Ein Highway als Einbahnstraße?
Karoly Kernstok, Bela Czobel, Robert Bereny, Ödön Marffy, Lajos Tihanyi, Dezsö Orban, Bertalan Por und Dezsö Czigany: Ungarns Vorreiter der Moderne sind heute weitgehend unbekannt. Eine neue umfassende Ausstellung im Bank Austria Kunstforum widmet sich nun unter dem Titel „A Nyolcak. Ungarns Highway in die Moderne“ der Gruppe Die Acht.
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Das kaiserliche Wien und das königliche Budapest waren um die Jahrhundertwende alles andere als glückliche Schwestern im Konstrukt der Doppelmonarchie. So verwundert es weiter nicht, dass sich die jungen Künstler Ungarns nur wenig für die (im Klimt-Jubiläumsjahr ausgiebig in Ausstellungen gefeierte) Wiener Moderne rund um Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Egon Schiele interessierten, sondern vielmehr nach München, vor allem aber nach Paris strebten.
So auch die späteren Mitglieder der Gruppe Die Acht: Sie studierten in Paris bei Henri Matisse, Paul Cezanne, Pablo Picasso und Georges Braques und, das wird im Kunstforum deutlich, ließen stark beeindruckt die akademische Tradition hinter sich. Ihre Werke sind, aus heutiger Sicht, sicherlich interessant im kunsthistorischen Kontext, in der künstlerischen Qualität im Europavergleich wohl auch weiterhin keine Meisterleistung.
Gemeinsame Neugier auf neue Sichtweisen
„Es ging ihnen darum, vom Sentiment der Jahrhundertwende wegzukommen“, erzählt Kuratorin Evelyn Benesch. „Sie wollten mit Konzepten arbeiten, nicht mit Emotionen.“ Um die acht sehr verschiedenen Künstler, die nur ihre Lehrjahre in Paris, der Wille zur Überwindung des Althergebrachten und die Neugier auf neue Sichtweisen einte, scharte sich „ein weiter intellektueller Zirkel“, der von Philosophen wie György Lukacs bis zu Komponisten wie Bela Bartok reichte.

VBK, Wien, 2012
Robert Bereny „Frau mit Glas“, 1905
Die Aufbruchstimmung verschaffte sich explosionsartig in einer ersten gemeinsamen Ausstellung „Uj Kepek“ („Neue Bilder“) in Budapest Luft, in der gerade 32 Bilder zu sehen waren. Der Widerspruch der Öffentlichkeit war programmiert. „Kitschausstellung; Gipfelpunkt der Apachenmalerei“ und „monströse Sammlung der Verirrungen“ war da zu lesen.
Vor allem die verzerrte expressionistische Darstellung des nackten menschlichen Körpers erregte den Unmut der Kritiker: „Der verkrüppelte Akt zweier bemitleidenswerter Jünglinge“ nannte man etwa Kernsoks Gemälde „Jünglinge“. Tihanyis „Ringer“ wurden als „Gruppe sich im Gras wälzender extrawurstbrauner Blähgestalten“ charakterisiert. Spätimpressionismus und Symbolismus waren Vergangenheit, Fauvismus und Kubismus die Zukunft - nicht jeder wollte das so sehen. 1911, bei der wichtigsten Ausstellung der Gruppe, wurden bereits über 100 Bilder gezeigt, dazu sorgten Lesungen, Konzerte und Diskussionen für ein lebendiges Umfeld.
Kein einheitlicher Malstil erkennbar
Einheitlicher Malstil war jedoch weit und breit keiner zu erkennen, das belegt die von Benesch mit Gergely Barki und Zoltan Rockenbauer zusammengestellte Schau deutlich. Zwischen grellem Neoklassizismus und diversen Spielarten des Expressionismus lassen sich nur wenige verbindende Elemente ausmachen. Eines davon war die Verehrung Cezannes, wie eine ganze Wand voller Hommagen belegt. „Es ging wohl mehr ums Ausprobieren der unterschiedlichen Stilmöglichkeiten“, erklärte Benesch.
Tatsächlich ist die frühe Auflösung ebenso wie die Vergessenheit, in die A Nyolcak im Rahmen der späteren Rezeption schnell geriet, vermutlich am stärksten der Heterogenität der Gruppe geschuldet. Zusätzlich gibt es auch Hinweise auf Meinungsverschiedenheiten zwischen den Künstlern. So notierte Dezsö Orban in seinen Memoiren: „Wir hielten nur ein paar Jahre zusammen; Eifersucht und Neid, insbesondere der Brotneid, führten zur Auflösung.“
Künstlerhaus lehnte Teil der Künstler ab
1914, als die Gruppe erstmals in Wien ausstellen sollte, beschleunigte sich anlässlich der Ablehnung eines Teils der Künstler durch die Jury des Künstlerhauses der Bruch. Die acht Individualisten gingen künftig wieder getrennte Wege.
Bereny, Tihanyi und Por blieben mit ihren weiterhin als sehr modern geltenden, expressionistischen Bildern der revolutionären Ausrichtung Der Acht treu, während sich Czigany, Kernstock, Marffy und Orban eine konservativere und damit Sicherheit versprechende Linie einschlugen. Eine von manchen Künstlern angestrebte Wiedervereinigung der sukzessive auseinanderbrechenden Gruppe vereitelte schließlich der Erste Weltkrieg, der die Künstler in gänzlich unterschiedliche Richtungen trieb - und damit den „Highway in die Moderne“ eher in eine Einbahnstraße verwandelte.
Ausstellungshinweis
„Die Acht. Ungarns Highway in die Moderne“, bis 2. Dezember, BA-Kunstforum Wien, täglich von 10.00 bis 19.00, freitags 10.00 bis 21.00 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog (208 Seiten, 29 Euro) erschienen.
„Gegenprogramm zum Klimt-Jahr“
Erst 2010 begann mit einer Ausstellung anlässlich des Kulturhauptstadtjahres in Pecs die Wiederentdeckung der Gruppe, die nun eine internationale Aufwertung erfahren soll. Das Kunstforum hat das Angebot angenommen, sich daran zu beteiligen. „Das ist auch ein schönes Gegenprogramm zum Klimt-Jahr“, sagt Benesch. Nach der großen Ausstellung über Mihaly Munkacsy (1844 bis 1900) im Künstlerhaus wird damit zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate ein Kapitel jüngerer ungarischer Kunstgeschichte in Wien vorgestellt.
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