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Zahnräder und Dampfmaschinen

Victor Hugo trifft Charles Dickens trifft Joanne K. Rowling: Die Geschichte des Waisenkindes Hugo Cabret in der gleichnamigen Kinderbuchverfilmung von Martin Scorsese erinnert auf den ersten Blick an legendäre Figuren aus „Les Miserables“, „Oliver Twist“ und „Harry Potter“.

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Und doch ist der 3-D-Film, der auf dem Roman „The Invention of Hugo Cabret“ von Brian Selznick basiert und bei den Oscars mit elf Nominierungen ins Rennen geht, ein Märchen voller Überraschungen - und eine Hommage an die frühe Filmgeschichte.

Zu Beginn scheinen sich die Rätsel in überschaubaren Grenzen zu halten. Der zwölfjährige Hugo (Asa Butterfield) hat seinen Vater (Jude Law) bei einem Museumsbrand verloren und lebt nun mit seinem Onkel Claude (Ray Winstone), einem schweren Alkoholiker, unter dem Dach des Pariser Bahnhofs. Statt in die Schule zu gehen, muss der Bub von nun an das Uhrmacherhandwerk Claudes erlernen - und als dieser spurlos verschwindet, übernimmt Hugo seinen Job und kümmert sich täglich um die Bahnhofsuhren.

Das Geheimnis des Automatenmenschen

Der einzige Trost für Hugo ist ein kaputter Automatenmensch, den ihm sein Vater hinterlassen hat. Er hofft, den Androiden eines Tages reparieren zu können und so eine versteckte Botschaft seines Vaters zu finden. Eines Tages lernt er im Bahnhof die gleichaltrige Isabelle (Chloe Grace Moretz) kennen, die ihn von nun an beim Abenteuer auf der Suche nach dem Geheimnis des Roboters begleitet. Ein Geheimnis, das eng mit dem von Georges Melies (Ben Kingsley), dem griesgrämigen Pflegevater des Mädchens, verbunden ist - der zugleich die Brücke zwischen Märchen und Realität in „Hugo Cabret“ darstellt.

Filmszene aus "Hugo Cabret"

2011 GK Films/Jaap Buitendijk

Hugo (Asa Butterfield) versucht das Geheimnis von Georges Melies zu enträtseln

Über einen Pionier des frühen Kinos

Denn während die Rahmenhandlung über den kleinen Hugo rein fiktiv ist, war Melies tatsächlich ein Pionier des Kinos, der mit seinem beeindruckenden Oeuvre von 500 Filmen als Erfinder des „narrativen Films“ und der Stop-Motion-Technik gilt. Scorsese gelingt es mit viel Fingerspitzengefühl, die Anfänge der Filmgeschichte - ausgehend von den revolutionären ersten Bewegtbildern der Brüder Lumiere bis zu Melies’ Gustostückerln - in das Märchen einzuweben.

Doch auch neben dem Originalmaterial finden sich jede Menge Zitate und Referenzen in „Hugo Cabret“. So liefert der britische Brachialkomiker Sascha Baron Cohen als Bahnhofsinspektor mit ungewohnt feiner Klinge Slapstick-Einlagen nach dem Vorbild Charlie Chaplins, an dessen letzten Film „Moderne Zeiten“ auch das im Film durchgängig verwendete Zahnradmotiv erinnert. Auch der Lumiere-Klassiker „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ kommt nicht nur im Original vor, sondern wird von Scorsese - passend zum Bahnhof als Hauptschauplatz des Filmes - gleich mehrfach zitiert.

Scorseses erster Kinderfilm

Neu ist die Beschäftigung Scorseses mit der Filmgeschichte keineswegs, im Gegenteil - gründete er doch bereits 1990 die gemeinnützige Organisation „The Film Foundation“, deren Zweck es ist, alte Filme zu retten. Eine Premiere ist „Hugo Cabret“ für den Regisseur jedoch dennoch gleich in zweifacher Hinsicht - es ist sowohl sein erster Kinderfilm als auch sein erstes Werk in 3-D.

Statt die Technik, die seit 2009 in zahlreichen Filmen mehr oder weniger erfolgreich verwendet wird, jedoch für actionreiche Szenen einzusetzen, kreierte Scorsese damit beeindruckende Kamerafahrten durch den historischen Pariser Bahnhof, die verschneiten Straßen der französischen Hauptstadt und die Tiefen der mechanischen Riesenuhrwerke.

Hinweis

„Hugo Cabret“ ist ab Freitag in österreichischen Kinos zu sehen.

Durch die am Ende des Films in 3-D gezeigten Ausschnitte aus Melies’ bekanntestem Film „Le Voyage dans la Lune“ („Die Reise zum Mond“) - dem ersten Science-Fiction-Film überhaupt - gelingt Scorsese die Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart des Kinos. Und zugleich eine anspruchsvolle Geschichte über die Suche nach dem Platz im Leben.

Sophia Felbermair, ORF.at

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