Themenüberblick

Alle drei Monate ein Todesfall

Europas größtes Stahlwerk Ilva in der süditalienischen Stadt Taranto ist seit Monaten wegen gesundheitsgefährdender Emissionen im Visier der Justizbehörden. Demnach wurden wesentliche Umweltauflagen nicht erfüllt, so dass unter anderem Dioxin jahrelang ausgestoßen wurde. In einigen Vierteln Tarantos werde alle drei Monate ein Todesfall gemeldet, der auf die Emissionen zurückzuführen sei.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Der Umweltschutzverband Legambiente rührt die Kriegstrommel: „Die Emissionen des Stahlwerks sind für die Gesundheit der Menschen und für die Umwelt dramatisch. Das geht aus unseren Untersuchungen klar hervor“, kommentierte der Verband.

Hohe Krebs- und Sterberate

Die Sterberate in der Hafenstadt sei bei Männern um durchschnittlich 14 Prozent und bei Frauen um acht Prozent höher als im Rest der Region. Die männlichen Bewohner der Stadt Taranto erkranken 30 Prozent häufiger an Tumoren als Einwohner im Rest der Provinz, bei Frauen liegt dieser Prozentsatz bei 20 Prozent, geht aus einer Studie des römischen Gesundheitsinstituts über die Auswirkungen der Emissionen des Stahlwerks in den Jahren 2003 bis 2009 hervor.

Bei den Frauen in Taranto sei die Krebsrate je nach Tumorenart zwischen 24 und 100 Prozent höher als im nationalen Durchschnitt. Bei Männern liege die Möglichkeit, in Taranto an Krebs zu sterben, um bis zu 419 Prozent höher als im Rest Italiens. Bei Kindern sei die Todesrate im ersten Lebensjahr höher als in den anderen italienischen Regionen.

Die meisten Todesfälle, die auf die Emissionen des Stahlwerks zurückzuführen seien, wurden in Stadtvierteln unweit der Fabrik gemeldet. Die Emissionen würden mehrere Metalle enthalten, die für die Gesundheit äußerst schädlich seien.

Appell zum Schutz der Bevölkerung

Das Ilva-Werk in Taranto ist das größte Stahlwerk Europas. Mehr als 20.000 Arbeitsplätze hängen von dem Standort ab, der neun der 28 Millionen Tonnen Stahl produziert, die jährlich in Italien hergestellt werden. Die Richterin Patrizia Todisco hatte Ende Juli angeordnet, Teile des Werks wegen mutmaßlicher schwerer Umwelt- und Gesundheitsschäden zu schließen. Dagegen wehren sich jedoch Gewerkschaften und Arbeitnehmer.

Ein im Auftrag des Gerichts erstelltes Gutachten hatte bereits im vergangenen Jahr ergeben, dass das Werk hohe Mengen Dioxin und anderer umwelt- und gesundheitsschädlicher Stoffe freisetzt. Das habe zu einer hohen Zahl von Krebs-, Herz- und Luftweg-Erkrankungen in der Bevölkerung und bei den Arbeitern geführt.

„Aus den Ergebnissen geht klar hervor, dass die Gesundheit der Bevölkerung in Taranto durch die Emissionen schwer belastet ist“, heißt es im Bericht. „Man muss sofortige Maßnahmen zum Schutz der Ilva-Arbeitnehmer und der Bevölkerung ergreifen. Man kann nicht verlangen, dass ein Arbeitnehmer des Stahlwerks bis 70 Jahre arbeitet. Nicht alle Berufe sind gleich, man muss diejenigen berücksichtigen, die körperlich besonders belastend sind“, meinte der Bürgermeister von Taranto, Ippazio Stefano.

Konzern: Schließung unabwendbar

Nachdem sechs Abteilungen des Werks schon im Juli geschlossen worden waren, wurde unterdessen das gesamte Werk geschlossen. Grund dafür waren sieben Haftbefehle gegen Ilva-Manager - darunter auch der Vizepräsident des Konzerns, Fabio Riva, Sohn des Firmengründers Emilio Riva, der seit dem 26. Juli unter Hausarrest steht.

Ilva erklärte in einer Presseaussendung, dass die Schließung des Werks in Taranto unabwendbar sei. Sie werde auch Folgen auf die anderen Ilva-Werken in Italien haben, teilte das Management mit. Aus Angst um ihre Arbeitsplätze waren in den vergangenen Monaten Tausende Beschäftigte auf die Straße gegangen.

Links: