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Die „weiblichen Beatles“

Dass Frauen Musik machen und dabei im Schnitt so gute oder schlechte wie ihre männlichen Kollegen auch, bedarf seit Jahrhunderten keiner Erwähnung mehr. Schon Antonio Vivaldi reüssierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit einem Frauenorchester. Bis zur ersten richtigen Girlband sollten aber noch grob 250 Jahre vergehen. Erst mit den Liverbirds war es vor genau 50 Jahren so weit.

Die Gründung des Quartetts im Jahr 1962 bedeutet den Beginn weiblicher Popmusik. Rein weiblich besetzte Bands - und noch öfter Gesangsgruppen mit männlichen Bands - gab es davor auch, jedoch meist als fremdbestimmte „Kuriositäten“ für Varietes und dergleichen. Im Jazz wiederum waren Musikerinnen nie etwas Besonderes. Sie definierten sich jedoch nur über ihr Können, egal ob Mann oder Frau. Erst mit den Liverbirds gab es zum ersten Mal eine rein weibliche Formation, die trotzdem nur anhand ihrer Musik beurteilt werden wollte.

Vergessene Pionierinnen

Die Bandgeschichte liegt bis heute weitgehend im Dunklen: Abgesehen von verstreuten biografischen Notizen haben sich auch Medien kaum ihrer Geschichte angenommen, mit der deutschen Publizistin Stefanie Lohaus im feministischen „Missy“-Popmagazin als eine der wenigen Ausnahmen. Fest steht, dass irgendwann 1962 die vier Liverpooler Mädchen Pamela Birch (Gesang/Gitarre), Valerie Gell (Gesang/Gitarre), Mary McGlory (Gesang/Bassgitarre) und Sylvia Saunders (Schlagzeug) zusammenfanden.

Bandauftritt der "Liverbirds"

Studio Hamburg

Die Liverbirds im TV-Studio in Hamburg

Die Band war eine Fusion zweier Girlbands, die im Versuchsstadium stecken geblieben waren: den Debutones um Valerie Gell und den Squaws von McGlory. Ein neuer Bandname musste her. Sie beugten sich der damaligen Quasi-Pflicht zum Wortspiel - siehe Beatles/Beetles - und kamen auf Liverbirds. Das Fantasietier „Liverbird“ ist Wahrzeichen von Liverpool, und „bird“ bedeutet nicht nur Vogel, sondern als britischer Slangausdruck auch so viel wie „Tussi“ oder „Puppe“.

Auch in Wien bejubelt

Der „dreckige“ Sound, aus der Not der anfangs dürftigen Beherrschung ihrer Instrumente geboren, wurde später zum bewussten Stilmittel. Nicht umsonst gelten die Liverbirds gerade in der Punk-Ecke als verkannte Genies. Und nicht umsonst zählten die Kinks zu ihren ersten Förderern. Die Verbindung war auch für die pophistorische Fußnote gut, dass die Kinks sich bei einem Studiotermin die Instrumente der Mädchen ausborgten, weil sie ihre eigenen verschustert hatten. Das Resultat: Der Kinks-Hit „You Really Got Me“.

Erfolg hatten sie von 1964 bis 1967 vor allem auf dem europäischen Festland, auch in Österreich: „Vier Mädchen haben sich entschlossen, die Welt zu erobern und ein praktisches Beispiel der vielzitierten Gleichberechtigung zu geben“, lautete die unbeholfene Ankündigung für das „Beat-Festival“ in der Wiener Stadthalle 1965. Damit ist auch schon das Unglück der Liverbirds und fast aller Girlbands danach umrissen: Nur die wenigsten hörten darauf, welche Musik die Frauen machten - verkauft wurde und wird weiterhin das „Kuriosum“, dass Frauen überhaupt Musik machen.

Die eine und die andere Band aus Liverpool

Das Naheliegendste geschah: Die Liverbirds wurden als „weibliche Beatles“ vermarktet, obwohl beide Bands schlicht Kollegen aus der damaligen Merseybeat-Szene waren: Ihre ersten Sporen verdienten sich beide im Liverpooler Cavern Club. Bei deren erstem Auftritt soll Beatle John Lennon, damals noch ganz um die Rock-’n’-Roller-Chauvi-Pose bemüht, auch den Ausspruch getätigt haben: „Frauen mit Instrumenten - das wird nie was.“ Die Entwicklung beider Bands sollte jedoch, im Gegenteil zu Lennons Vermutung, eine Zeitlang recht eng miteinander verflochten bleiben.

Bandauftritt der "Liverbirds" vor Publikum

Studio Hamburg

„Frauen mit Instrumenten“

Wie die Beatles wurden auch die Liverbirds in den Hamburger Star Club gebucht - und vielleicht war es einer ihrer größten Fehler, das Engagement anzunehmen: So versäumten sie eine Audition bei Beatles-Manager Brian Epstein, wie die seit damals in Deutschland lebende Mary McGlory (verehelichte Dostal) dem Hamburger Magazin „Das Viertel“ erzählte. In Hamburg angekommen, durchliefen sie weiter die „Beatles“-Behandlung, inklusive Styling von Szenemuse Astrid Kirchherr, die den männlichen Kollegen die „Pilzkopf“-Frisuren verpasst hatte.

Erfolg in Deutschland als Fluch und Segen

Hamburg sollte zum Segen und Fluch für die Band werden: De facto ohne Pause spielten sie ab 1964 durchgehend im Star Club, laut Zeitzeugen vor noch enthusiastischerem Publikum als die Beatles. Gerade der Erfolg dort - inklusive Platzierungen in der deutschen Hitparade - führte jedoch dazu, dass sie Angebote etwa für US-Tourneen ausschlugen. Beleg für den damaligen Erfolg in Deutschland sind auch die zahlreichen TV-Auftritte und Livevideos, die auf dem Internetportal YouTube überlebt haben. Ausgerechnet die erste große Tournee führte 1967 aber zur Auflösung der Band.

Birch und McGlory mussten damals mit Substituten an Gitarre und Schlagzeug nach Japan fahren: Schlagzeugerin Saunders war verheiratet und schwanger und Gitarristin Gell fügte sich dem Wunsch ihres Mannes, der sie nicht in so ferne Länder entlassen wollte. Die beiden Frontfrauen befanden danach, dass das Musikmachen so keinen Spaß mehr machte, und die Band war Geschichte. Und auch wenn Ehemänner von Musikerinnen inzwischen weniger zu sagen haben - gar so viel hat sich seit dem Auseinandergehen der Liverbirds nicht verändert.

Ware Musikerin oder wahre Musikerinnen

Ein Blick auf die aktuellen Charts beweist, dass Frauen im Pop auch heute eher sich selbst „verkaufen“ müssen als ihre Musik. Beweis genug dafür ist allein schon, dass es Gegenbewegungen wie die „Riot-Grrrl“-Szene gab und gibt. Nicht zufällig erinnerte man sich auch Ende der 90er in der deutschen „Riot-Grrrl“-Szene der Liverbirds als vergessener Ahnfrauen und brachte sie für ein paar Konzerte wieder zusammen. Es waren die letzten Gelegenheiten, die Band zu hören. Frontfrau Pamela Birch starb am 27. Oktober 2009 im Alter von 65 Jahren in Hamburg.

Lukas Zimmer, ORF.at

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