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Merkels Kabinendiplomatie

Für die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bahnt sich ein Dilemma an: Die Kanzlerin, die gerne in ihrem grünen Glücksblazer auf der Tribüne live die Erfolge der deutschen Fußballnationalmannschaft mit himmelwärts gereckten Armen bejubelt, möchte das DFB-Team auch beim möglichen Einzug ins Finale anfeuern. Allerdings findet dieses in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, statt.

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Zumindest die außenpolitische Seele Merkels muss daher auf einen Sieg Italiens über Deutschland beim Halbfinale am Donnerstag hoffen. Denn die diplomatischen Beziehungen Berlins und der EU mit der Ukraine haben sich in den vergangenen Monaten insbesondere vor der Fußball-EM immer mehr dem Gefrierpunkt angenähert.

Der Grund: der Umgang der ukrainischen Regierung mit der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Diese fühlt sich politisch verfolgt, und der Westen bezweifelt, dass die Galionsfigur der prowestlichen „Orange Revolution“ ein faires Verfahren bekommt. Ein Auftritt Merkels auf der Ehrentribüne des Kiewer Stadions neben dem ukrainischen Präsidenten - und das live sichtbar für Hunderte Millionen TV-Zuseher - würde wohl einigen Erklärungsbedarf auslösen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel isst gemeinsam mit dem deutschen Nationalteam

APA/EPA/Guido Bergmann

Merkel im verbalen Tiqui-taca mit dem deutschen Team

„Würde zum Finale kommen“

Im Überschwang der Freude nach dem gewonnenen Viertelfinale könnte Merkel kurz ihren bekannt kühlen Kopf verloren haben: Denn sie versprach der DFB-Elf, diese live anzufeuern, sollte sie den Einzug ins Finale schaffen: „Sie hat uns gratuliert und hofft natürlich, dass wir weiter Erfolg haben werden, weil sie eben zum Finale auch kommen würde“, berichtete Teammanager Oliver Bierhoff über Merkels Ansprache in der Mannschaftskabine nach dem 4:2-Sieg über Griechenland im Viertelfinale im polnischen Gdansk.

„Bundeskanzlerin Angela Merkel hat uns allen persönlich gratuliert und eine kurze Rede gehalten. Sie findet es schade, dass sie beim Halbfinale nicht dabei sein kann“, berichtete auch Andre Schürrle stolz.

Noch keine Festlegung

Der Sprecher der deutschen Regierung, Steffen Seibert, will das Tage später aber nicht so sehen und zeigt sich leicht indigniert darüber, dass der Kanzlerin Auftritt in der Fußballkabine nicht ähnlich vertraulich gehandelt wird wie ein Vieraugengespräch etwa mit Frankreichs Präsident Francois Hollande. Seibert betonte am Montag, die Kanzlerin wolle sich noch nicht festlegen, ob sie zum EM-Finale nach Kiew reisen würde. Darüber werde kurzfristig entschieden, sagte er. Die Aussagen von Teammanager Bierhoff und Spielern wollte Seibert nicht kommentieren.

Nur bei Spiel in Polen dabei

Bei den drei Vorrundenspielen, die Deutschland in ukrainischen Städten austrug, war Kanzlerin Angela Merkel nicht im Stadion. Beim Halbfinale in Warschau muss Merkel wegen des gleichzeitig stattfindenden EU-Gipfels passen.

„Die Bundeskanzlerin berichtet grundsätzlich nicht über die Gespräche, die sie in der Kabine der deutschen Fußballnationalmannschaft mit Spielern oder Betreuern führt“, sagte er. Auch Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) will sich nach Angaben einer Sprecherin erst am Freitag über einen Besuch des Finalspiels entscheiden.

In Oktober wurde Timoschenko, die Gegenspielerin von Präsident Viktor Janukowitsch, wegen angeblich absichtlich schlecht ausgehandelter Konditionen in einem Gasabkommen mit Russland zu sieben Jahren Straflager und umgerechnet 137 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt. Nun steht ein weiteres Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Betrugs mit einem Strafrahmen von bis zu zwölf Jahren an.

Wochenlanges Tauziehen

Der Westen kritisiert die Regierung für das Vorgehen gegen Timoschenko hart und zweifelt daran, dass sie ein faires Verfahren bekommt. Vor Beginn der Fußball-EM gab es ein wochenlanges Tauziehen, da Timoschenko über extreme Rückenschmerzen klagte und deutsche Ärzte dafür plädierten, Timoschenko für eine Behandlung ausreisen zu lassen. Kiew lehnte das ab. Die EU-Kommission und zahlreiche Regierungen, darunter auch Österreich, kündigten in der Folge an, allen EM-Spielen fernzubleiben. Berlin enthielt sich zwar des Spieleboykotts, ließ sich die Möglichkeit aber offen und kritisierte Kiew ebenfalls scharf.

Grüne: Mit Oppositionellen reden

Bierhoff und die deutschen Spieler, die über Merkels Auftritt in der Kabine plauderten, erwiesen der Kanzlerin zumindest auf den ersten Blick keinen Dienst. Doch möglicherweise wird dieses Versprechen auch zum Auftakt für eine diplomatische Initiative.

Die Opposition in Deutschland forderte jedenfalls von Merkel nicht, auf den Besuch des möglichen Finalmatchs mit deutscher Beteiligung zu verzichten - das wäre wohl auch populistisch unklug. Vielmehr forderten die Grünen Merkel am Montag auf, vor einem möglichen Besuch des EM-Finales in Kiew mit ukrainischen Oppositionellen im Gefängnis zu sprechen.

Damit könne die CDU-Chefin klarmachen, dass sie die undemokratischen Verhältnisse in dem Land nicht akzeptiere, sagte Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck der Nachrichtenagentur dpa. Andernfalls würde die Regierung ihr ganzes Engagement für Menschenrechte in der Ukraine „schwächen und dementieren“.

„Nicht ohne Julia Timoschenko“

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann meinte sogar, Merkel solle die in Charkiw inhaftierte Timoschenko nach einem Besuch des Endspiels der Fußball-EM mit nach Deutschland bringen. „Wenn unsere Mannschaft das Finale erreicht, braucht sie jede Unterstützung. Ich fände es gut, wenn Angela Merkel dann nach Kiew fährt. Sie sollte aber nicht ohne Julia Timoschenko zurückkommen“, sagte er der „Rheinischen Post“ (Montag-Ausgabe).

Ob Janukowitsch Merkel diese Freude machen wird, darf freilich bezweifelt werden. Eher im Gegenteil: Denn der ukrainische Präsident hatte Timoschenko während der EM und demonstrativ vor einem Deutschland-Match in Verbindung mit einem 16 Jahre zurückliegenden Auftragsmord an einem Geschäftsmann gebracht - und damit erst recht Öl ins Feuer des Konflikts mit Europa gegossen.

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