China als „Zeitbombe“
Die Probleme der Stahlbranche werden immer größer: Schwankende Rohstoffpreise, schwache Wirtschaftsaussichten und harte Umwelt- und Emissionsauflagen machen den Stahlkochern zu schaffen. Ein Teil der Probleme ist aber auch hausgemacht - die Branche produziert nach Einschätzung zahlreicher Experten viel mehr Stahl, als benötigt wird.
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Die Folge ist ein beinharter Preiskampf. Vor allem über China gibt es Unmut. Das Land hat sich in den vergangenen Jahren im Zuge des rasanten Wirtschaftsaufschwungs zum mit Abstand größten Stahlhersteller der Welt entwickelt, fast die Hälfte der globalen Rohstahlproduktion von rund 1,5 Milliarden Tonnen im vergangenen Jahr kam von dort. Von den rund 683 Millionen Tonnen Rohstahl, die nach offiziellen Zahlen im vergangenen Jahr in China herstellt wurden, gelten Branchenkennern aus Europa zufolge rund 200 Millionen Tonnen als Überproduktion.
Angst vor Werksschließungen
Angst vor Unruhen, die bei massenhaften Werksschließungen drohen könnten, verhindern nach Ansicht von Beobachtern einen Abbau der Überkapazitäten. Während es nur ganz langsam gelingt, veraltete Anlagen abzuschalten, werden parallel neue Werke gebaut. „Wir sehen, dass es den Versuch gibt, die Überkapazitäten zu kontrollieren“, sagt der Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff. Nun müssten den Beteuerungen aber Taten folgen, fordert der Experte.
Viele europäische Manager halten China längst für eine tickende Zeitbombe. „Wenn zu viel von diesem Stahl auf den Markt kommt, entsteht eine Gefahr für die Stabilität der Weltstahlmärkte“, sagt Kerkhoff. Denn wenn die erheblichen Infrastrukturprojekte einmal abgeschlossen sind, könnte der ganz große Crash kommen.
Das versucht die chinesische Regierung freilich zu vermeiden. Angesichts des sich abkühlenden Wirtschaftswachstums kündigte sie bereits neue Konjunkturprogramme an. So verschiebt sich das Problem in die Zukunft. Bereits jetzt überschüssige Stahlmengen versucht China zu exportieren - vor allem ins benachbarte Ausland. Damit verdirbt das Land dort die Preise. Europa ist davon noch verschont - was auch an der Wirtschaftskrise in den südlichen Ländern liegt.
Voest-Chef: Marktbereinigung nötig
Diese Krise legt nach Ansicht von Wolfgang Eder - Chef des österreichischen Voestalpine-Konzerns und zugleich Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer - auch in Europa strukturelle Probleme offen. Er spricht sich für eine Marktbereinigung aus - es gebe einen Überhang von 50 Millionen Tonnen. Um diesen zu beheben, sollte die Branche sich mit Hilfe der EU zu einem geordneten Schrumpfen durchringen.
Das freilich lehnen die deutsche Konzerne ThyssenKrupp und Salzgitter ab. Ihnen geht es aber auch dank der bislang robusten deutschen Wirtschaft noch vergleichsweise gut. In Deutschland liegt die Stahlproduktion sogar wieder etwa auf dem Niveau vor der Finanzkrise 2008. In der gesamten EU dagegen dürfte die Nachfrage auch 2013 nach Schätzungen des Weltstahlverbandes im kommenden Jahr noch 20 Prozent darunter liegen.
Frankreich und Italien bangen um Jobs
Vor allem in Südeuropa sieht es katastrophal aus. Die Wirtschaft - vor allem die stahlintensive Baubranche - liegt am Boden. Dem Vernehmen nach versuchen die Unternehmen aus dem Süden einen Teil ihrer Mengen weiter im Norden loszuwerden - das setzt die Preise unter Druck. Die zuletzt sinkenden Rohstoffpreise konnten das kaum wettmachen. Die Folge sind einbrechende Gewinne.
Erste Ansätze zum Schließen von Anlagen stoßen auf erheblichen Widerstand. In Frankreich hat sich Präsident Francois Hollande in den Kampf um eine Anlage von ArcelorMittal im lothringischen Florange eingeschaltet. Proteste gibt es in Süditalien gegen die von Behörden wegen massiver Umwelt- und Gesundheitsbelastungen verfügte Schließung des Stahlwerks Ilva in Taranto. Dort arbeiten 11.500 Menschen.
Erik Nebel, dpa
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