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Wenn Krähen kreischen und Nebel reißt

Dem europäischen Autorenfilm, von der gediegenen Literaturverfilmung bis zum experimentellen Animationskurzfilm, ist auch die neunte Ausgabe des Crossing-Europe-Festivals gewidmet. Cineasten und Neugierige sind von Dienstag bis Sonntag zur filmischen Entdeckungsreise durch Linz eingeladen.

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Zur Eröffnung läuft die Emily-Bronte-Verfilmung „Wuthering Heights“ unter der Regie von Oscarpreisträgerin Andrea Arnold. Eindringlich und in dunklen Bildern schildert die 51-Jährige die verbotene Liebe zwischen Heathcliff und Cathy. Der Film kommt mit wenigen Dialogen aus - die Hauptrolle spielt das britische Hochland: viel Nebel, viel Regen, der Wind pfeift, die Krähen kreischen.

Shannon Beer und  Solomon Glave  in einer Filmszene von "Wuthering Heights"

Crossing Europe

Solomon Glave und Shannon Beer als Liebespaar in Arnolds Bronte-Verfilmung

Die Presse überschlug sich mit Superlativen und sprach von einer „Punk-Bronte“: Schauspielerin Shannon Beer gibt die junge Cathy aufmüpfig, kratzbürstig und selbstbewusst, Solomon Glaves Heathcliff wurde vom „gipsy“ des Originals zum Schwarzen und hat viel Wut im Bauch. Auch die Herangehensweise von Arnold hat etwas von Punk-Attitüde: Sie hatte, wie sie in einem Interview mit dem „Telegraph“ sagte, gerade einmal 18 Monate vom ersten E-Mail mit der Anfrage, ob sie den Film machen möchte („Yes! Yes! Yes! Yes!“), bis zum Antreten bei den Filmfestspielen von Venedig im Vorjahr.

Dazwischen standen Monate des mühsamen Drehs im Schlamm, mit einer Gruppe von größtenteils - wie stets bei Arnold - Laiendarstellern. Genau auf diese Weise kann man Bronte näher kommen: zarte Seelen in einer harten Landschaft. Der Film wird der Literaturvorlage so gerecht, wie es eben möglich ist, auch wenn man zwischendurch gemeinsam mit den Charakteren ein wenig verzweifeln mag in diesem hügeligen, depressiven Teletubbyland.

Ein Animationsfilm als Doku

Das Tribute gilt heuer bei Crossing Europe der rumänischen Regisseurin Anca Damian mit vier Filmen. „Crulic - the Path to Beyond“ läuft wie Arnolds „Wuthering Heights“ bei der Eröffnung und ist auch Teil des erstmaligen Crossing-Europe-Schwerpunkts „It’s animated!“. Die 50-jährige Damian ist Professorin an der Bukarester Filmuni - und „Crulic“ ist ihr erster Animationsfilm. Die Animation ist dabei kein Selbstzweck, sondern die logische Konsequenz des Stoffs.

Damian widmet sich dem Schicksal des Rumänen Claudiu Crulic, der in Polen fälschlicherweise des Diebstahls angeklagt wurde und in der Untersuchungshaft an den Folgen eines Hungerstreiks starb. Die Regisseurin geht semidokumentarisch vor: Den Mangel an Informationen füllt sie mit der fiktiven Erzählung des Toten selbst, der vom Jenseits aus über sein Leben und Sterben berichtet; den Mangel an Bildern gleicht sie mit Animationen aus.

Filmszene (Zeichnung) aus dem Film "Crulic"

Aparte Film

Anca Damians Animationen: Crulic im Gefängnis

Bewegte Kunstwerke

Die Bilder sind künstlerisch gestaltet, Arnold bedient sich verschiedenster Techniken: Wasserfarbe, Tusche und Kohle kommen zum Einsatz, es wird in Farbe und Schwarz-Weiß gearbeitet, Fotos des realen Crulic werden collageartig verwendet, und sogar Videos kommen sparsam zum Einsatz. Die erste Hälfte des Films ist farbenfroh gestaltet, die Vita Crulics gibt viel her - vom Aufwachsen bei diversen Tanten bis zum coolen Krakau, wo er sich gemeinsam mit seiner Freundin aufhält.

Doch die Zäsur des Lebens ist auch eine im Film: Wenn man als Rumäne in einem polnischen Gefängnis einsitzt, weil man einem Richter die Geldtasche gestohlen haben soll, dann hat man ein Problem. Crulic wird, zumindest in der Version von Damian, von den Behörden unter Druck gesetzt, von Mithäftlingen missbraucht, von der rumänischen Botschaft im Stich gelassen und von der eigenen Anwältin verraten, obwohl er eigentlich das perfekte Alibi hat.

Alles, nur nicht „Made in Romania“

Der feine Humor des ersten Teils wäre im zweiten Teil deplatziert. Aber die Geschichte wird bei aller Dramatik gegen Ende zu immer eintöniger, weil es nur eine Richtung gibt: nach unten. Die Lage Crulics wird aussichtsloser und aussichtsloser, bis zum bitteren Ende. Erst im Abspann zeigt Damian Nachrichtenbeiträge, die wohl belegen sollen: Wenigstens nach dem Tod Crulics wurde sein Schicksal wahrgenommen. Schade, dass bei diesen Beiträgen die Untertitelung fehlt. Auf der Website des Films ist nachzulesen, dass der rumänische Außenminister zurücktreten musste und drei Ärzte in Polen angeklagt wurden.

Gerne hätte man mehr gesehen von Crulics früheren Einkaufstouren durch Polen und Russland, wo er zum Weiterverkaufen Porzellan, Strümpfe, Waschpulver und vieles mehr anhäufte, denn wie im Film gesagt wird: „In den 90ern kauften die Rumänen alles, solange es nicht ‚Made in Rumania‘ war.“ Damian lässt hier eine Welt wiederauferstehen, die zuletzt Andrzej Stasiuk in seinem Roman „Hinter der Blechwand“ beschrieben hatte.

Die filmischen Außenposten Europas

Aber auch abgesehen von der hyperrealistischen Darstellung eines fiktiven Stoffs und der künstlerischen Umsetzung eines realen Schicksals gilt es in Linz zahlreiche Beiträge zu entdecken. Insgesamt werden 146 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme gezeigt. 22 davon sind Uraufführungen, 96 Österreich-Premieren. An Kilometern ist die Reise nach Linz innerhalb ganz Österreichs nicht allzu weit - aber in diesem Fall führt sie bis zu den filmischen Außenposten Europas - ein mehr als wohlfeiles Angebot.

Simon Hadler, ORF.at

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