Pannen auf der „Costa Concordia“
Nach dem Schiffsunglück vor der Westküste Italiens wird Kritik laut. Bei der Evakuierung des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ seien die Passagiere nicht hinreichend informiert worden. Zudem habe das Personal Probleme gehabt, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen. Der Kapitän wurde nach einem mehrstündigen Verhör festgenommen.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Schiffskapitän Francesco Schettino bestritt am Samstag, dass ein menschlicher Fehler für die Tragödie verantwortlich sei. Wenig später verfügte die Staatsanwaltschaft von Grosseto allerdings seine Inhaftierung. Er muss sich nach Medienberichten möglicherweise wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Ihm werde zudem der Untergang der „Costa Concordia“ zulasten gelegt sowie vorgeworfen, das Schiff verlassen zu haben, bevor alle Passagiere gerettet worden seien, berichteten italienische Medien am Samstag. Diese Vorwürfe wurden auch dem ersten Offizier gemacht.

APA/EPA/Enzo Russo
Der Schiffskapitän bei seiner Verhaftung
Der Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio, sagte vor Journalisten, Schettino habe sich mit dem Luxusliner „Costa Concordia“ „sehr ungeschickt“ der Insel Giglio genähert und einen Felsen gerammt, der sich in die linke Seite des Schiffs gebohrt habe. Dadurch sei das Schiff auf die Seite gekippt, innerhalb von „zwei, drei Minuten“ sei eine riesige Menge Wasser durch den 70 bis 100 Meter langen Riss eingedrungen.
Kapitän bestreitet Fehler
Schettino war mehrere Stunden lang verhört worden. Er hatte zuvor in einem italienischen Fernsehsender gesagt, die „Costa Concordia“ habe einen Felsvorsprung gerammt. Laut seinen Seekarten hätte aber genug Wasser zwischen dem Luxusliner und dem Felsen sein müssen. Er selber sei am Steuer gewesen, als sich das Unglück ereignete.
Das Schiff bekam sehr schnell Schlagseite, daher sei es schwierig gewesen, die Passagiere in kurzer Zeit auf die Schlauchboote zu bekommen, so der Kapitän. Er und seine Offiziere hätten als letzte das Schiff verlassen, nachdem sie festgestellt hatten, dass sich niemand mehr an Bord befand. Den Vorwurf mehrerer Passagiere über Verzögerungen bei der Rettungsaktion wies er zurück.
„Später Alarm“
Laut Augenzeugen war es bei der Rettungsaktion allerdings zu allerlei Pannen gekommen. „Wir haben gehört, wie das Schiff auf die Felsen aufgelaufen ist, aber der Alarm wurde erst eine Stunde später ausgelöst“, sagte ein 26-jähriger Inder. In seiner Umgebung habe es dann nur ein Rettungsboot für 150 Menschen gegeben. Ein Crewmitarbeiter sagte der BBC, es habe Stunden gedauert, die Menschen vom Schiff zu bekommen.

AP Photo/Gregorio Borgia
Durch Risse trat Wasser in das Schiff ein und es bekam Schlagseite
Eine Reihe von Passagieren klagte, die Besatzung habe für die Rettungsaktionen nicht richtig ausgebildet gewirkt. Das zuständige Hafenamt von Livorno ordnete daraufhin eine Untersuchung zur Ursache des Unglücks sowie zum Umgang der Crew mit Rettungsbooten und Schwimmwesten an. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Herbeiführung eines Schiffbruchs.
Eines der modernsten Schiffe
Die „Costa Concordia“ gehört nach Angaben des Eigentümers zu den neuesten und größten Kreuzfahrtschiffen, die derzeit auf den Meeren unterwegs sind. Sie wurde 2006 gebaut und bietet in 1.500 Kabinen Platz für 3.780 Passagiere. Betreiber ist das italienische Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere mit Sitz in Genua. Das Schiff misst 290 Meter und ist rund 35 Meter breit.
„Zu nah am Ufer“
„Wir waren zu nah am Ufer“, sagte ein 70-jähriger Franzose der Nachrichtenagentur AFP. „Man hat uns gesagt, es gebe ein Problem mit dem Generator und weiter nichts“, sagte der Mann weiter, der nach eigenen Angaben ein leidenschaftlicher Segler ist. Nach seiner Schilderung gab es am Freitag um 21.45 Uhr einen ersten Stoß auf der hinteren linken Schiffsseite. Wenig später habe es einen zweiten Stoß gegeben.
Bei der Evakuierung des Schiffes seien die Passagiere nicht hinreichend informiert worden, kritisierte der Franzose. Zudem habe das Personal Probleme gehabt, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen. Schließlich hätten sie die Halterungsseile mit einer Axt durchtrennt. Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ) war auf dem Unglücksschiff und berichtet ebenfalls von schweren Pannen - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

APA/EPA/Colasse
Ein Passagier hielt das lange Warten vor der Evakuierung fest
Passagiere sprangen ins Wasser
Heilfroh, dem Unglück körperlich unversehrt entkommen zu sein, waren am Samstagabend der 53-jährige Maximilian W., Postbeamter aus St. Marein im steirischen Mürztal, und seine Frau Manuela. Sie befanden sich Samstagabend in einem Privatwagen von oberösterreichischen Reiseteilnehmern auf der Fahrt in die Heimat. „Die Crew war völlig überfordert“, sagte der Steirer gegenüber der APA.
Laut Berichten italienischer Medien sprangen einige Passagiere nach dem Auflaufen des Schiffs ins Meer. Ein 70-Jähriger erlitt demnach in dem kalten Wasser einen Herzinfarkt und starb. Ein geretteter Passagier sagte ANSA, er habe einen lauten Knall gehört. Viele Passagiere brachen nach Angaben von Zeugen in Panik aus.

AP Photo/Gregorio Borgia
Rettungskräfte brachten die Menschen auf die nahe gelegene Insel Giglio, wo sie die Nacht in Schulen, Kirchen und Privathäusern verbrachten
Es ist nicht der erste Zwischenfall mit der „Costa Concordia“. 2008 hatte das Schiff bei der Einfahrt in den Hafen von Palermo in schwerem Sturm die Hafenbefestigung gerammt und war beschädigt worden. Zum Zeitpunkt des Unfalls fegten heftige Sturmböen über die sizilianische Hauptstadt.
Links: