Nicht der erste Tote
Die Affäre ist schon längst zum Sittenbild Russlands geworden: Korrupte Beamte, Millionen auf Schweizer Konten und nun ein weiterer mysteriöser Todesfall, der an die Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko 2006 in London erinnert. Der russische Geschäftsmann Alexander Perepilitschny wurde im britischen Weybridge tot gefunden. Er war Kronzeuge gegen einen russischen Korruptionsring.
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Der 44-jährige Perepilitschny brach am 10. November auf seinem Luxusanwesen tot zusammen - bisher gibt es keine Hinweise auf die Todesursache. Der britische „Independent“ berichtete am Mittwoch, dass nun die Polizei ein Fremdverschulden prüft. Eine Obduktion inklusive toxikologischer Untersuchung steht noch aus.
Anwalt starb im Gefängnis
Perepilitschny soll heikle Informationen für einen Fall besessen habe, der seit Jahren für etliche Wirtschaftsprozesse, aber auch politisches Aufsehen sorgt. Und es ist nicht der erste Todesfall in der Causa: Der britische Abgeordnete Dominic Raab spricht vom bereits vierten mysteriösen Tod in der Affäre. Der prominenteste davon war der des russischen Anwalts Sergej Magnizki.
Er hatte für den Investmentfonds Hermitage Capital Management gearbeitet und ein Komplott zur Veruntreuung öffentlicher Gelder publik gemacht, an dem auch russische Beamte beteiligt waren. Die Behörden verfolgten ihn daraufhin wegen angeblicher Steuervergehen.
Internationale Empörung
Magnizki starb im November 2009 nach zehn Monaten Untersuchungshaft in einem Moskauer Gefängnis. Laut einem offiziellen russischen Untersuchungsbericht starb er durch gezielte Schläge, die ihm Beamte im Gefängnis zufügten. Ärztliche Hilfe sei ihm verweigert worden. Auf der Website Russian Untouchables versuchen Freunde Magnizkis die Hintergründe des Todes zu ergründen.
Der Tod des Juristen löste auch internationale Empörung aus und wird von Kritikern als Symbol für Korruption und miserable Haftbedingungen in Russland gesehen, wie es auch EU-Ratspräsident Herman van Rompuy ausgedrückt hat.
Hermitage Capital war einer der größten Investoren in Russland. Der britische Chef des Unternehmens, Bill Browder, fiel dann offenbar in Ungnade, ihm wurde 2005 die Einreise nach Russland verboten - aus nicht näher genannten Gründen. Browder heuerte Magnizki an, um einen handfesten Korruptionsskandal aufzudecken.
Komplizierter Millionenbetrug
Die Anschuldigungen klingen abenteuerlich: Das Unternehmen warf den russischen Behörden vor, sie hätten bei einer Razzia Dokumente entwendet und mit diesen drei Tochterfirmen auf andere Eigentümer umgemeldet. Dann seien zunächst Forderungen in der Höhe des Jahresgewinnes gegen diese Tochterfirmen geltend gemacht und von falschen Anwälten anerkannt worden, woraufhin die gesamte Steuerleistung des Vorjahres als Steuerrückvergütung eingefordert wurde - immerhin 230 Mio. Dollar (180 Mio. Euro).
Diese Rückforderung sei von den russischen Behörden auch anstandslos anerkannt und innerhalb weniger Tage ausbezahlt worden. Dann, so die Anschuldigung von Hermitage, sei das Geld über die kleine russische Universal Savings Bank umgewechselt und ins Ausland geschafft worden. Der mehrfach wegen Betrügereien vorbestrafte Eigentümer der Bank, Dimitri Kljujew, ist offenbar auch der Namensgeber für den Korruptionsring, der als Kljujew-Gruppe bekannt ist. Die Bank wurde sofort nach dem Betrug liquidiert, sämtliche Unterlagen verbrannten bei einem Lkw-Unfall.
Spur auch nach Österreich
Der Fall - einige Medien sprechen vom „russischen Verbrechen des Jahrhunderts“ - beschäftigt seitdem Gerichte auch in der Schweiz, Zypern, Finnland, Estland, Litauen, Lettland - und Österreich. Auch über Konten der Raiffeisen Zentralbank (RZB) soll Geld reingewaschen worden sein. Die RZB dementierte, die heimische Finanzmarktaufsicht fand dafür keine Hinweise. Auch das Landesgericht Wien lehnte eine Wiederaufnahme eines Verfahrens ab, wie das „profil“ im Februar berichtete.
In der Schweiz wird allerdings seit dem Vorjahr ermittelt. Von Luxusimmobilien der Verdächtigen in Dubai und Montenegro ist die Rede. Eine der Hauptverdächtigen ist die ranghohe Moskauer Finanzbeamtin Olga Stepanowa. Die USA haben sie und weitere 60 angeblich verwickelte Personen, darunter auch Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB, auf eine Einreiseverbotsliste gesetzt.
Perepilitschny wechselte die Seite
Der nun verstorbene Perepilitschny soll als ehemaliges Mitglied belastende Dokumente gegen die Kljujew-Gruppe in der Hand gehabt haben und deswegen nach Großbritannien geflohen sein. Browder gab an, der Russe habe ihn vor einem Jahr kontaktiert und angegeben „auszupacken“. Die Staatsanwaltschaft in der Schweiz bestätigte am Donnerstag, von Perepilitschny Informationen für ihre Ermittlungen erhalten zu haben. Laut „Independent“ habe er Briefkastenfirmen und Konten genannt. Die Behörden glauben nicht, dass sein Tod die weiteren Ermittlungen erschwert.
Russland spielt alles herunter
In Russland sieht man das freilich anders. Der „Independent“ zitiert zwei Behördensprecher, die keinen Zusammenhang der Tode von Perepilitschny und Malizki sehen. Die beiden hätten nichts miteinander zu tun gehabt, heißt es. Allerdings haben offizielle Stellen auch eine eher merkwürdige Erklärung für den äußert komplizierten Millionenbetrug.
Der sei damals von zwei Kriminellen durchgeführt worden, die jeweils zu fünf Jahren Haft verurteilt wurden: Viktor Markelow und Watscheslaw Chlebnikow, zwei Männer mit beeindruckenden Vorstrafenregistern. Kritiker meinen, sie seien wohl lediglich Strohmänner.
Unterstützt wurden sie - so die russische Justiz - von drei weiteren Männern, die allesamt mittlerweile verstorben sind. Einer starb an einem Herzinfarkt schon vor der Tat, Waleri Kurotschkin wurde 2008 tot auf einem Flughafen in der Ukraine gefunden, er starb - offiziell - an einer Zirrhose. Semjon Korobeinikow stürzte im selben Jahr vom Balkon seines neu gekauften Penthouse.
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