Babys, Bratwurst und andere Hoppalas
Der US-Präsidentschaftswahlkampf ist in vielerlei Hinsicht Ritual und folgt zahlreichen ungeschriebenen Regeln. Dutzende Journalisten fahren monatelang im Schlepptau der Kandidaten quer durch die USA und begleiten sie überallhin - vom Townhall-Meeting bis zum Besuch beim lokalen Diner.
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Sie versuchen dabei mehr oder weniger erfolgreich, den Wahlkampf des jeweiligen Kandidaten möglichst originell darzustellen. Der Blick hinter die Kulissen, der Versuch, Widersprüche zwischen Realität und Wahlkampfauftritten und damit das wahre Gesicht des Kandidaten aufzuzeigen bis hin zum hinter den Kulissen (angeblich) ständig stattfindenden Kampf um Scoops (Exklusivgeschichten): All das ist längst fixer Bestandteil von Hollywood-Filmen über die Politwelt von Washington D.C. - und damit ein unmissverständliches Zeichen für die Bedeutung dieser politischen Wahlkampf-Mythologie. Und die „Echokammer Hollywood“ verstärkt deren Wirkung noch weiter. Folglich kann sich kein Präsidentschaftskandidat, auch nicht jene des Jahres 2012 - Barack Obama und Mitt Romney -, diesen Regeln und Traditionen entziehen.

Reuters/Brian Snyder
Das Märchen vom süßen Baby: Seit Jahrzehnten ein Muss ist es, dass der Präsidentschaftskandidat Babys, die ihm vom Wahlvolk bei einer Veranstaltung über den Kordon an Sicherheitsleuten hinweg gereicht werden, herzt. Das vermittelt idealerweise das Bild eines freundlichen, auf Menschen zugehenden Kandidaten. Doch dieses Ritual geht zwangsweise ungefähr so oft daneben, wie es glückt.

Reuters/Jason Reed
Romneys Trost: Auch seinem Kontrahenten Obama ergeht es kaum besser. Ein Youngster nutzt den Ritt auf Obamas Armen dazu, gleich dessen Zähne genauer zu inspizieren - und natürlich hatte mindestens ein Pressefotograf rechtzeitig den Finger am Drücker, um den beschränkt begeisterten Gesichtsausdruck des US-Präsidenten festzuhalten. Und schon war das so schön geplante öffentlichkeitswirksame Foto mit der Familie eines US-Marines perdu.

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Ein besonders beliebtes Fotomotiv sind natürlich Hoppalas jeder möglichen Art - wie hier etwa die überraschte Reaktion eines Schulmädchens, als es realisiert, wie nahe der republikanische Präsidentschaftskandidat vor ihr ihr gleich mit seinem Hintern kommen wird.

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Auch die Vizepräsidentschaftskandidaten sind derzeit ständig auf Wahlkampftour. Obamas zweiter Mann, Joe Biden, ist bekannt - und in der eigenen Partei gefürchtet - für seine joviale und offene Art. In einem Diner in Ohio wurde Biden bei einem kurzen „Wahlkampf-Flirt“ fotografiert. Anders, als es dem Foto nach den Anschein hat - es sorgte im Netz rasch für einiges Aufsehen - sitzt die Bikerin freilich nicht auf Bidens Schoß. Denn das würde schwer gegen eine der obersten Wahlkampfregeln verstoßen: Alles muss familientauglich sein.

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Genau diesem Klischee wird Bidens Kontrahent, Romneys „Running Mate“ Paul Ryan gerecht. Auch er übt sich seit Monaten ständig in der Königsdisziplin des US-Wahlkampfs: „Pressing the flesh“ (wörtl. übersetzt: „Fleisch drücken“, gemeint ist damit der ständige Versuch, auf Tuchfühlung mit den Wählern zu gehen, Anm.) - in diesem Bild mit einer begeisterten Pensionistin. Schwer zu sagen, wer hier das Opfer und wer der Täter ist ...

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„Pressing the flesh“ passiert nicht nur auf der Straße, sondern vorzugsweise auch in Geschäften, Imbissständen oder Lokalen. Da muss dann die jeweilige lokale Spezialität verkostet werden, immer mit dem Risiko des Sich-Anpatzens. Obamas Wahlkampfmanager haben offenbar großes Vertrauen in die Esskünste ihres Kandidaten.

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Romneys Team geht dagegen bei einer Messe in Des Moines, Iowa, auf Nummer sicher. Mit Schwein am Stiel und Serviette, ist das Risiko überschaubar.

Reuters/Jason Reed
Obama nimmt das Risiko bei anderer Gelegenheit nochmals auf sich und kauft auch ein Eis, ebenfalls in Iowa übrigens.

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Bei all den riskanten Esseinsätzen macht es wohl beinahe Spaß, mal andere öffentlich beim Essen zu stören - Obama lässt sich mit einem Gast eines Restaurants in Boulder, Colorado, verewigen.

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Auch Romney ist es sichtlich lieber, im Restaurant einen schrägen Vogel zu umarmen, als schon wieder öffentlich zu essen.

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Ausgerechnet ein bekennender Republikaner lässt den demokratischen Präsidenten dann Höhenluft schnuppern: Pizzeria-Betreiber Scott Van Duzer stemmt den nicht gerade kleinen Obama in die Höhe - und will nachher sogar Obama wählen. Nicht nur drücken, auch gedrückt werden, ist ein Erfolgsrezept im US-Wahlkampf.