der Geschichte der Zivilisation zurückkommen wird.“

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Die rote Linie zeigt die ursprüngliche Höhe des Gletschers
Der Aufwand, den das Team betreibt, ist dabei oft ähnlich extrem wie die Landschaft, in der es sich bewegt. Viele Kameras werden in absolut lebensfeindlichen Umgebungen fixiert. Sie müssen Kälte, Nässe und Stürmen standhalten, und nicht selten stellt sich bei den regelmäßigen Kontrollen heraus, dass die Bilder unbrauchbar sind. Im Zentrum all dieser Bemühungen steht Balog selbst, als unermüdlicher Kämpfer gegen den Klimawandel.
Wie Eiswürfel in der Sonne
Dabei stößt der 60-Jährige auch an die Grenzen seiner Kraft. Auf seinen Expeditionen verletzt er sich schwer am Knie und kann nur noch unter starken Schmerzen gehen. Unmittelbar nach der Operation bricht Balog gegen den Rat seiner Ärzte mit Krücken wieder zu seinen Kameras auf. Und die Reise dorthin ist mitunter waghalsig, denn um besonders eindrucksvolle Bilder zu bekommen, werden die Kameras an fast unmöglichen Stellen fixiert: auf Felsspitzen oder tief im Inneren von Gletscherzungen.

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„Chasing Ice“ wurde 2012 beim Sundance Film Festival erstmals vorgestellt
Die spektakulären Zeitrafferaufnahmen zeigen dann Gletscher, die wie Eiswürfel in der Sonne schmelzen. Einer der Gletscher schrumpfte in nur 20 Jahren um fast 370 Meter - das ist in etwa die Höhe des Empire State Building. Der Großteil der Bilder ist nicht älter als drei Jahre, doch die Veränderung der Landschaft verblüfft nicht nur die Zuseher. „Hätte ich nicht die Bilder, ich würde es selbst nicht glauben“, sagt Balog sichtlich schockiert in die Kamera. Dabei war Balog selbst einmal ein Skeptiker in Bezug auf den Klimawandel, doch die Geschwindigkeit, mit der das Eis zurückgeht, hat auch ihn überzeugt.
Kalbende Gletscher hautnah
Die eindrucksvollsten Aufnahmen gelangen Balog und seinem Team in der Arktis - einer der wohl am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen. Seit 1979 ging das Eis dort um 13 Prozent zurück, spätestens im Jahr 2100 dürfte die Arktis im Sommer komplett eisfrei sein, warnen Klimaexperten. Auch wenn die Gletscher in der Vergangenheit immer wieder zurückgingen und wuchsen, könne das, was er in der Arktis aufgezeichnet habe, kein natürlicher Prozess sein, ist Balog überzeugt.
Auch das Highlight der Dokumentation entstand in der Arktis. Zwei Wissenschaftler warteten dort mehrere Tage lang auf das vorhergesagte Kalben eines Gletschers. Und ihre Bemühungen wurden mehr als belohnt. Sie wurden Zeugen davon, wie eine „Fläche in der Größe von Lower Manhattan“ ins Meer stürzte. Die Aufnahmen gingen um die Welt - eingebettet in die Dokumentation sind sie jedoch mehr als nur ein Naturspektakel. Sie sind ein weiterer Puzzlestein zu einem fatalen Bild: die globale Erderwärmung ist kein Schauermärchen, sondern längst Realität.
Gabi Greiner, ORF.at
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