Warnung vor Kollaps
Die Welt hat nach Einschätzung der Vereinten Nationen bei fast keinem ihrer Umweltschutzziele nennenswerte Fortschritte gemacht. Nur bei vier von einst 90 formulierten Vorhaben seien größere Erfolge erzielt worden, wie das UNO-Umweltprogramm (UNEP) am Mittwoch bei der Präsentation des bisher fünften Berichts über den Zustand der Umwelt mitteilte.
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Vielmehr wird in der 525 Seiten starken, als „GEO-5“ bezeichneten Studie vehement der schleppende Prozess bei der Durchsetzung international vereinbarter Umweltziele kritisiert, die erstmals zur Grundlage des UNEP-Umweltberichts herangezogen wurden.
„Müssen Fakten anerkennen“
„Die Stunde ist gekommen, um die Lähmung und die Unentschiedenheit zu überwinden“, sagte UNEP-Direktor Achim Steiner bei der Vorstellung des Berichts in Rio de Janeiro. „Wir müssen die Fakten anerkennen und die Herausforderungen für die Menschheit angehen.“ Es sei dringend ein Kurswechsel in der Umweltpolitik nötig - und der bevorstehende UNO- und Nachhaltigkeitsgipfel Rio+20 sei eine Chance, die nur einmal in einer Generation vorkomme. Der Umweltbericht der UNEP solle den Entscheidungsträgern der Konferenz von 20. bis 22. Juni in Rio helfen, die Weichen für eine umfassende nachhaltige Entwicklung zu stellen, so Steiner weiter.
Sollten die aktuellen Wirtschaftsmodelle beibehalten werden, drohe unter anderem eine Verdoppelung der Treibhausgasemissionen in den nächsten 50 Jahren. Zudem warnen die Studienautoren vor einer Erhöhung der globalen Temperatur „um drei Grad oder mehr bis Ende des Jahrhunderts.“
Eine an der Studie beteiligte Forschungsgruppe aus Kassel verwies zudem auf die Gefahr dauerhafter Wasserknappheit. Zwar könne unter anderem durch technische Fortschritte die künftige weltweite Wassernutzung deutlich reduziert werden - die Anzahl der Menschen, die vermutlich weiter von Wasserknappheit bedroht sei, werde dennoch nicht maßgeblich vermindert, so die Leiterin der Forschungsgruppe, Martina Flörke, laut dem Onlineportal Innovationsreport.
Meere weniger verschmutzt
Insgesamt wurden für „GEO-5“ die wichtigsten 90 von 500 international geltenden Zielen analysiert. Positiv hervorgehoben wurde, dass mittlerweile deutlich weniger ozonschädigendes Gas in die Atmosphäre gelange, die Meere weniger verschmutzt würden, in Kraftstoffen weniger Blei sei und mehr Menschen Zugang zu sauberem Wasser hätten. Bei 40 weiteren Punkte gebe es der Studie zufolge zumindest einige Verbesserungen - bei den übrigen praktisch keine.
Gewisse Erfolge habe es bei Punkten wie Abholzung gegeben. Aber in weiten Teilen wurde es nicht besser, manchmal gar schlechter. Der Bericht nennt Überfischung, Dürren und Klimawandel. „Wenn der Trend so weitergeht und die Verhaltensweisen von Produktion und Verbrauch natürlicher Ressourcen nicht umgekehrt werden können, dann werden die Regierungen eine beispiellose Dimension von Schäden und Verlusten erleben“, sagte der Deutsche Steiner.
UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er sei „vorsichtig optimistisch“, dass weitere Gespräche vor dem Gipfel in Rio doch noch zu einem Ergebnis führen könnten.
„Kritischer Punkt“ rückt näher
Handlungsbedarf wird im Vorfeld zu Rio+20 jedenfalls auch von führenden Wissenschaftlern geortet, die in einer weiteren Studie offen vor einem drohenden Kollaps des globalen Ökosystems warnten. Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung könnten demnach möglicherweise noch in diesem Jahrhundert zu einem unwiderruflichen Kollaps des globalen Ökosystems führen.
Dieses könnte plötzlich kippen und nicht, wie allgemein angenommen, über Jahrhunderte hinweg langsam zusammenbrechen, warnten sie in der am Mittwoch vom Fachmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie. Ohne Gegenmaßnahmen könnte der „kritische Punkt“ schon bald erreicht sein.
Für die Studie arbeiteten insgesamt 22 führende Biologen, Ökologen, Geologen und Paläontologen aus drei Kontinenten zusammen. Sie verglichen die Auswirkungen früherer weltweiter Umweltveränderungen - wie etwa während der Eiszeit - auf Flora und Fauna mit dem aktuellen Wandel. In ihren Berechnungen gingen sie von einem Anstieg der Bevölkerung auf 9,3 Milliarden bis 2050 und einer Klimaerwärmung aus, die das UNO-Begrenzungsziel von zwei Grad Celsius übersteigt.
Entwicklung „wäre unumkehrbar“
Laut der Studie werden schon heute 43 Prozent der eisfreien Erdoberfläche für Landwirtschaft und zum Wohnen genutzt. Sollte der Trend anhalten, wäre die potenziell gefährliche 50-Prozent-Marke bereits 2025 erreicht. Ein Zusammenbruch des ökologischen Gleichgewichts aber hätte verheerende Konsequenzen für die Fähigkeit, die Weltbevölkerung ausreichend ernähren zu können, mahnen die Autoren.
Die Entwicklung wäre unumkehrbar, erklärte der Biologe Anthony Barnosky von der Universität von Kalifornien, einer der führenden Autoren der Studie. „Biologisch gesehen wird es dann wirklich eine neue Welt geben.“
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