Lob in höchsten Tönen
Einhellige Zustimmung bis Begeisterung hat die zweite Goldene Palme für Michael Haneke bei den Filmfestspielen in Cannes in den internationalen Medien geerntet. Die Auszeichnung für „Amour“ sei hochverdient, und auch der Regen an der Cote d’Azur habe angesichts der Ehrung für Hanekes zärtlichen Film über das Sterben keine Rolle mehr gespielt, heißt es von den Kommentatoren. Und es wird bereits mit einem Oscar spekuliert.
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Es sei zwar noch ein langer Weg bis zu den Academy Awards, dennoch sei „Amour“ schon fast sicher der Gewinner in der Kategorie bester fremdsprachiger Film, orakelt der „Hollywood Reporter“. Ein Indiz dafür sei auch, dass mit „The Artist“ nicht nur der heurige Oscar-Preisträger, sondern auch die nominierten Filme „Midnight in Paris“ und „The Tree of Life“ jeweils bereits im Vorjahr in Cannes abgefeiert worden waren.

Reuters/Jean-Paul Pelissier
Darf Haneke auch bei Oscars jubeln?
„Schwer zu schlagen“
Für den besten Streifen werde es für „Amour“ als fremdsprachiger Film wohl schwierig, heißt es in der „Los Angeles Times“. Auch die Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Emanuelle Riva könnten sich mit durchaus Chancen auf eine Nominierung ausrechnen, heißt es weiter.
In der „Chicago Tribune“ heißt es hingegen, die Kunstfertigkeit Hanekes würde durchaus die Frage erlauben, wieso „Amour“ trotz seiner Sprache nicht als bester Film berücksichtigt werden sollte. In der Kategorie der ausländischen Filme sei er jedenfalls schwer zu schlagen. Dort könnte er übrigens sowohl von Frankreich als auch von Österreich eingereicht werden, heißt es in der Zeitung. Der US-Verleih wird den Film jedenfalls im Herbst parallel zum europäischen Start auch in den USA ins Kino bringen.
Jury wollte mehr Preise vergeben
„Variety“ schrieb, Haneke habe als erster Regisseur, der innerhalb von drei Jahren zwei Palmen gewann, Cannes-Geschichte geschrieben. Jurypräsident Nanni Moretti erzählte laut „Variety“, dass einige Mitglieder der Jury gerne mehrere Preise an den Film vergeben hätten. Das Reglement verbiete allerdings, dass der mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Film weitere Auszeichnungen erhalte - daher rühre die besondere Hervorhebung der beiden Schauspieler Riva und Trintignant bei der Bekanntgabe des Preises.
Die „New York Times“ meinte, der Film sei „brillant geführt, mit einem untypisch zärtlichen Touch“. Die Geschichte über das alte Ehepaar, das mit dem Sterben konfrontiert ist, habe „das Publikum mit seiner Kunstfertigkeit und seinem tiefen Gefühl überwältigt“.
TV-Hinweis
Anlässlich der erneuten Auszeichnung für Michael Haneke in Cannes ändert der ORF sein Programm und zeigt am Montag um 23.35 Uhr in ORF2 seine Elfriede-Jelinek-Verfilmung „Die Klavierspielerin“ mit Isabelle Huppert und Annie Girardot.
Lob aus Frankreich und Italien
„Le Figaro“ führte ein Interview mit Trintignant, der zuvor 14 Jahre lang nicht mehr gedreht hatte. Für niemanden außer für Haneke wäre er wieder vor die Kamera getreten, so der Schauspieler. „Ich habe ‚Cache‘ von ihm gesehen und mir gesagt, sollte ich jemals wieder drehen, dann nur mit ihm“, erzählte der Schauspieler - und zeigte sich zudem bereit, auch im nächsten Film des österreichischen Regisseurs eine kleine Rolle übernehmen zu wollen.
„Haneke bewegt die Welt mit einem Film, in dem Werte wie Mitleid und Anteilnahme vor dem Drama der Krankheit und dem Ende im Vordergrund stehen.“ „Amour“ lebe vor allem in den Gesichtern der beiden berühmten Schauspieler, schreibt die italienische „La Repubblica“. Und „La Stampa“ findet, Haneke habe die Goldene Palme „mit seiner Liebesgeschichte, die mit einem extremen Liebesakt zu Ende geht, voll verdient“. Mit ihrer tiefen intellektuellen und seelischen Beziehung würden die beiden alten Eheleuten tiefe Werte zum Ausdruck bringen, „die in dieser Welt keinen Platz mehr zu finden scheinen“.
Deutsche Presse begeistert
Auch der deutsche „Tagesspiegel“ zeigte sich euphorisch: „Es ist ein Fest, wie es selbst dieses Feste weidlich gewohnte Festival selten erlebt, ein historischer Augenblick des Kinos, den jeder Zuschauer von ‚Amour‘ schon bei der Premiere vor einer Woche erfahren hat und der nun alle noch einmal vereint.“
Für die „FAZ“ hat der Film „hochverdient und doch überraschend“ gewonnen: „Er war der beste Film des Festivals, ein früher Favorit, der seine Stellung über den Verlauf der Vorführungen behauptete. Aber darauf, dass er mit der Goldenen Palme nach Hause gehen würde, hätten nicht viele gewettet. Nanni Moretti, der Jurypräsident, soll nicht gerade ein Verehrer von Hanekes Filmen sein, und außerdem hat der Österreicher erst 2009 mit seinem ‚Weißen Band‘ eine Palme gewonnen. (...) Der richtige Film gewinnt also nach einem unebenen Wettbewerb.“ Und die „Frankfurter Rundschau“ schreibt von der „besten aller möglichen Entscheidungen“.
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