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„Nase voll“ von Werbelinks

Soziale Medien spielen im US-Wahlkampf spätestens seit dem Jahr 2008 eine enorme Rolle. Weder Präsident Barack Obama noch sein konservativer Kontrahent Mitt Romney können auf Auftritte auf den Plattformen Twitter, Facebook, Pinterest und selbst dem Musikstreamer Spotify verzichten. Die Omnipräsenz auf diesen Kommunikationskanälen könnte sich jedoch als negativ erweisen.

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Gegenüber dem Wahlkampf von 2008 haben Obamas Strategen in puncto Social-Media-Aktivitäten einen Zahn zugelegt. Vor allem in den letzten Wochen vor der Wahl wurden Maßnahmen weiter intensiviert - auch aufseiten der Republikaner.

AdWords, Videospiel-Werbung, Facebook-Inserate

Unzählige Familienbilder der Kandidaten kursieren im Internet, die Kampagnenteams platzieren Werbebotschaften, wo immer User bestimmte Schlagwörter wie zum Beispiel „Debatte“ erwähnen (AdWords). Selbst vor Videospielen wird nicht Halt gemacht - Obamas Werbebotschaften erschienen etwa beim beliebten Spiel Tetris.

Bei den Demokraten setzt man außerdem auf bezahlte Artikel, die in der Neuigkeitenliste von Facebook-Usern aufscheinen - ganz egal, ob diese das möchten oder nicht. Das scheint bei vielen Wählern auch zu wirken: Obamas Facebook-Seite erlebte in den vergangenen Tagen einen wahren Boom - mehr als eine Million „Likes“ erntete der demokratische Präsidentschaftskandidat an nur einem Tag. Bisher lagen die Werte bei etwa 30.000, wie die britische BBC berichtet. Auslöser dafür ist eine ausgeklügelte Social-Media-Kampagne.

Gewünschter Effekt schlägt um

Doch war seine Mobilisierungskampagne via Web 2.0 2008 noch auf immenses Lob gestoßen - weil er damit vor allem viele Erstwähler ansprach -, warnen Beobachter nun davor, dass die jetzige Strategie nach hinten losgeht. Potenzielle Wähler könnten durch die praktisch überall platzierte Werbung eher verärgert als Obama-freundlich gestimmt werden, heißt es bei der BBC.

In einer Umfrage unter mehr als 1.500 US-Bürgern gaben 70 Prozent an, dass Werbeanzeigen von Kandidaten, die sie bereits unterstützen, die Wahrscheinlichkeit verringern, dass sie den Kandidaten auch tatsächlich wählten. Die Reaktionen auf die massive Werbung im Internet spiegeln das wieder: „Ich habe die Nase voll von diesen Obama-Inseraten auf meiner Facebook-Seite“, schreibt etwa ein User exemplarisch für viele weitere, die sich in ihrer Privatsphäre gestört fühlen.

Im Wahlkampfteam des Präsidenten lässt man sich dadurch nicht einschüchtern - Kampagnenmanager Jim Messina sprach diese Woche von der „größten und innovativsten Grass-Root-Kampagne in der Geschichte der US-Politik“.

„Rote Linie“ nicht überschreiten

Sandra Gonzales-Bailon vom Oxford Internet Institute (OII) sagte gegenüber der BBC, dass den Politikern, die Social Media für ihre Zwecke nutzen, in puncto Privatsphäre eine „rote Linie“ bewusst sein sollte, die nicht überschritten werden darf. Gonzales-Bailon ist der Ansicht, dass sich Social-Media-User an diese Art der Kampagnisierung womöglich erst gewöhnen müssten. „Früher hat es physische Plätze gegeben, wo Menschen über Politik diskutierten - jetzt wurde die Öffentlichkeit neu gestaltet“, so Gonzales-Bailon.

Als ein noch krasseres Beispiel für den Eingriff in die Privatsphäre von Politikern nennt sie den italienischen Ex-Premier Silvio Berlusconi, der 2004 die Bevölkerung via Massen-SMS zur Wahl aufgerufen hatte.

Romneys peinliche „Google Bombe“

Mit ebenfalls negativer Resonanz, aber aus ganz anderen Gründen, hat derzeit Obamas Kontrahent Romney zu kämpfen: Wer in der Google-Bildersuche nach dem Ausdruck „completely wrong“ sucht, erhält auf den ersten Seiten beinahe ausschließlich Bilder von Romney als Ergebnis. US-Medien ätzen bereits über eine „Google-Bombe“.

Bei Google weist man zurück, dass es sich dabei um eine konzertierte Aktion handelt, wie das in den vergangenen Jahren bereits vorgekommen war. Dies sei das Ergebnis des Suchalgorithmus - die „Bombe“ eine ganz natürliche. Denn unzählige Medien hatten über Romneys Sager berichtet, er sei bei seiner Aussage, „47 Prozent“ der US-Wähler seien für ihn ohnehin verloren, „completely wrong“ gewesen. Die Einbindung von Bildern in diese Artikel ließ die Fotos von Romney in der Bildersuche unverhofft und ungewollt derart prominent werden.

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