„Ein Depp in einem blöden Outfit“
Ein ehemaliger Stripper spielt die Hauptrolle in einem Stripper-Film: Stephen Soderbergh setzt Channing Tatum, Hollywoods Lieblings-„Beefcake“ der Saison, ein komödiantisches Filmdenkmal. Kritiker sind sich einig: Der Streifen ist weit weniger dämlich, als sämtliche Trailer vermuten lassen.
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2012 ist ein famoses Jahr für den 32-jährigen Tatum: Die Romanze „Für immer Liebe“ spielte allein in den USA über 100 Millionen Dollar ein, ebenso die Polizeikomödie „21 Jump Street“. Auch mit „Magic Mike“ konnte er in seinem Heimatland schon die Hundert-Millionen-Dollar-Hürde nehmen. Tatum, der selbst als Stripper sein Geld verdiente, spielt den Star eines männlichen Tanzensembles in Florida. An seiner Seite zu sehen ist unter anderen Matthew McConaughey („Der Mandant“).

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Channing Tatum heizt als „Magic Mike“ den Frauen ein
Vormittags Dachdecker, abends Stripper - Mike lebt nach dem Motto „Frauen, Geld und eine gute Zeit“. Er träumt eigentlich von einem Leben als Möbeldesigner. Bis es so weit ist, wollen noch einige Dollar verdient sein beim Entblößen vor enthemmten Damen, die sich allabendlich im „Xquisite“ versammeln, einem Club in Tampa. „Dallas“ (McConaughey) führt dort eine so bunte wie skurrile Männertruppe an, allesamt muskelbepackt und bereit, sich zu entblößen.
Tatums Vergangenheit als Stripper
Als Mike Adam (Alex Pettyfer) kennenlernt, einen 19-Jährigen, der bei seiner Schwester lebt, nimmt er diesen unter seine Fittiche. Er weiht ihn ein in die Kunst der erotischen Entkleidung. Schnell fühlt sich Adam auf der Bühne wohl, macht sich einen Namen als „The Kid“. Und kommt doch mit den Versuchungen, die das Nachtleben mit sich bringt, nicht zurecht.
Tatum ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Produzent. Sein Produktionspartner Reid Carolin schrieb die Story zu „Magic Mike“. Tatum übernachtete einst wie die Filmfigur Adam auf der Couch seiner Schwesterund auch er verdiente sich seine ersten Sporen im Showbiz mit dem Ablegen von Kleidung. Dass der Film zwar eine Komödie ist, die Schattenseiten des Daseins als bewegliche Sexpuppe aber dennoch beleuchtet, ist Tatum zu verdanken.

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Mike (rechts) führt Adam in die Welt der Nachtclubs ein
„Du bist ein Nichts“
In Interviews, die den Film betreffen, erzählt er zwar von einer „tollen, wilden“ Zeit und unterstreicht den Spaß und den Trubel rund um Sexclubs wie jenen in „Magic Mike“. Etwas ernster hat er allerdings unlängst gegenüber dem US-Schwulenmagazin „Out“ über seine Erfahrungen berichtet: „Du bist einfach nur der Typ, der seine Kleidung auszieht und wie ein Depp in einem blöden Outfit dasteht.“ Das Schlimmste sei gewesen, nackt zu sein: „Du stehst auf der Bühne, und die Leute schreien, und du fühlst dich wie ein Rockstar, aber du bist ein Nichts.“
Lob für Bilder, Story und Schauspieler
Die Geschichte hinter „Magic Mike“ ist freilich nicht schwergewichtig. Adams Schwester Brooke (Cody Horn) und Mike verlieben sich ineinander. Sie tut sich mit seinem Strippen schwer. Er selbst würde ohnehin lieber als Möbeldesigner arbeiten, wenn da nicht all das Geld und sein Status als „Star“ wären, die ihn immer wieder auf die Bühne ziehen. Da ist viel Platz für Lacher - und wenig Anlass nachzudenken.

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Das zarte Pflänzchen der Liebe sprießt zwischen „Magic Mike“ und der braven Brooke
Aber kaum ein Kritiker nimmt Soderbergh die Seichtigkeit des Films übel. Die „New York Times“ etwa schwärmt: Farbe und Bilder seien toll - vor allem das goldgelbe Licht, in das Soderbergh den Streifen tunkt. Die Striptease-Einlagen seien mit viel Witz inszeniert worden. Die Story spiele damit, die Sexismusdebatte einmal andersherum zu betrachten. Schließlich sei der Film eine tolle Parabel auf die Käuflichkeit von allem und jedem in Hollywood. Auch die Schauspielerleistung Tatums und seiner Kollegen wird allerorten gelobt.
Soderbergh will nicht mehr
Eines jedenfalls merkt man dem Film nicht an: dass hier ein Regisseur am Werk war, der des Regieführens müde ist. Dennoch trifft das zu. Selbst Fragen über seinen lustigen Film beantwortet der 49-jährige Oscar-Preisträger („Erin Brockovich“) in resignativem Tonfall: „Es braucht doch niemand mehr einen ernsthaften Film von mir“, sagte er etwa auf der Berlinale.
„Ich hasse es, wenn Sportler länger spielen, als sie sollten. Ich möchte das nicht“, sagte Soderbergh im März in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“. Auf die Frage, ob er ganz aufhören wolle, antwortete er aber, das wisse er noch nicht. Er kündigte jedoch an, noch zwei Filme zu drehen und dann eine Pause einzulegen.
Neuer Zugang zum Film dringend gesucht
„Ich brauche einen neuen Zugang. Wenn ich wieder anfangen sollte, dann werde ich nicht der gleiche Filmemacher sein“, sagte Soderbergh. Er wolle sich von allem verabschieden, was er bisher gemacht habe, nur dann könne er noch einmal Regie führen. „Sonst aber nicht. Es sei denn, ich hätte kein Geld mehr“, sagte Soderbergh.
Soderbergh wurde 1989 mit dem Film „Sex, Lies and Videotapes“ bekannt, der beim Filmfestival in Cannes die Goldene Palme gewann. Später drehte er unter anderem „Ocean’s Eleven“ und dessen Fortsetzungen sowie „Traffic“. Der „Welt am Sonntag“ sagte er, während seiner Auszeit wolle er malen, fotografieren und „wenigstens ein Buch schreiben, über das Filmemachen“.
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