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„Deutsch hat Vorrang“

Allein in Wien haben laut Statistik Austria fast 53 Prozent der Volksschüler nicht Deutsch als erste Umgangssprache, gefolgt von Vorarlberg mit fast 28 Prozent. Österreichweit hatten im vergangenen Schuljahr 24 Prozent der Volksschüler Deutsch nicht als Umgangssprache. Entsprechend vielfältig ist der Sprachenmix in den Schulklassen.

In Österreich zählen nach Zahlen der Statistik Austria nach BKS (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) auch Türkisch und Albanisch zu den Top Drei der Erstsprachen. Der Großteil der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch lebt in Wien. Die Sprachenvielfalt in Österreich reicht aber um einiges weiter. Neben weiteren ost- und mitteleuropäischen Sprachen wird auch Tschetschenisch, Russisch und Arabisch in den Klassenzimmern gesprochen.

Lehrer klagen über hohen Leidensdruck durch den hohen Anteil „ausländischer“ Schüler, über Zusatzbelastungen und sprechen von Mehrarbeit durch die große Heterogenität der Sprachniveaus. Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund verfügen auch bei den Eltern meist über einen schlechten Ruf. Sprachexperten hingegen sehen in der Sprachenvielfalt eine wertvolle Ressource für das weitere Sprachenlernen, die derzeit zu wenig Eingang in den Unterricht findet. Sie wollen Mehrsprachigkeit im Lehrplan verankert wissen.

Lehrer haben klare Präferenz

Lehrer hingegen haben eine klare Präferenz für die deutsche Sprache im Unterricht: „Deutsch hat Vorrang.“ Sie nehmen die Mehrsprachigkeit ihrer Schüler wahr, allerdings „nicht per se, sondern immer auf die deutsche Unterrichtssprache bezogen“. Zu diesem Ergebnis kommt die Sprachexpertin an der Pädagogischen Hochschule (PH) Burgenland, Barbara Buchholz, in ihrer aktuellen Studie zum Thema „Mehrsprachigkeit in der Grundschule“ am Beispiel Burgenland. Nur 42 Prozent der befragten Lehrer halten einen Mehrsprachenunterricht für sinnvoll und notwendig.

Eine Aussage einer Lehrkraft im Rahmen der Studie spiegelt eine weit verbreitete Einstellung gut wieder: „Ja, ich erachte es als gut, Mehrsprachigkeit in den Unterricht mit einzubeziehen, aber wenn die Kinder sprachlich sowieso überfordert sind, wird das Hauptaugenmerk auf Deutsch gelegt, und das ist bei mir der Fall.“ Buchholz vermutet aber auch, dass viele Lehrkräfte nicht sicher sind, wie andere Erstsprachen ihrer Schüler neben Deutsch in den Unterricht integriert werden könnten.

„Großteil ist überfordert“

Der Sprachwissenschaftler Hans-Jürgen Krumm vermisst das öffentliche Bewusstsein dafür, dass die Gesellschaft immer mehrsprachiger wird: „Es wird sogar noch politisch verstärkt, dass es eigentlich nur auf Deutsch und Englisch ankommt.“ Englisch sei selbstverständlich, so Krumm gegenüber ORF.at. Er kritisiert aber die öffentliche Fixierung auf das Englische und die weitgehend fehlende Ausbildung von Lehrkräften in anderen Sprachen.

Der Sprachwissenschaftler gesteht aber zu, dass die Lehrer mit der Situation alleine gelassen werden: „Die meisten haben nie gelernt, wie sie mit der Situation umgehen, wenn sie 15 verschiedene Sprachen in der Klasse haben. Der Großteil ist überfordert.“ Eine verpflichtende Aus- und Weiterbildung im Bereich der interkulturellen Kompetenzen ist nicht vorgesehen.

„Lerne Gott sei Dank auch noch Englisch“

Für einen Großteil der Schüler zählt Mehrsprachigkeit zum Alltag, der Unterricht ist allerdings nach wie vor weitgehend monolingual bzw. zweisprachig an den Standorten des burgenländischen Minderheitenschulwesens, analysiert Buchholz. Wie mehrsprachig einige Volksschüler sind, zeigt ein Zitat eines neunjährigen Kindes, das im Zuge der Mehrsprachigkeitsstudie sein „Sprachenporträt“ beschrieb: „Ich spreche Deutsch und Kroatisch. Ich versteh auch Rumänisch, weil meine Mama is aus Rumänien. Aber in der Schule lerne ich Gott sei Dank auch noch Englisch, weil das brauch’ ich sonst immer. Für meine beste Freundin, die ist aus Polen, für meinen Nachbar, der ist von Tschetschenien, (...) für’n Urlaub, da sind wir immer in der Türkei, und für meine Lieblingssongs, die sind in Englisch.“

„Kinder nicht nachträglich einsprachig machen“

Andere Schüler definierten sich in der Studie wiederum als mehrsprachig, weil sie Deutsch, Englisch und den Dialekt ihrer Heimatgemeinde ebenfalls als eigene Sprache angaben. Unterrichtet wird aber großteils in Deutsch - für Krumm ein Fehler. „Wir dürfen Kinder, die über mehr Sprachen verfügen, nicht nachträglich im Unterricht einsprachig machen“, appelliert der Experte für Mehrsprachigkeit. Geht es nach ihm, müssten im Zuge der neu zu gestaltenden PädagogInnenausbildung alle Lehrenden eine Grundqualifikation in diesem Bereich erhalten.

Deutsch als „Wiederholungsstunde“

Einen fixen Platz hat bereits der Unterricht Deutsch als Zweitsprache (DaZ), der eigentlich auch eine Zusatzausbildung erforderlich macht. Problematisch daran ist, dass diese Stunden weitgehend am Vormittag parallel zum Normalunterricht stattfinden. Der DaZ-Unterricht fördere sicher den schulischen Einzelerfolg, so auch Buchholz in der Studie. Allerdings werde dieser oft dadurch „erkauft“, dass die Schüler ihren normalen Unterricht regelmäßig versäumen.

Oft ist die DaZ-Stunde eine „Wiederholungsstunde“ für Deutsch oder Mathematik oder eine zusätzliche Vorbereitung für Schularbeiten, zeigen die Ergebnisse der Mehrsprachigkeitsstudie. Nur an wenigen Schulen gibt es integrativen Deutsch-Förderunterricht mit Stützlehrkräften.

Kaum Interesse an Weiterbildung

Dass Mehrsprachigkeit wichtig ist, sind die meisten Lehrer überzeugt. Eingang in den Unterricht findet sie kaum. Der Großteil sieht sich darin nicht ausgebildet, das Interesse, an freiwilligen Fort- und Weiterbildungsangeboten teilzunehmen, hält sich Vertretern von PHs zufolge aber auch in Grenzen. Zwei Drittel der burgenländischen Lehrer etwa sind nicht an einer Fortbildung im Bereich Mehrsprachigkeitsdidaktik interessiert.

Das Angebot in Wien ist noch größer. Aber auch hier lässt das Interesse zu wünschen übrig. „Oft scheitert es am Geld und an der Zeit. Denn es sollen für eine Fortbildung keine Stunden ausfallen. An den Schulen wird gespart“, erklärt Elisabeth Dokalik-Jonak von der PH Wien gegenüber ORF.at. Auch Facheinrichtungen für interkulturelle Kommunikation würden selbst von Studierenden zu wenig genützt.

Dokalik-Jonak hält es für entscheidend, dass Volksschullehrer ein Basiswissen etwa von Türkisch und Serbisch haben, um dadurch beim Erlernen anderer Sprachen zu unterstützen: „Aber es fehlt das Interesse für andere Sprachen.“

Kein Lehramtsstudium für Türkisch

Im Unterrichtsministerium wird auf zahlreiche Sprachinitiativen, den DaZ-, aber auch den muttersprachlichen Unterricht verwiesen. Dieser Anteil steigt, allerdings sind noch lange nicht alle Schüler, die spezielle Förderung in ihrer Muttersprache bräuchten, darin erfasst. Im vergangenen Schuljahr erhielten laut Zahlen des Unterrichtsministeriums rund 29 Prozent aller Volksschüler, die dafür in Betracht kommen, einen muttersprachlichen Unterricht.

In Wien wird derzeit versucht, stärker Lehrer mit Migrationshintergrund insbesondere mit den Sprachen Türkisch oder BKS in die Schulen zu bringen, wie das Unterrichtsministerium betont. Ein für Herbst 2012/2013 geplantes eigenes Lehramtsstudium für Türkisch an der Universität Graz wurde aber mangels politischen Auftrags und damit verbundener Finanzierungszusage gestoppt. Die Skepsis war offenbar zu groß.

Deutschkenntnisse nicht Voraussetzung

Einigkeit besteht mittlerweile darin, dass ohne gefestigte Muttersprache das Erlernen weiterer Sprachen schwieriger und weniger erfolgreich ist. Das Vorurteil, dass Kinder zuerst Deutsch lernen müssen und sich dann erst weiteren Zweitsprachen widmen sollten, will Dokalik-Jonak abbauen: „Es ist sehr wohl möglich, beides gleichzeitig zu lernen.“ Immer noch gibt es zahlreiche Stimmen, die Englischunterricht als weitere Fremdsprache für Schüler mit Migrationshintergrund als zusätzliche Belastung sehen.

Eine neu entwickelte Methode soll Schülern und Lehrern den Englischunterricht erleichtern. Der Start des Pilotprojekts ist in ausgewählten Schulen in Wien, Niederösterreich, Burgenland und Salzburg geplant. Dokalik-Jonak geht davon aus, dass die Fortschritte in Klassen mit einem hohen Anteil nicht deutschsprachiger Kinder besser sind. Sie hätten bereits ein „gelerntes Sprachgefühl“, der Umgang mit Sprache sei freier und „nicht so sehr an Regeln gekoppelt“.

Parallel alphabetisieren

Einige Sprachexperten wie Krumm gehen noch einen Schritt weiter. Sie halten es durchaus für möglich, zweisprachig zu alphabetisieren. Krumm: „Derzeit wird oft eine Sprache nicht weiter entwickelt. Man lernt auf einem schlechten Fundament. Es wäre besser, wenn man koordiniert lernt.“ Dann würde - mit Hilfe von Muttersprachenlehrern - die Verschriftlichung der Sprache parallel in der Erst- und der Unterrichtssprache erlernt. Man könnte Vergleiche ziehen und zwei unterschiedliche Sprachen gleichzeitig verschriftlichen. Während aber DaZ-Unterricht relativ verbreitet ist, kommen die - ebenfalls im Lehrplan vorgesehenen - muttersprachlichen Unterrichtsangebote in den meisten Fällen zu kurz.

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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